IV
Ein Viertelstündchen abseits vom Dorf wohnte der Großbauer Michael, der sieben Pferde und dreiundzwanzig Rinder hatte. Riesele sah einmal vier dieser Gäule an einem mit Steinen beladenen Wagen ziehen, zwei Peitschen knallten über ihnen, die Siele gerrten, Funken stoben aus den Hufeisen, und dies Spiel der Kraft mochte ihm so sehr gefallen, daß es sich den Pferden zugesellte und mit ihnen lief in den großen Hof. Sie konnten es gut leiden, die dicken Gäule, sie drehten allesamt die Köpfe nach ihm, sie ließen es an ihrem Trog Wasser saufen, ja, sie schoben es förmlich zu sich in den Stall, so daß Riesele mit ihnen fressen mußte aus ihren hohen Krippen. Ha, wie fühlte sich das Zwergfüllchen so wohl! Die sieben Kerle standen da in Reih und Glied nebeneinander, Knechte putzten an ihnen herum, daß die vollen Backen zu blinken anfingen, warme Dämpfe stiegen von den breiten Rücken in die Höhe, und die Schweife tanzten nur so!
Riesele begann den Schweiß zu lecken, Riesele lief von dem einen zum anderen, Riesele ließ sich von allen liebkosen und streckte den Kopf auch den Knechten zu, die es liebreich tätschelten. Ueberallhin sprang Riesele in dem ungeheuren Stall, schlüpfte gar durch einen schmalen Verschlag hinüber in den Kuhstall, und die sieben Gäule drehten die schweren Köpfe an den dicken Hälsen hinzu nach dem Verschlag, sei es, daß sie selber gern einmal hindurchgeschlüpft wären zu den Kühen, sei es, daß sie das Gäulchen den plumpen Milchkühen nicht gönnten. Dies Kerlchen, — man war selber einmal so lieblich und klein, man hätte selbst gern solch ein Kind gezeugt, solch ein Kind sein eigen genannt — dies Kerlchen sprang nun zwischen den Kühen herum, und keine Magd jagte es fort! Sie standen beisammen, die Mägde, und schwatzten.
Die Knechte gingen gar hinüber und stellten sich zu ihnen, und der kleine Mann war nicht mehr zu sehen! Ein Hinterbein nur, ein Stück des linken Ohres: die Gäule wurden unruhig, wieherten, rissen an ihren Ketten, schlugen mit den Hinterhufen auf, als sei ein Bienenschwarm über sie hergefallen.
Da auf einmal gab's ein Geschrei:
„Er wirft mir die Milch um!”
Sie stoben auseinander, die Mägde, die Knechte lachten laut auf, ein Eimer kollerte übern Steinboden, und Riesele kam in großen Sätzen durch den Verschlag in den Pferdestall zurück. Ha, wie freuten sich die Gäule!
Aber da stand plötzlich ein kleines Mädchen in der Tür, wagte sich nicht näher, rief: „Riesele, Riesele,” und alle Herrlichkeit hatte ein Ende, denn das Riesele wandte sich von den alten Gaulmännern ab und lief zu dem Kind und lief mit dem Kind davon, ohne sich nochmals umgeguckt zu haben.
Es kam wieder, das Milchkind! Es kam schon am nächsten Tage wieder! Zwei der Gäule zogen hinterm Haus den Pflug, zwei zerrten die Egge hinterdrein, zwei trabten mit dem leeren Steinwagen den Hügel hinauf, und der siebente, der dickste, hatte eine Fuhre Mist hinter sich hängen und stand noch im Hof, an der Mistkaute. Dieser allein sah das Riesele an sich vorüberspringen, sah es ohne Gruß an sich vorüberspringen, als wenn ein Gaul, der das Unglück hat, Mist ziehen zu müssen, deshalb keiner Achtung würdig wäre! Das eingebildete Aeffchen rannte schnurstracks in den Pferdestall, und da es niemand zu Hause fand, legte es sich ein Weilchen auf den Platz in der Mitte und schlief in dem großen Bette ein, wie alle Kinder es so gerne tun! Es wachte auf, als draußen der Mistwagen den Hof hinausratterte. Eiligst hob es sich auf die Beine, lief hinter dem Wagen drein, kehrte aber, noch bevor es ihn erreicht hatte, um und erblickte die Pflüger und die Egger und rannte nun, so schnell es konnte, hinters Haus, um sich den Pflügern zugesellen zu können.