„Aber er war doch stärker als der Riese, und ich hab's doch nicht gewußt!” heulte Trudel.
„Gewußt, gewußt! Trudelein! Du hast's doch selbst getauft! Und getauft ist getauft! Oder willst du dein Gäulchen dreimal taufen lassen, wie's dem Schalk aus Braunschweig geschah, und willst du haben, daß Riesele gleich diesem Schalk ein Taugenichts werde und ein Tagdieb? Sei stille, sei stille!”
Trudel, von der Unabänderlichkeit zerschmettert, ließ sich niederfallen und ihr Geschluchz hub stärker an.
Da wieherte draußen das Riesele, da knallten auch schon die kleinen Hufe wieder im Hausgang! Die ganze Klasse begann zu schreien vor Freude, der Gustav und der August liefen an die Tür, den kleinen Frechdachs fernzuhalten, hinauszuführen, aber dieser schlüpfte unter ihren Händen durch zum Saal herein und schnurstracks auf das Trudelchen zu, das bei den Kleinsten in der vordersten Bank saß.
Diesmal, weil der Pfarrer im Saale war, zögerte das Mädchen nicht. Es schämte sich nicht! Allein es hatte gar nicht Zeit, sich zu schämen, sein kleines, ungestümes Herzchen hüpfte von selbst auf die Bank, nahm das kleine, sechsjährige Körperchen mit in die Höhe, es legte die nackten Arme um des Riesele schwarzen Hals, es küßte das Riesele auf die weiße Blesse und riß es an der in Jugendwuchs strotzenden Mähne mit sich fort, zur Schule hinaus und rief immerzu:
„Dävidele, Dävidele!”
Der Lehrer, der im Hofe auf- und abging und seinen Aufsatz auswendig lernte, kam eiligst herein, aber die zwei Kleinen waren schon draußen.
„Riesele hat einen sehr gesunden Drang nach — nach — nach, Herr Pfarrer, nach Weisheit in sich!” meinte der Lehrer, „gestern war es auch hier!”
„Es weiß nicht, was es tut!” erwiderte der Pfarrer pfiffig, „ihm soll verziehen werden! ... Uebrigens, wenn das Riesele ein Esel wäre und nicht ein kluges Ding, ein Pferd, man könnte versucht sein, mit der Schrift zu sagen: er kam in sein Eigentum, aber die Seinen ... Nix für ungut, Herr Lehrer, guten Morgen!!”