Die Mutter aber war durchaus nicht lieb zu ihm! Sie sah mit einem fernen Blick, der keine Liebkosung heischte, nach ihm hin, und Riesele getraute sich deshalb gar nicht so nahe zu ihr, obwohl es Durst hatte und gern an die Mutterbrust gestürzt wäre! Der Bauer nahm sogar die Peitsche, die am Kummet der Trudel stak, schwang sie hoch und riß dem Riesele die dünne Schmicke über die Ohren, daß es, obwohl die Schmicke nicht traf, sich rasch herumwarf und heimwärts lief.
Als es einmal stehen blieb und nach der Mutter umsah, war das Fuhrwerk verschwunden.
Im Stall des Großbauern brüllten etliche Kühe, deren Euter zu schwer geworden waren, nach den Mägden. Allein Riesele hörte den Peitschenknall und zog es vor, heimzutrippeln. Es sah sich nicht mehr nach den Gäulen um, nicht mehr nach den kleinen Kindern und selbst am Schulhof, wo gerade Pause war, raste es vorbei und mißachtete des Brotes und der lauten Rufe.
Je näher es seinem Stalle kam, um so rascher sprang es, es hörte den Peitschenknall an den Ohren, und vielleicht vermeinte es, die Peitsche schwebe noch über ihm wie ein Engel über Kindern ... es rannte, rannte und sah nicht auf, nicht um, ja, der junge Mund, der schlaff nach unten hing, füllte sich mit schaumigem Geifer, und ein weißer Fetzen troff herab und klatschte auf den gelben Huf.
Ein Kind stand da, sah das Riesele den Weg daherrasen; es trug in der Hand einen irdenen Krug mit Milch und erschrak vor solcher Kindeswut im kleinen Gäulchen und konnte nicht ausweichen und blieb stehen mitten auf dem Weg.
Jedoch das Riesele konnte heute nicht bei dem Kind verweilen wie sonst, konnte überhaupt nicht achthaben auf ein Kind. Es rannte das Kind an, daß der Milchkrug fiel, daß er zerbrach und daß die Milch sich weithin ergoß.
Der Schlag schreckte aber nun das Riesele auf aus seinen Träumen; es drehte sich um, blieb einen Augenblick stehen, kam zaghaft näher an das Kind und besah sich die Milch, die in Rinnseln dahinfloß. Einen Augenblick nur, wohl bis es sich überzeugt hatte, daß es diese Milch doch nicht trinken könne, besah es sich das Unglück; dann drehte es sich wieder, schlug sich überaus leichtfertig mit dem lichten Schwänzchen über die Hinterbacken und ging gemächlich weiter.
Ein blütenweißer Gänserich stand da auf einem Bein und schielte zu den Gänsefrauen, die einen Steinwurf entfernt im Sande lagen. Im vergangenen Winter war er der einen Liebster gewesen; offenbar konnte er nicht so rasch vergessen, als er vergessen ward, und er stand da und träumte, und Riesele tappte auf ihn zu, daß er ganz verschreckt die Flügel aufriß und halb flog, halb hoppste und nun, gesammelt, heftig dem Gäulchen nachschimpfte. Die Weiber lachten ihn aus.
Die Hühner hockten vorm Stall; sie standen auf, wie Riesele kam, und setzten sich wieder, als hätten sie nur grüßen wollen! Sapperlott saß auf der Schwelle und hoppste langsam zurück. Drei junge Schwalben zwitscherten auf der nach innen aufgedrehten Tür, eifrig wie alte.
Riesele legte sich seitab von den Hühnern an das Wässerchen, leckte, erhob sich, ging an den Trog und versuchte mit der Zunge zu lecken wie ein Hund und trank dann regelrecht wie ein erwachsenes Pferd. Aeußerst stolz sahen die großen Augen rings auf das Geziefer herab, das doch meinte, Riesele sei noch ein Brustkind! Das Wasser tat ihm gut; es hätte schier nicht mehr aufhören mögen, zu trinken!