Ein Fuhrwerk, mit zwei Kühen bespannt, schob sich in dem tiefgleisigen Weg vorbei; Riesele, das großen Hunger hatte, begann aus irgendeinem Grund, vielleicht aber auch ohne jeden Grund, hinter dem Wagen herzulaufen, bis es die Entenschar daherkommen sah. Der Enterich, dessen Gefieder schillerte, wie wenn er's frisch für einen Feiertag geölt hätte, warf den Kopf rückwärts zur nächsten Ente, sagte: „wack wack”, drehte den eitlen Kopf wieder vor, und eine Ente sagte der anderen dieses Wort, das sicher eine mißliebige Bemerkung gegen Riesele war, denn eine jede zog, nachdem sie gesprochen, den Unterschnabel zurück und lachte auf diese Weise, wie es Enten tun, und wackelte weiter. Riesele schien von diesem verschmitzten Lachen beleidigt zu sein, tappte in die Schar, zerstreute sie und freute sich seiner Tat so sehr, daß es in wilden Sätzen auch die Hühner aus ihrem trägen Brüten aufjagte und wunder meinte, was für ein Held es sei! Denn es turnte wieder an den Wassertrog, tunkte ungestüm den Kopf bis fast zur Hälfte hinein und schüttelte die Wassertropfen nun über die Hühner hin, die schon wieder beisammen saßen. Das schien in der Tat ein Heldenstück, war aber keineswegs ein solches, war Not, nicht Tugend, sofern ein Heldenstück dieser Art überhaupt Tugend sein kann.

Riesele war größer und kräftiger als das Federvieh zusamt den Gänsen, aber es war auch jünger! Die Gänse und die Hühner und die Enten hatten sich ihren Lebenskreis schon lange gezogen und waren fertige Leute! Riesele aber fing erst an, sein Leben sich zu zimmern, und es wäre eine schöne Sache, wenn berichtet werden könnte, daß aus diesem Grund das Federvieh, wie es reifen Leuten zukommt, die Quertreibereien des Gäulchens geruhsam über sich hätte ergehen lassen! Man weiß indes: sie wichen der Gewalt!

Oft, sehr oft mußten die pflichttreuen Tiere der Gewalt dieses Tollpatsches weichen. Ausgebreitete Hühnerflügel, flatternde Schwänze, das Durcheinander des Entenwacks wirkten jeweils auf das Riesele wie Disteln unter seinem Schwanz, und es geschah nicht selten, daß die Hühner flüchten mußten, sich mühsam aufschwingen mußten auf die Stalltür, auf die Wagenleiter, oder daß sie auf- und davongehen mußten ins Gras, so wild gebärdete sich Riesele! Die armen Enten: sie trugen von ihrer Stammutter her den Drang nach der Ferne im Blut, sie sahen alltäglich ihre wild und frei gebliebenen Schwestern übers Tälchen streichen und ins Röhricht einfallen, wo sie ihren verletzenden Freiheitsruf immerhin lockend erschallen ließen, sie spotteten der zahm, gesinnungstüchtig, eierlegend, aber auch schwerfällig und dick gewordenen Hausenten, und diese, obwohl sie des Dranges nicht ledig waren, konnten ihren plump gewordenen Körper um keinen Preis mehr in die freien Lüfte erheben und hätten's doch so gerne getan. Hätten's doch zu allererst deshalb so gern getan, um diesem Tunichtgut rasch entflattern zu können und nicht mühselig und stets seines Hufs gewärtig, aus der unbestimmten Bahn entwackeln zu müssen! Die armen Enten! Sie haßten das Riesele sehr!

Ganz anders verhielt es sich mit den Gänsen! Sie waren neun an der Zahl, sie trugen das Bewußtsein ihrer Stärke in sich, sie konnten das Riesele, wenn wirklich ein Ernstfall entstehen sollte, mit ihren Schnäbeln und mit ihren schweren Flügeln schon dermaßen verhauen, daß es — der graue Gänserich ist neulich einem Kalb an die Kehle gesprungen — daß es gerne die Flucht ergreifen würde! Auch das Riesele wußte das! Aber was sollten die großen Gänse Händel suchen, weil die kleinen Enten sich nicht selber verteidigen konnten, ihre Natur ganz und gar vergessen hatten, sich also auch nicht mehr zu retten vermochten, wenn der Feind stärkere Kräfte ins Feld führen konnte, als ihnen zur Verfügung standen! Törichtes Entenvolk!

Die Peitsche, jeweils die Peitsche, mußte solchen Zwist schlichten, und darnach vertrug man sich wieder, hielt Freundschaft und fraß aus einer Schüssel.

Das Schlimmste aber an all diesen Mißhelligkeiten war, daß die Kinder immer und immer wieder einseitig und urteilslos Partei ergriffen für den, der Hilfe am wenigsten nötig hatte, für Riesele!

Aber es muß doch gesagt sein, daß das Geflügel auch wieder seine Freude hatte an dem tollen Vierbein, und daß selbst die Enten sich jeweils mehr über sich selber ärgerten, als über das Riesele! Die Enten, die Hausenten, sind das Opfer ihrer Bequemlichkeit geworden, sie sind's nun einmal, und wissen sich drein zu schicken!

Die Geißen im Stall trugen auf der Stirn wie gezückte Schwerter die beiden Hörner und blieben unbehelligt, und ihre Jungen verstanden den Kindskopf Riesele besser als alles Geziefer und tollten mit ihm, wenn es tollen wollte, und legten sich neben es, wenn es schlafen wollte. Es kam oft vor, daß neben, ja dicht an und auf dem tiefschwarzen Füllenrücken ein schneeweißes Geißlein schlief oder gar zwei, und Sapperlott, der Hasenvater, der offenbar einen besonderen Sinn für Farben hatte oder auch für Musik, brachte kein Auge zu und sah und hörte nicht, was um ihn vorging, wenn Schwarz und Weiß in solcher Eintracht beisammenlagen wie ein preußisches Fähnlein.