Der Cornel muß gehütet sein!
Wer kann den Cornel hüten?
Ich will mein Schwein behüten fein,
Mag seins der Kaiser hüten!
Der Kaiser muß behütet sein!
Wer mag den Kaiser hüten?
Sein lieber Gott behüt ihn fein!
Mög mich der meine hüten!
Das Liedchen führte die zwei Wanderer bis ans Birkenwäldchen. Sie legten sich nebeneinander nieder, der Hirt steckte dem Riesele dunkelblaue Glockenblumen ins Halfter, setzte das Horn an die Lippen, und das Riesele starrte übers Wiesentälchen hinunter an seinen Heimatstall, wo der Bauer emsig die Balken des Gefängnisses einschlug. Riesele hörte die Axt knallen, und der Hirt, als er das erste Lied geendet hatte, nahm sich den zierlichen Ponykopf an die Brust, streichelte ihn, zerrte an den Ohren, kribbelte an der Blesse herum, strich mit den Fingern durch die Furche, die den Rücken hin die zarten Backen teilte, und schob die Hand quer in den Pferdemund und sagte:
„Riesele, ich weiß, was es da unten gibt! Sie werden dich einsperren, wie sie mich eingesperrt haben, und werden's aus demselben Grund tun! Wir sind freier wie sie, wir sind fröhlicher wie sie, und das können sie nicht vertragen! Sie laufen, seitdem sie sich selber aus dem Paradies vertrieben haben, mit Handschellen umher wie Sträflinge, mit Handschellen umher wie Mausfallenhändler, und wo sich die Freiheit regt, da schnallen sie an! Die Unfreien haben das große Wort an sich gerissen, und sie haben es im Laufe der Jahrtausende fertig gebracht, daß alle Menschen unfrei wurden, so unfrei, daß die wahrhaft Freien sich ihrer Freiheit wegen verdächtig vorkommen, sich ihrer schämen, an ihrer Freiheit straucheln, sich ihrer Freiheit fluchen und schließlich sich ihrer Freiheit entäußern! Sich freiwillig der Freiheit entäußern, das tun oft ganz gute Christenmenschen und meinen, das sei der höchste Grad der Freiheit! Doch sag selbst, Bruder Riesele, wenn du jetzt aus freiem Entschluß in deinen Hag stolzierst, so magst du zwar ein guter Christengaul werden, bist aber trotz aller Philosophie kein freies Geschöpf mehr! Und Geschöpf sein, das heißt noch lange nicht, wie sie meinen: unfrei sein! Auch ums Paradies haben die Unfreien, die Umzäunten, einen Zaun erfunden, weil sie Gott nach ihrem Bilde und Gleichnisse formen wollten. Einen Schutzmann machten sie aus ihm, einen Zirkusdirektor, der die Taschen voller Zucker trägt und innen, unterm Faltenrock die allmächtige Peitsche! Nein, nein, Riesele: die wahre Freiheit haben wir in uns, oder aber wir sind schlechter als unsere Tiere! Bleib schön liegen, Riesele, ich bin noch nicht ganz fertig!”
Der seltsame Sauhirt, der sicher von sich vermeinte, ein göttlicher Eumäos zu sein, hielt inne mit seiner Rede über die Freiheit und zog den Kopf des Riesele näher an sich, so daß das Tier die entblößte Kehle seiner Hand darbieten mußte. Der Mann spielte mit den Fingern an dieser Kehle, was dem Riesele erst gut gefiel, was es aber doch nicht lange ertragen mochte. Es sprang auf; drei Johanniskäferchen schwirrten grelleuchtend um es her, so dunkel stand der Abend schon vorm Wäldchen, und die grünlichen Signale verwirrten es so sehr, daß es zu laufen begann und nicht wußte, wohin es lief.
Dem Hirten pochte das Herz: er hatte das Riesele mitgenommen, jedermann mußte es gesehen haben, er hatte also auch die Verantwortung über das Kind, und schließlich, wenn der Hirte des Hirten bedurft hätte, so hätte die Gemeinde nicht ohne Recht diesen bedürftigen Schweinehirten jener Obhut übergeben können, die er so sehr fürchtete.
„Sie dürfen dich nicht wieder zum Verrückten machen, Cornel!” sagte er laut in den Abend, ergriff sein Waldhorn aus dem Grase auf, setzte es an und schmetterte seinen gradlinigen Militärmarsch übers Dorf hin, daß sicher alles, was schon schlief, erwachte, und alles, was noch im Stall hantierte, mit neuer Kraft sich anspornte. Er spielte ja nur, um das Riesele wieder zu sich zu locken, aber das Riesele trabte im Dämmerlicht weiter am Waldrand hin, fraß an den Brombeerhecken, zauselte an herabhängenden Zweigen, und die Glühwürmchen, die aus allen Richtungen aus dem Gras, aus den zerstreuten Heuwellen, aus den weißdurchtupften Rosenhecken aufschossen, — und der Heugeruch selber und das aufdringliche Gequak der Frösche unten im Wassergraben setzten seinem jungen Herzen so sehr zu, daß es des strammen Marsches nicht mehr achtete und wahllos weiter lief, einerlei, wohin es kam! Ja, das lockende Waldhorn jagte das Riesele eher weiter weg, als daß es lockte.
Cornel, der Hirt, hing das Horn um die Schulter und begann, den Weg hinzulaufen, den das Riesele eingeschlagen hatte. Er horchte, er legte das Ohr auf den steinigen Boden, den Huftritt zu erlauschen, er lief wie ein Hund, der eine Spur erschnuppert, allein er sah und hörte das Riesele nicht. Die Sichel des Mondes spitzte überm Waldrand; kleine Wolken rasten gegen ihren Bogen, als wollten sie geschnitten sein wie Gras.