Es war indes doch die Zeit gekommen, daß die Hufe des Riesele breiter wurden, sein Magen größer, seine Kraft heftiger, die Zeit, da es von der Gasse genommen werden mußte in das Gehege des Zaunes. Als der Bauer Klaus diesen Hag gegenüber der Wohnstube in die Wiesen schlug, merkte Riesele sicher, was für ein Geschick sich da erfüllen wollte. Trudel, die Mutter, die ohnedies an dem Gassenbuben zu wenig eigene Freude hatte und um so mehr Kummer und Bangen ausstehen mußte, zog auf dem kleinen Wagen selber die Pfähle herbei aus dem Birkenwald. Sie tat es gerne, die Pferdemutter! Denn wenn Riesele jeweils, wie es seine Art war und wie es überhaupt die Gewohnheit aller guten Kinder ist, gerne zur Mutter, die in die Arbeit ging oder von der Arbeit heimkehrte, hinsprang, sich ein paar Küsse zu holen, ein paar Küsse zu verschenken, so konnte jedermann, der ein waches Auge hatte, wahrnehmen, daß diese Liebkosungen nicht nur seltener, sondern, — und dies war noch ungeheuerlicher, — daß sie weniger zärtlich wurden! Ja, es kam vor, daß die getreue Mutter auf einen ganzen Tag fort in den Wald mußte, schwer schaffen mußte, und am Morgen nicht einen lieben Blick, nicht ein kurzes „Wiedersehen” bekommen hatte vor lauter „Gasse”, und daß sie alsdann im Schweiße ihres Angesichtes auch nicht mit Wohlbehagen und süßer Hoffnung, wie andere Mütter sie doch stets mit sich tragen können, auf einen frohen Abend rechnen durfte.

Solchergestalt kann es nicht wundernehmen, daß Trudel, die Stute, den Augenblick ersehnte, da die Birkenstämme abgeladen wurden, und es nimmt weiterhin durchaus nicht wunder, daß der Gassenbengel wußte, worum sich's drehte, und daß er fortlief in's Weite, recht weit von den Balken des Zuchthauses fort! Mütter wissen ja immer die Erziehungsmaßregeln, die nicht sie über ihre Kinder verhängen, die sie selber seinerzeit als Zwang empfunden haben, ihren Kindern recht eindringlich und nachdrücklich hinzustellen, und etwa zu sagen: „Wart nur, wenn der Vater heimkommt,” oder: „Wart nur, wenn du in die Schule kommst!” Es ist ein Glück, daß sie dabei übersehen, wie sie sich selber vor sich selber bloßstellen ...

Da gruben Vater und Buben Löcher aus dem Wiesengrund, zwei Pfähle ragten schon eingerammt gleich ungeheuren drohenden Gerten gegen Riesele auf, die Gänse lachten, die jungen, frechen Hähne flogen oben drauf und versuchten zu krähen, um das Riesele, das Reißaus nahm, zu foppen. Riesele blieb stehen, sah sich um, schleuderte leichtsinnig die Hufe in die Luft und lief fort! Es lief dem Dorfe zu und hörte hinten im Armenhäuschen ein Waldhorn blasen und lief dem Waldhorn nach.

Im Armenhaus wohnte der Schweinehirt, der einzige Mensch, der mit dem Riesele noch nicht Freundschaft hatte. Er blies das Waldhorn! Er wohnte da ganz allein für sich, hatte nicht Weib, nicht Kind, kein Tierlein um sich, war aber ein Musiknarr und ein Kinderfreund, wie es nicht viele gibt. Riesele wußte das noch nicht, wußte auch nicht, daß der Musikant der Sauhirt war, und lief dem Liede des Waldhorns nach und streckte den Kopf nach der niedrigen Fensterbank, ohne ihn hineinstrecken zu können. Da sah es den Hirten, den es fürchten mußte, vor einem Spiegel stehen und blasen und sah sein eigen Antlitz in dem Spiegel, der schräg an der kahlen Wand hing.

Der etwas verwucherte Mann legte sogleich das blankgeputzte Blasrohr weg, zog den Schubkasten aus dem Tisch und griff hinein und hielt dem Riesele ein Stückchen Zucker hin. Riesele nahm den Zucker vorsichtig zwischen die Lippen und verschluckte ihn alsdann, und sogleich schob ihm der Hirt ein neues Stück ins Maul und dann noch eins und noch eins! Sie liebten sich, diese beiden!

Der Freund nahm sein Waldhorn wieder, setzte sich auf die Fensterbank und schmetterte einen strammgefügten Marsch an den Ohren Rieseles vorbei, so daß es dem Tierlein ganz seltsam zumute ward. Ab und zu hoben sich die weißgelben Hufe, bald dieser, bald jener; ab und zu hob sich das vernaschte Maul, ab und zu erschien eben aus dem Maul die Zungenspitze rot wie Himbeereis und verschwand wieder.

Als aber das Gäulchen das Maul auf die Fensterbank hob und liegen ließ und die Luft aus den kleinen Nüstern stieß, daß der Staub aufwirbelte, da begannen die Kinder, die um es her standen, zu lachen. Der Hirt merkte sogleich, daß dies Lachen dem Riesele peinlich war, denn er wußte Bescheid in solchen Sachen der entzückten Seele, und er sprang aus dem Fenster und gab dem Gäulchen wieder ein Stück Zucker, und er griff ihm ans neue Halfter, und es folgte ihm. Die Kinder durften nicht mit.

Die beiden schritten dem Birkenwäldchen zu, und als sie die letzten Häuser hinter sich hatten und keine Kinder mehr zu sehen waren, da band der Hirt sein Waldhorn dem Riesele an den Hals und sang:

Das Schwein, das muß gehütet sein!
Der Kastor kann es hüten!

Der Kastor muß gehütet sein!
Der Cornel kann ihn hüten!