VI

Von nun an also sah man das Riesele nicht mehr auf den Gassen umhertollen. Es ward eingesperrt! Der Zaun, im Geviert vor der Wohnstube des Bauern errichtet, war aber stets lebendig: Buben hockten drauf, Mädchen selbst erkletterten ihn und ließen die bloßen Füße herabbaumeln, und da er sehr fest aus dicken Balken gezimmert war, konnte manchmal die ganze Dorfjugend auf den Balken Platz finden. Die Buben liefen mit weitausgestreckten Armen sicher wie Seiltänzer drüber hin, und die Erwachsenen lehnten sich an, um wie vertraute Nachbarn das Gäulchen zu beobachten.

Es lief da innen am Zaun entlang, biß an den Birkenrinden sich die Lippen blutig und hälmelte spärlich an dem zertretenen Gras des Bodens. Rundum, den Zaun entlang, war bald ein Pfad festgetrampelt, und an den Balken nach der Wohnung zu wuchs auf einen Meter breit kein Halm mehr.

Die Unfreiheit schmerzte. Zwar kam niemand vorüber, der nicht dem Riesele ein Stückchen Brot schenkte, ein Klümpchen Zucker, eine Handvoll Klee, aber es gab doch so viele Stunden, da mußte es allein sein und wußte nichts zu tun, als an der Rinde knuppern, als mit den Hufen scharren. Oft legte es sich mitten in sein enges Reich und schlief oder träumte mit offenen Augen in den blauen Himmel.

Die Augen, die unendlich groß und unendlich dunkel und unergründlich waren, spiegelten alsdann den Hag, die Wiesenhalme, das ferne Wäldchen wider, als ergingen sich diese Schönheiten in der jungen Tierseele, und Trudel konnte sich an diesem Glanze gar nicht satt sehen. Ach, so oft schlüpfte sie durch das Gehege hinein und legte sich neben den Freund und half ihm träumen und scharren und knuppern, wenn's nötig war. Es geschah aber auch, daß andere Kinder ins Bereich schlüpften, um mit Riesele im Gefängnis herumzutollen, und diese Stunden des Spiels waren dann die wenigen Feststunden, da Riesele sein Elend vergessen konnte.

Die Mutter Trudel mochte in sich fühlen, daß ihr Kind schon Verständnis habe für die Arbeit, oder doch, daß nun die Zeit gekommen sei, ihm dieses Verständnis beizubringen, und immer, wenn sie angespannt wurde, zerrte sie an ihren Strängen nach dem Kinde hin, das freilich, seit es eingesperrt war, mehr nach der Mutter umsah als ehedem. Ja, die Mutter wollte sogar nicht mehr ziehen, blieb stehen und ließ sich mit der Peitsche schlagen und stieß klagende Schreie aus und ward bei der erzwungenen Arbeit unruhig und wirr. Der Bauer wußte ja gleich, was sie wollte; aber er vermeinte, das Zwerggäulchen noch ein Weilchen wachsen lassen zu sollen, bevor ihm der Ernst des Lebens könne gezeigt werden.

Wahrscheinlich aber ist, daß die Mutterstute — man weiß, wie Mütter sind — ihr Kind nicht deshalb bei sich haben wollte, daß es lerne, den Wagen und auch den Pflug zu ziehen, sondern daß sie es nur deshalb bei sich haben wollte, um es eben bei sich zu haben! Der Bauer Klaus ließ also das Gäulchen vorerst noch ein Weilchen in seinem Hag und achtete der flehentlichen Muttersorgen nicht. Der Raps war zudem reif und mußte heimgefahren werden, im Rindenwald, gegenüber vom Birkenwäldchen, kläpperten Eichenschäler seit drei Tagen die jungfrischen Rinden von den Stecken, und: eine Fuhre Rinden nach dem Bahnhof im Nachbarstädtchen bringen, das trug schon etwas ein! Da konnte man einen Schüler nicht ohne weiteres nebenher laufen lassen!

Riesele blieb also in seinem Gefängnis und hatte nichts zu tun als auf die Kinder warten, bis die Schule aus war, als an der Rinde zu nagen wie eine Maus, als den Boden zu zertrampeln wie ein Töpferlehrling. Die Leute des Dorfes beachteten Riesele von Tag zu Tag weniger, sei es, daß sie ihm aus irgendeinem Grund feindlich gesinnt waren, sei es, daß sie seiner überdrüssig wurden! Wer brachte noch ein Stück Brot? Wer ein Klümpchen Zucker? Selbst die Kinder des Hauses kamen seltener und liefen lieber den Seifenblasen nach, die sie doch nicht erreichen konnten, denn Seifenblasen schweben in den Himmel!