Der Pfarrer, wenn er vorüberging, rieb wie die Kinder mit dem Zeigefinger auf dem Daumen und ging vorüber! Der Lehrer, wenn der vorüberging, blieb wenigstens einen Augenblick stehen, griff herein ins Gefängnis, holte sich den willigen, ach, den der Liebe so sehr bedürftigen Kopf des Riesele, streichelte über die Blesse, streichelte über die warmen Augen, hob mit beiden Händen des Gäulchens volle Lippen auseinander und befühlte die Zähne! Der Bürgermeister, der offenbar eifersüchtig war, weil das Riesele nicht ihm gehörte, guckte immer, wenn er in die Nähe des Hauses geriet, in irgendein Schriftstück, als könne er nur ganz langsam lesen, und ging vorüber ohne Gruß, ohne Blick! Vom Polizeidiener nicht zu reden! Dieser Mensch hatte Humor in sich, hatte wiederholt mit seiner Schelle am Hag ein kleines Konzert zusammengeläutet, hatte wiederholt mit dem Stiel seiner Schelle das Riesele am Bauch gekitzelt: dieser Mensch wollte oder durfte, sicher, weil der Bürgermeister eifersüchtig war, mit Riesele sich nicht mehr abgeben!

Nur ein Freund blieb treu, und das war Cornel, der Schweinehirt! Er trieb, seit er aus dem Wachtstübchen wieder entlassen war, allmorgendlich seine Schar Schweine auf einem großen Umweg an Rieseles Hag vorüber, er kam heran, erzählte etwas, was ihn gerade erfüllte, und das Riesele tat sich die Musik seiner Worte, deren tiefen Inhalt es ja nicht erfassen konnte, ins Herz und bewahrte sie getreulich auf für die leeren Stunden des Tages, da es allein sein mußte mit seiner Armut. Oft, wenn es den Freund nicht sah, hörte es die Lieder seines Waldhornes aus den Häusern hinter der Kirche schweben und hatte genug der Freude für ein paar Stunden.

Eines Morgens aber sieht der Bauer den Cornel mit seinen Schweinen vorm Haus halten und wird über die Maßen wütend.

„Was hältst du hier mit deinen Säuen!” fährt er ihn an, „ist mein Hof etwa ein Weidplatz für deine Säue? Willst du machen, daß du fortkommst, du Faulenzer! Willst du mir auch das Riesele versauen?”

Cornel sagte nichts dagegen und trieb seine Herde, die gar nicht groß war, den Weg hinunter, indes Riesele traurig ihm nachsah und seinen Säuen.

Die Gänse kamen herein, schritten überaus stolz am Gäulchen vorbei, als wollten sie sagen: jag uns doch fort, wenn du den Mut dazu hast! und sie schlüpften wieder hinaus in die Wiese. Die Enten kamen herein und schritten schnurgerade auf der anderen Seite wieder hinaus. Sie hatten nicht Eile, denn sie brauchten keine Angst zu haben vor dem Riesele, das seine Hörner, wie man so sagt, für Enten schon genügend abgestoßen hatte. Oft, sehr oft, wenn Riesele dalag und träumte, kamen sie unversehens herein, setzten sich zu ihm und steckten die Schnäbel in die Flügel zurück. Auch die Hühner kamen alsdann, die jungen, die schon von ihren Hähnen umworben wurden, scheuten sich nicht, dem Riesele die Haferkörner vor der Nase wegzupicken, und in ihrem Uebermut hüpften sie sogar auf seinen immerhin breit gewordenen Rücken und streckten die Flügel von sich. Aber der alte Hahn ging nicht mit in den Verschlag; war seine Schar drinnen, so flog er auf den obersten Querbalken und blieb wie ein Wächter da sitzen.

Trudel, die Mutter, die zwischen Pflicht und Neigung anscheinend nicht recht unterscheiden konnte wie viele Mütter und nicht wußte, was für ihren Liebling gut war, hatte schwere Stunden auszuhalten, weil sie sich bei der Arbeit in ihrer Sehnsucht verzehrte, sich ablenken ließ und obendrein manchen Peitschenhieb verspüren mußte. Das eingesperrte Riesele war doch ihr Kind! Wenn es auch ein Gassenbub gewesen, wenn es auch noch so viel Liebe seiner Mutter verschmäht hatte: es war doch ihr Kind! Jeden Peitschenhieb ertrug Trudel mit einem bestimmten Gefühl, das dem Schmerz ein bißchen Süßigkeit verlieh.

Aber diese Tage waren gezählt; Riesele durfte, als die Körnerfrüchte in der Scheune saßen, mit hinaus! Das Wägelchen steht leer vorm Stall, der Bauer spannt die Trudel ein, Trudel, das Mädchen, riegelt das Gefängnis auf, die beiden Buben bringen Halfter und Leine, und nun, da die Mutterstute so zappelig nach dem Riesele hinstarrt, streifen die Buben das Halfter an den kleinen Kopf, schleift der Bauer die Leine ans Halfter, klatscht Trudelchen in die Hände, und wahrhaftig, Riesele wird seiner Mutter an den Zügel geledert! Links an den Ring des eisernen Zaumes wird der Lederriemen eingeschlauft, und — o Herrlichkeit! — sonst nichts, sonst bekommt das Kind keine Fessel und keinen Strang und darf also nebenherlaufen wie Menschenkinder an Mutterschürzen. Steil standen die Ohren der Stute, fromm unbeweglich ruhten die Hufe im Sand der Geleise, züchtig hing der überaus lange Schweif nach unten, obgleich die Mücken an den Lenden saßen und soffen.

Aufgestiegen, ihr Buben! Trudelchen, voran, neben den Vater gehockt und die Peitsche hinten liegen gelassen! Die Bäuerin stand oben auf der Treppe, stützte die Fäuste in die breiten Hüften und konnte den Mund nicht zusammenhalten vor Freude. Nicht anders als ihr erging es den dreißig Hühnern und dem Herrn Hahn, erging es den Gänsen, den Enten und gar dem Hasenvater, der ausnahmsweise heute Häsinnen um sich herum hatte, unter denen sicherlich etliche seine eigenen Kinder waren. Alle Hühner saßen auf den Balken des Hages und hielten die Köpfe zur Seite geneigt, um besser sehen zu können. Alle Gänse standen am Gartenzaun beisammen, und wenn sie unter sich über ein ganz fernliegendes Thema zu diskutieren schienen, so war das eine bewußte Täuschung: ihre kurzen Blicke zum Gespann, gerade diese ablenkenden Blicke verrieten nur zu deutlich, was in den reduzierten Gänsehirnen vorging! Gänserich, es gilt nicht, wenn du in deinen Federn zu picken vorgibst! Alte Stammutter, es gilt nicht, wenn du dich mit dem Fuß am Halse kratzest, als hättest du einen Wasserfloh! Sie kratzt sich nämlich, — das muß gesagt sein — nur, um unauffällig einen Blick zum Riesele werfen zu können! Offen neugierig und ehrlich wie immer glotzten die Enten mit beiden Augen hinter den breiten, biederen Schnäbeln hervor, und ihr Enterich stand ganz nahe bei Rieseles linkem Hinterbein. Überaus zierlich lag von diesem Beinchen weg ein Schatten überm zertretenen Weggras, aber er verkroch sich alsbald in den größeren Schatten, den der Leib der Mutter warf, und dieser große Fleck verschlang den ganzen Schatten Rieseles, so daß nur ein Ohr noch daraus hervorragte.

Seht es euch an, das Riesele! Ganz Ordnung, ganz straffes Bewußtsein von Würde und Kraft, steht es da in Erwartung der Dinge, die kommen sollen! Keiner von den kleinen, erdgrauen Hufen, die sonst so unruhig sind, getraut sich, zu mucken, keins der Muskelchen, die sonst in fröhlichem Gezwitscher an ihren Knochen umherzitterten, als hätten sie einen Kitzel im Blut, wagt sich, zu wippen, obgleich sie eben, da die Schnaken kitzelten, doch schon einmal tanzen dürften! Kein Haar an Mähne oder Schweif, kein Ohr, keine Lippe, nicht einmal ein Auge untersteht sich, sich zu bewegen! Ganz Ordnung, ganz Kraft, ganz Würde, ganz Wille zur Wohlerzogenheit und Vollendung!