Das Riesele, dessen seelische Regungen verträumt irgendwo umherschweiften, so, als sei dieses Stillestehen schon eine große Tat, schrak heftig zusammen, als der Bauer hinten aus dem Wagen rief:

„Hü, voran!”

Es war sogleich schon einen Schritt zurück und mußte schon laufen. Es lief, und die Mutter nahm ihren Schritt kürzer; das Riesele aber schoß voraus. Unsanft zerrte die Leine am Halfter. Nach drei Schritten war Riesele wieder zurück, nach drei weiteren wieder voraus. Seine Hinterbeine blieben nicht bei der Mutter; sie wandten seitab, und der Kopf drückte gegen den Kopf der Mutter, die gewaltsam an sich hielt. Ja, es geschah, daß das Riesele an seiner Leine riß, die Hinterbeine nach vorn rennen ließ, so daß die beiden Pferdeköpfe fest aneinander standen, und die Deichsel das Riesele arg bedrohte.

Es wäre gern wieder zurückgeturnt an seinen Platz, aber es konnte nicht! Die Mutter durfte nicht ausweichen, weil die Leine dies nicht zuließ (sie selber hätte in diesem Fall fünf gerade sein lassen, wie man so sagt, und wäre dem Drängen des Kindes auf den Kleeacker gefolgt, diese Mutter!) und so blieb sie stehen, und Mutter und Kind sahen sich hilflos an!

Der Weg bog auf die breite Landstraße, und das war ein Glück!

Es darf nicht verschwiegen werden, daß Riesele zur Seite der Mutter, als nun die breite Landstraße verführerisch genug auch noch in den Schatten des Waldes einbog, allzusehr geneigt war, Bocksprünge zu machen, daß der Bauer Klaus, in der Meinung, diese Tollheiten würden schon bei der zweiten Reise aufhören, allzu nachsichtig war (Gustav dachte ein übers andere Mal für sich: bei seinen Kindern war er nicht so gutmütig!) und daß auch die Mutter, eingedenk der eigenen Jugend dem Gäulchen Freiheiten gestattete, die sie (und der Bauer Klaus und noch viele Kläuse und wohl fast alle) vom Standpunkt ihrer Wohlerzogenheit durchaus nicht mehr Freiheit nennen konnte!

Eichenschälholz sollte geholt werden! Es saß in einer Schneise rechtsab von der Straße im frischentblößten Schälwald. Die Schneise war aufgeweicht, und schmutziggelbes Wasser stand in Lachen beisammen, und Wasserschneider, Libellen und Stechmücken umschwirrten den Schmutz. Vereinzelt warfen alte Tannen, riesige Eichen etwas Schatten über'n Weg, und das Riesele scheute vor den Lachen, scheute vor den Libellen, vor den gigantischen Bäumen, selbst vor den Schatten! Die Peitsche schwirrte auf, aber die Peitsche machte die Unruhe noch größer und verschwand wieder. Die Mutterstute begann schließlich auch zu bockeln und kam nicht mehr von der Stelle.

„Wart, Bürschele!” sagte der Vater, „du kommst mir wieder einmal mit, Holz holen, bevor du übern Zaun gucken kannst!”

Er stieg ab; auch die Kinder stiegen ab, das Riesele ward von der Seite seiner Mutter genommen und neben im Wald an einen Pfahl, der zwei Meter Schälholz hielt, angebunden. Allein mußte es hier zurückbleiben, ganz allein, so sehr die kleine und die große Trudel auch flennen mochten. Das Fuhrwerk schob sich tiefer in den Wald hinein und blieb an der langen, leuchtenden Schälholzreihe halten.

Riesele sah und hörte, wie die gelben Prügel aufgeladen wurden, wie selbst das Mädchen eifrig bei der Arbeit war und sich nicht um seinen Freund kümmerte. Es riß an seiner Leine: sie war stark! Sie war stärker als das Riesele, aber der eingerammte Pfahl erbarmte sich und gab nach und fiel schließlich um, so daß der Holzstoß zusammenrutschte. Niemand hörte den Schall!