Riesele sieht sich noch einmal um, weiß nicht recht, soll es zu der Mutter laufen und zu ihren Peinigern — oder soll es heimzu rennen? Es rennt schließlich heimzu und schleift den Eichenprügel, der an seiner Leine hängt, hinter sich her, den Prügel, der sich seiner erbarmt und ihm die Freiheit gegeben hatte.

Es lief nicht die Landstraße, die es hergekommen; querfeldein lief es wieder wie ehedem, denn der ausgetretene Weg der Ackergäule und der Ackerkühe widerte sein ursprüngliches Gefühl an, das eigene, wenn möglich: verbotene Wege zu gehen wünschte!

Da lag im Schatten eines alleinstehenden Buchengesträuchs Cornel, der Hirt, und seine Schweine grunzten weitaufgelöst im warmen Schlamm, der von blühenden Ginsterbüschen grell durchtupft war. Cornel hatte hinterm Ohr eine Kuckuckslichtnelke stecken und las im Buch der Droste. Wie er das Riesele kommen sieht, stützt er sich auf und sagt:

„Na, Riesele, heute merkst du's noch, wie dir der Knüppel zwischen den Beinen herumfällt! Morgen schon wirst du's nicht mehr merken, und übermorgen, — solltest du ohne deinen Knüppel laufen, wirst du schon schreien: ‚Wo ist mein Knüppel, wo ist mein Knüppel?’ Ade, Riesele, ade! Wenn ich dich von dieser Freiheit befreien könnte, gern tät ich's, Riesele, ach so gern!”

Das Riesele trat dicht vor seinen Freund hin; er löste die Leine von dem Eichenholz, band sie fürsorglich am Halfter oben fest und sprach tiefernst:

„Was nutzt es dir, Riesele, daß ich dich jetzt ganz fragwürdig frei mache? Deinem Schicksal kannst du nicht entgehen, es sei denn, daß du gleich am Anfang deiner Laufbahn über deinen Knüppel stolperst, das Bein brichst und stirbst! Riesele, Riesele, soll ich dir von deinen Voreltern erzählen, wie die einst so glücklich waren?”

Riesele mißachtete der Worte des Freundes und lief, des Prügels ledig, davon.

„Will halt nicht wissen, wie seine Voreltern glücklich waren,” sagte Cornel für sich, und zu seinen Schweinen sagte er:

„Seht ihn euch an, er läuft dahin im Segen seiner Freiheit!”

Als Riesele heimkam, war der Hag verschlossen, die Stalltür zugeklappt, die Scheune verriegelt. Es wußte nicht, was es tun sollte, und da es am liebsten in seinen Hag gegangen wäre, streckte es den Kopf zwischen den Balken hindurch und hob das Bein, konnte aber durchaus nicht hineingelangen in sein Gefängnis. Schließlich starrte es den Weg hin, den es gekommen, und da auch die Gänse nicht zu Hause waren und die Enten nicht, und nur einige Hühner im Sand badelten, lief es unter den Schuppen, wo die kleine, überdächelte Kutsche stand, und legte sich zwischen die Deichseln der Schere, zu dieser auf den Boden. Es ist nicht ausgeschlossen, daß es sich hier als ein erwachsenes Pferd fühlte, dem man die Kutsche anvertrauen kann, daß es kühne Träume hegte! Träume, wie sie Kindern eigen, die so gerne groß wären und so gerne einen Beruf erfüllten!