Dieses aber bewegte sich ganz anders! Die geringe Last seines Körpers schnellte, von den Vorderbeinen aufgewippt, überaus leicht und zierlich und anmutig den Rücken hernieder in die Hinterbeine, so daß die Vorderbeine sich fröhlich in der Luft ergingen, so daß die lange Zottelmähne umherwirbelte, der Kopf sich aufreckte, sich vor Uebermut schüttelte, so daß die Zähne hervorblitzten und die Ohren in der Luft herumstachen, wie wenn sie Fliegen schlagen wollten! Die geringe Last des Körperchens turnte in die Vorderbeine, daß die Hinterbeine befreit waren, daß die Hinterbeine nach allen Seiten ausfeuern konnten, als seien sie die schlimmsten Pferdebeine der Welt, daß sie aber nur fortgesetzt und immer wieder Löcher in die kalte Herbstluft schlugen.

Die Kraft, die sich in dem kleinen Körper regte, war durchaus nicht klein und wollte vertobt sein! Ein Spatz, der sich aufs Geländer des Hages setzte, eine Mücke, die heranflog, das Riesele zu stechen und von seinem Blut zu trinken, ein verspäteter Schmetterling, der irgendwohin flatterte und an Riesele zufällig vorbeikam, sie alle reizten des Riesele junge Kraft wie echte Feinde, und jeweils stürzte sich der kleine Mann auf das harmlose Tierchen los, der große Säugling tat dann auch mit, und wenn der Spatz endlich den Hag verlassen, wenn der Schmetterling sich weiter in die Höhe geschwungen, wenn das Bienlein das Weite gesucht hatte vor solcher Turnierwut, so gerieten die zwei Kleinen sich an die Köpfe und bissen sich gegenseitig in die Hälse, in die Kinnbacken, gar in die Ohren, und sie feuerten aus, trafen sich aber niemals! Der Säugling war ungelenk; sein Körper wartete noch auf größeren Kräftenachschub, war aber schon für diese größeren Kräfte einstweilen eingerichtet und stand oft breitbeinig da wie das hölzerne Pferd der Trojaner, das auch auf allerhand Kraft warten mußte. Riesele dagegen wußte mit sich umzugehen! Es konnte, wenn eine Fliege an seiner Brust saß, den Brustmuskel erzittern lassen und brauchte vor dieser Fliege nicht fortzulaufen wie sein Milchbruder! Es konnte, wenn der Bauch juckte, den Schweif herschwingen, oder es konnte den Kopf so weit zurückbiegen, daß es sich am Bauche schaben konnte, mit den Zähnen beißen konnte, daß es den Vorderhuf oder auch den Hinterhuf heben konnte und dabei nicht achtzugeben brauchte, ob es umfalle, wie der große Kleine! Er war wirklich einmal umgefallen, der Säugling: er wollte es dem Riesele gleichtun, wie es sich am Hinterschenkel biß, er drehte sich da oftmals im Kreise, und der Schenkel drehte sich auch und entlief dem Maule immer wieder im Kreise herum. Blieb endlich das Hintergestell an seinem Platze, so reichte der Hals nicht, d. h. gereicht hätte der Hals schon, aber er war zu steif, als daß er sich genügend gebogen hätte. Da nun in dem zukünftigen Ackergaul offenbar ein Stück Ehrgeiz rumorte, überspannte er den Bogen seines Halses und knackte um. Da lag er nun!

Diese Umbiegung, daß der Kopf sich dem Schweife näherte, war seitdem Rieseles liebstes Spiel, und dies Spiel sah sich köstlich an: die dünnen Rippen preßten sich am schwarzen Bäuchlein hervor wie mit dem Silberstift getönt, der Hals erglänzte längs der Rundung, die Mähnenspitzen ergossen sich über den gestreckten Kopf, und der ganze Körper ruhte gefestigt in dieser Stellung wie in Erz gegossen. Da mochte denn der braune Ehrgeiz nicht mehr von den Stangen des Hages weggehen und schabte, ob nicht bald die ersten Zähne kommen wollten!

Indessen: es wurde kalt, das ganze Gestüt ward abgebrochen, und Riesele kam in einen Stall.

Schon am zweiten Tage erschienen etliche Männer in dem Stall. Sie besahen sich die schweren Gäule, und plötzlich kommt einer der Männer auf Riesele zu und sagt zu den übrigen:

„Hier, staunt: brauchen wir denn nicht auch einen Dauphin? Er ist zwar von Haus aus ein Mädchen, aber was verschlägt's?” Er sagte das etwa so, wie ein Theatermann einen jugendlichen Liebhaber sucht oder eine Heldenmutter oder eine komische Alte!

Alle kamen zu Riesele her; alle besahen, befühlten, betätschelten Riesele, und Riesele stand da inmitten ihrer Lobpreisungen und spielte mit den Nüstern und spürte die vielen eingehenden Blicke wie Liebkosungen an sich umhergleiten. Seine Blesse ward gestreichelt, seine Ohren wurden gezerrt, seine Augen wurden mit einem kleinen Kerzenlicht beleuchtet, ob sie gesund seien, seine Lippen wurden wiederholt auseinandergenommen, seine Zunge herausgeholt, seine Zähne betickt mit einem blanken Schlüssel!

Riesele und mit ihm ein überaus starker Hengst, der auffällig rot gesprenkelt war, diese zwei mußten aus dem Stalle treten und wurden am selben Tage fortgeführt ans Bahnhöfchen.

Während der langen Fahrt freundeten sich die beiden Pferde an, und der große Hengst, der seine Nüstern oben am Viehwagen hinausstrecken konnte, was dem kleinen Riesele versagt war, schurfte mit seiner Nase oftmals an Rieseles Hals herum, als wolle er dessen Kopf hinaufziehen an das breite Luftloch. Aber Riesele war doch zu klein! Es legte sich auch einmal nieder, streckte die vier Beine von sich und streckte die Beine unendlich weit aus und wuchs zusehends. Auch den Kopf reckte es von sich, und wenn das garstige Halsband nicht gewesen wäre, das an der Eisenstruktur festgebunden war, so hätte Riesele ein Stündchen oder ein Viertelstündchen geschlafen.

Der Fuchs konnte sich nicht legen: er hatte Hufeisen an, die schon recht glatt abgelaufen waren, und so oft er's auch versuchte, glutschte er und schnellte vor Aufregung, vor Angst immer wieder in die Höhe.