Am dritten Tage sprach der Direktor:
„Ist die Kleine fertig? Bringt sie!” Wer kam da zu Dauphin? Die kleine Miezi, die vor drei Wochen so verpeitscht worden war. Sie wurde vor Dauphin gestellt, mußte also ihm gleichsam den Weg weisen, denn Dauphin war schon nicht mehr angeseilt! Sie trippelte gar possierlich vor dem doch größeren Dauphin her und sah nicht nach rechts, nicht nach links ... sie hatte sicher schon oft solch Leithammelspiel getrieben ... und Dauphin brauchte nur hinter ihr dreinzumarschieren. Machte der Direktor nur eine leise Bewegung, so wußte sie gleich, daß er nun „Changez” sagen würde, und sie changierte auch schon! Das hätte Dauphin unstreitig so glatt nicht fertiggebracht ohne sie! Aber sie trippelte ihm zu langsam! Er konnte das nicht leiden: wiederholt setzte er den Huf seitab nach vorn, um vielleicht selber an die Tete zu kommen, um wenigstens zu zeigen, daß er hin wolle ... aber immer zuckte die Peitsche auf, und Dauphin blieb gehorsam!
Als die Lektion zu Ende war, lief Dauphin vor Freude allein nochmals die Runde, aber der Direktor beachtete es nicht, und als er's endlich doch beachtete, zuckte die Peitsche, und Dauphin konnte nicht schnell genug draußen sein: Gehorsam ist das erste!
Am vierten Tage geschah dasselbe wieder, am fünften machte Dauphin sein Lektiönchen ganz allein und bekam zwei Stückchen Zucker. Aber am Abend zu den Vorstellungen durfte er nicht! Zwar riß er an seiner Kette, als er sah, wie seine Kameraden aufgeputzt wurden und hinausgehen durften in den grellen Lichterschein, allein niemand kümmerte sich um ihn.
Bald kamen zu den allmorgendlichen Uebungen noch andere Pferde, auch große, ganz große selbst, und auch der Freund Fuchs trabte eines Tages mit Dauphin in die Manege und machte sein „Changez” ohne jeden Tadel.
Er hieß Wallenstein! Ha, welch eine Wonne für Dauphin, so in der Schar der Großen und Kleinen, inmitten, denn Dauphin war größer als Miezi und kleiner als Wallenstein ... so in der Schar als Jüngster sein Kunststück zeigen zu können, nicht aufzufallen, nicht überzutreten, sich vor allen Dingen nicht vorzudrängen! sein „Changez” rechtzeitig, nicht zu früh wie hinten die kleine Miezi und nicht zu spät wie fast alle zu erkennen! Und durch nichts zu verraten, daß man doch der Jüngste war!
„Wallenstein und Dauphäng!” schrie dann der Direktor, und die zwei Freunde mußten hinaus, indes die anderen weiterüben durften!
Ach, wie bald wurden die Uebungen schwerer! Dauphin sollte erst den linken, dann den rechten Vorderfuß auf die Barriere heben und stehen bleiben und zu den Leuten gucken, die da saßen: Madame, Turnerinnen in nachlässigen Lumpen, Burschen, Sklaven, Männer mit scharfen Scheiteln und gradlinig zugeschnittenen Koteletts! Nonchalant alle mit Zigaretten zwischen den Lippen und lächelnden Publikumsgesichtern!
Das war nicht so leicht, wie es sich ansieht! Jedoch: keine Schläge gab's dabei! Aber dann sollten auch die Hinterbeine auf die so schmale Barriere! Dann mußte gegangen werden, gelaufen werden! Links eine Peitsche, rechts eine Peitsche!! Wenn die Stunde vorüber war, wußte Dauphin nie mehr, ob diese Peitschen ihn geschlagen hatten! Wenn diese Stunden vorüber waren, so klopfte jeweils Dauphins Herz, der Schweiß stand ihm in den Haaren, und der Schaum fiel in Schwaden von seinem Munde.
Nicht einmal vierzehn Tage dauerte es, da konnte Dauphin auf der Barriere schreiten und laufen, wie die Peitsche es wünschte! Das war aber durchaus kein großes Stück; das konnte Miezi fast im Schlaf. Immerhin mußte es für Dauphin eine bedeutende Leistung sein, denn an einem der nächsten Abende durfte er hinterm braunen Samtvorhang stehen und durch den Spalt hineinsehen in die Menge der fröhlichen Menschen. Ja, als er seinen Kopf einmal recht weit vorstreckte, als der Bursche, der ihn hielt, ihn sogar einen Schritt vortreten ließ, da fingen etliche Kinder, die da in der Nähe saßen, an zu jauchzen und zu toben: „Da Mama, sieh dies kleine Kerlchen, eben kommt's!”