[4] Hier wird dem Leser der Widerspruch auffallen, welcher zwischen diesem Briefe und jenem oben citierten Andreas Dostojewskys besteht, worin es heisst, dass die Brüder im weissen Saale einander zwar begegnet waren, jedoch kein Wort, ausser der Begrüssung, mit einander gewechselt hatten. Auch Orest Miller ist dieser Widerspruch während der Bearbeitung seiner Aufzeichnungen aufgefallen, so dass er sich veranlasst sah, Andreas Dostojewsky aufzusuchen und ihn über das Detail jenes Vorgangs zu befragen. In einer Fussnote seiner „Materialien zu einer Biographie Dostojewskys“ klärt er uns denselben auf. Die Brüder hatten allerdings im weissen Saale kein Wort mit einander gewechselt, allein Theodor Michailowitsch hatte es versucht, auf einem Zettel alle diese Vorstellungen dem Bruder zukommen zu lassen, welchen Zettel dieser aber niemals erhielt.
[5] Sie wurden jedoch weiter nach Omsk gebracht, wo sie auch ihre ganze Strafzeit abbüssten.
[6] Vergl. Leroy-Beaulieu: L’empire des tsars et les Russes Bd. III.
[7] Anspielung an den Fleischer Minin aus Nischnij-Novgorod, mit dessen Hülfe der Fürst Pozarsky die Angriffe der Polen siegreich zurückschlagen konnte.
[8] Wer auch nur kurze Zeit in Russland gelebt hat, den wird es geradezu frappieren, dass die Wurzel vieler Übel thatsächlich darin liegt, dass ein ungeheuerer bureaukratischer Apparat das Staatsleben bedient und auch das Einzelleben in sein Räderwerk reisst; dass oft gute, meist kluge Absichten für das Gemeinwohl diesen Apparat in Gang setzen und durch den Unverstand, durch den blinden Buchstabengehorsam einerseits, oder durch Habgier und Bestechlichkeit schlecht bezahlter Unterbeamten und Handlanger bis zur Unkenntlichkeit verstümmelte Vollstreckungen zum Schaden der Gesamtheit oder Einzelner aus dieser Maschine herauskommen.
[9] Dieser Brief dürfte jenes vom 23. Oktober in den Archiven angeführte Schreiben sein, das sich noch nicht gefunden hat.
[10] Der Roman „Erniedrigte und Beleidigte“ ist allen Lesern Dostojewskys zu gut bekannt, als dass hier eine eingehende Besprechung desselben nötig wäre. Auch gehört es nicht in den Rahmen dieses Buches, ästhetisch-kritische Besprechungen der Werke des Dichters aufzunehmen. Indessen hat dieser Roman gerade von russischen Kritikern die schärfste Verurteilung erfahren. Einer der bedeutendsten von ihnen sagt, er stehe unter der Linie der ästhetischen Kritik. Inwieweit die vielen Fehler dieses Werkes dies Urteil berechtigen, wollen wir nun, nach dem oben Gesagten, nicht untersuchen. Die meisten Kritiker aber werfen sich auf die Schilderung eines Mannes, der die Selbstverleugnung hat, dem Mädchen seiner Liebe zu einem andern Glück zu verhelfen, als auf ein ästhetisches Unding, weil es gegen die Wahrheit und Möglichkeit grob sündige. Hier sind sie ihren rein subjektiven Anschauungen gefolgt. Es kann ja ein solches Vorgehen wirklich nur „einer Kopfliebe entspringen“, wie sie sagen, und jedem gesunden Menschen unsympathisch sein. — Dass es aber vollkommen wahr ist, weil es möglich war, das beweist Dostojewskys Geschichte unwiderleglich. Der künstlerische Fehler in der Zeichnung dieser Figur liegt wohl, wie Dobroljubow auch sagt, darin, dass dieser selbstlose Held der Erzähler ist und wir aus seinem Vortrag nicht gewahr werden, dass er mehr als ein Zuschauer sein könnte.
[11] Unsere Nachforschungen in der „Dritten Abteilung“ haben zur Spur von 19 Briefen aus Sibirien an den Bruder und an Verwandte geführt.
[12] Memoiren aus dem Totenhause, 2. Teil, 3. Kapitel.
[13] Der Dichter hat später in der Person seiner zweiten Gattin Anna Grigorjewna jene Kraft gefunden, welche diese praktische Idee bis in das kleinste geschäftliche Detail auszuführen verstand. Er hat jedoch, wie wir später sehen werden, erst in seinen letzten Lebensjahren die Früchte dieses Geschäftsfleisses zu geniessen begonnen.