[14] Michael Dostojewsky hatte anfangs mit seiner Fabrik bessere Geschäfte gemacht, da er zur Anlockung der Kunden jeder Schachtel eine kleine Überraschung beilegte. Da er aber damit nicht wechselte, so bekam jeder Käufer so und so viele Messerchen zusammen und hörte auf, dort seinen Bedarf zu decken.
[15] Reporter und Sensations-Journalisten werden heute in Russland „Krokodile“ genannt, ob dies infolge Dostojewskys Satire geschieht oder diese auf jenes Spitzwort aufgebaut ist, haben wir nicht ermitteln können.
[16] Ein Ausspruch, den Dostojewsky heute, was Tolstoj anlangt, sicher zurücknehmen würde.
[17] Das Gedicht ohne Zeitwort ist von Athanas Athanasjewitsch Fet, dem Verfasser vieler formvollendeter, aber kalter lyrischer Gedichte, worunter „Abende und Nächte“ das bedeutendste ist, welchem auch wohl die herangezogene Strophe entnommen ist. Seine Übersetzungen des ganzen Horaz, Juvenal, des Faust, sollen meisterhaft sein. Dostojewsky mochte ihn wegen eben dieser Abwendung von der brennenden Frage der Zeit (Aufhebung der Leibeigenschaft) nicht leiden, und wir sehen hier, in welcher launigen und doch unerbittlichen Weise er ihn „justifiziert“.
[18] Anführung von Grigorjews Ausdrücken.
[19] Der Roman „Erniedrigte und Beleidigte“ ist allerdings eines der schwächsten Werke Dostojewskys; dies, wie uns scheinen will, vor allem darum, weil die Grundidee nicht in fester Hand gehalten und sicher durchgeführt ist. Diese Natascha, welche zuerst den Erzählenden, Iwan Petrowitsch, einen armen Schriftsteller, liebt und dann aus dem Elternhause zu dem Sohn des Fürsten Walkowsky, einem unreifen, ja fast schwachsinnigen Jungen von 21 Jahren flieht, welcher sie liebt und nicht liebt, dieser Iwan Petrowitsch, der ihr selbst zur Flucht hilft, später aber Liebes- und Zornesbotschaften zwischen ihr und den Eltern hin und her trägt, diese Eltern, die mit dem Fürsten prozessieren und doch in die Ehe ihrer Tochter mit Aljoscha einwilligen, — sie alle wollen offenbar erniedrigt und beleidigt sein, sie sind nicht wirkliche Beleidigte — denn: ein kleiner Druck am Räderwerk des Ganzen, eine logische und vernünftige Schlussfolgerung, ein energisches Halt, und sie sind es nicht und alles wäre anders.
Dostojewskys russische Kritiker haben ihm das Unsinnige und Unwürdige der Gestalt des Erzählers Iwan Petrowitsch ganz besonders übel genommen. Ein Mann, der den Liebesroman seiner Braut mit einem Andern schildert, der darin als helfender Akteur mitwirkt und nicht mit einem Worte verrät, wie ihm dabei zu Mute ist, muss allerdings als eine klägliche Figur erscheinen, ebenso unwürdig im Leben, als unbrauchbar für die Kunst. Nun wissen wir aber heute, dass Dostojewsky in den äusseren Geschicken Iwan Petrowitschs seine eigenen Geschicke, in der Entsagung Iwans seine eigene Entsagung gezeichnet hat; dass ferner dieses bei Hinz und Kunz sicher unwürdige, mindestens befremdliche Vorgehen bei dem eben aus dem Totenhause befreiten, durch das Evangelium und die dort gewonnene Volksdemut zu „seiner Wahrheit“ durchgedrungenen Dichter eine viel kompliziertere und tiefere Deutung erheischt. Uns dünkt auch, dass gerade dieser persönlichste Anteil an dem Roman es ist, welcher den Dichter daran hinderte, Iwan Petrowitschs Seelenzustand auch nur anzudeuten, wodurch diese Figur allein hätte künstlerisch gestaltet werden können. Wie dem auch sei, Dostojewsky hat dennoch Recht, wenn er sagt, dass dieser Roman „zwei, drei Stellen enthält, die warm und kraftvoll sind, und ein halbes Hundert Seiten, auf die er stolz sei“.
[20] Hier wird es am Platze sein, der Studie zu erwähnen, welche der bekannte Psychiater Dr. M. Tschiž im Jahre 1885 unter dem Titel „Dostojewsky als Psychopathologe“ in Moskau publizierte. Es ist für uns sehr wichtig, gerade aus dem Munde eines bedeutenden Fachmannes eine Belehrung darüber zu empfangen, wie sehr Dostojewskys Lucidität in pathologischen Dingen einerseits durch seine eigenen Krankheits-Erscheinungen erhöht wurde, anderseits aber durch die Fülle seiner psychologischen Beobachtungen und Erfahrungen eine Klarheit und Bestimmtheit gewann, welche Krankhaftigkeit geradezu ausschliesst. Nachdem Tschiž den Beweis erbracht hat, dass Dostojewsky in den 25 pathologischen Wesen, welche in seinen Romanen vorkommen, die mannichfaltigsten Nuancen mit der feinsten Beobachtung ausgestattet und nirgends einen Strich verzeichnet hat, wobei die Hallucinierenden und Epileptiker vom Dichter als einem „Kompetenten“ behandelt werden, fügt er folgendes hinzu: „Gewiss hat Dostojewskys eigene Krankheit ihm vieles über die krankhaften Zustände der Seele erklärt, und vieles konnte er aus der Selbstbeobachtung schöpfen, doch ist es heute dem Arzt, schon aus Achtung vor seiner Persönlichkeit und seinen Leiden, nicht gestattet, vieles darüber zu sagen. Hier aber trifft ganz besonders zu, was Dostojewsky selbst sagte: „Nicht auf den Gegenstand kommt es an, sondern auf das Auge: ist das Auge da, so findet sich auch der Gegenstand. Habt Ihr kein Auge, seid Ihr blind, so werdet ihr in keiner Sache irgend etwas herausfinden. O, das Auge ist eine wichtige Sache, was für das eine ein Poëm, das ist fürs andere eine Wolke“.“
Diese letzte Anführung Tschiž’ erhält ihre Bekräftigung an jener Stelle, wo er, die Gestalten Iwan Karamasows und Raskolnikows definierend, das Axiom von „Genie und Wahnsinn“ mit folgenden Worten widerlegt: „Der bekannte Satz, dass Genie und Wahnsinn ein und dasselbe sei, ist auch nicht mehr als ein Paradoxon. Es ist begreiflich, dass auch ein genialer Mensch psychisch krank sein kann, allein Wahnsinn wird immer ein Hemmschuh für sein Genie sein. Das Genie ist der strikte Gegensatz des Wahnsinns: das Genie erfasst die Gegenstände tiefer, von viel mehr Seiten als der gewöhnliche Verstand; der psychisch Kranke sieht entweder weniger als der Gesunde oder er kann im besten Falle etwas nur einseitig — und darum eben falsch — begreifen“.
Nun ist ja dem berühmten Psychiater nichts ferner gelegen, als diese Definition von Genie und Wahnsinn auf Dostojewsky selbst anzuwenden, so klar ihm auch das Krankheitsbild des Dichters vor Augen steht. Zur Zeit, da diese Studie geschrieben wurde und die Mitwelt noch unter dem Eindrucke von Dostojewskys Genius stand, würde es weder einem Laien noch einem Fachmann eingefallen sein, des Dichters schöpferische Phantasie mit seiner Krankheit in irgend eine Verbindung zu bringen. Heute aber und in unserem europäischen Milieu, wo die Anschauung allmählich Platz gegriffen hat, dass Dostojewskys Schöpfungen zum grossen Teil aus seiner Krankhaftigkeit zu erklären seien, heute kann man es nicht genug betonen, wie irrig diese Anschauung ist, und wie sie, im Licht der Wissenschaft betrachtet, in nichts zerrinnt.