Die Herausgeber der „Materialien“, namentlich O. Miller, schöpften bei der Schilderung dieses Lebensabschnittes des Dichters aus der einzig authentischen Quelle, die wir oben anführten: den „Memoiren aus einem Totenhause“. Sie schöpfen das Richtige heraus, mit Wärme, Bewunderung, Ehrlichkeit und — Geschick. Denn es ist wohl nicht leicht, heute als Russe ein erlaubtes Buch zu schreiben, das die krasse Barbarei russischer Zustände hervorhebt, das dem Dulder zugleich und dem Peiniger „gerecht“ wird. Es ist dies umso schwerer, als der Biograph, sowie er sich an die künstlerische Objektivität seines Gewährsmannes hält, welcher hier Dostojewsky heisst, sich leicht an dem Gepeinigten versündigt, in dessen Ton er nicht einfallen, dessen Objektivität er nicht zur seinen machen kann noch darf. O. Miller hat sich bei Beginn seiner Schilderung, wie schon gesagt, mit Geschick aus der Schwierigkeit gezogen, und wir fügen hier die Stelle ein, welche gleichsam als Passepartout für alles Gräuliche und Qualvolle gelten kann, dem er in derselben doch Eingang verschaffen will. Er erzählt, Dostojewsky habe auf eine Anfrage vom Auslande eine biographische Skizze diktiert, wo es unter anderem heisst: „Die „Memoiren aus einem Totenhause“ sind von ganz Russland gelesen worden und werden bis auf den heutigen Tag sehr hoch geschätzt, obwohl die Gepflogenheiten und Sitten, welche in diesen Memoiren beschrieben wurden, in Russland schon lange abgeändert sind.“ „Theodor Michailowitsch“ — fährt O. Miller fort — „fand es für nötig, im Auslande auf diese Veränderungen hinzuweisen und sie hier mit allen jenen mannigfaltigen Änderungen in Verbindung zu bringen, die wir dem Kaiser Alexander Nikolajewitsch verdanken. Schon allein die Drucklegung der „Memoiren aus einem Totenhause“ wäre vor der Regierung Alexanders II. undenkbar gewesen. Eine mit vernichtendem Realismus ausgeführte Beschreibung eines eben erst unter den Stockstreichen hervorgekommenen Menschenrückens, wie ihn Dostojewsky im Festungshospital gesehen, konnte man nur unter einem Kaiser wagen, welcher die Stockschläge abgeschafft hatte.“ Nach diesem Eingange, welcher für uns die Konjektur offen lässt, wie weit die Gepflogenheiten einer willkürlichen Bureaukraten-Verwaltung und die Handhabung auch des mildesten Gesetzes durch rohe Subalterne heute noch diesem thatsächlich entspricht,[8] ist es dem Biographen möglich geworden, die furchtbaren Episoden dieses Gefängnislebens aus den Schilderungen der Memoiren herauszuheben und dadurch die Wunden schärfer, brennender zu zeigen, die sie dem Dichter schlugen, als dieser selbst es je gethan hätte.

Wir können auch hier den Aufzeichnungen O. Millers folgen, der zumeist des Dichters eigene Worte anführt.

„Ich erinnere mich deutlich daran — sagt Dostojewsky — dass mir vom ersten Schritte in diesem Leben das auffiel, dass ich darin gleichsam nichts Auffallendes, nichts Aussergewöhnliches, oder besser gesagt, nichts Unerwartetes finden konnte .... es schien mir, als sei es viel leichter im Gefängnis zu leben, als ich mir dies auf dem Wege dahin vorgestellt hatte. Selbst die Arbeit erschien mir nicht so schwer, nicht so zwangsarbeitsmässig, und erst ziemlich viel später kam ich darauf, dass die Schwere und Zwangsarbeitsmässigkeit dieser Arbeit nicht so sehr in ihrer Mühsal und Ununterbrochenheit liege, als darin, dass sie eine gezwungene, aufgenötigte, vom Stock dirigierte Arbeit war.“

„Zur zweiten Kategorie von Strafarbeitern, in welcher sich Dostojewsky befand, gehörten Arrestanten“ — fährt O. Miller fort —, „welche unter kriegsrechtlicher Aufsicht standen, und diese Kategorie war, nach seinen eigenen Worten, unvergleichlich schwerer und strenger gehalten, als die anderen zwei Arbeits-Abteilungen, nämlich die dritte, die beim Bau, und die erste, die in den Bergwerken arbeiteten. Diese Arbeit war nicht nur für die Edelleute schwer, sondern für alle Arrestanten, besonders darum, weil Kommando und Organisation ganz militärisch und denjenigen der Arrestanten-Rotten in Russland sehr ähnlich waren ... immer in Ketten, immer unter Bedeckung, immer unter Schloss und Riegel. In den zwei anderen Abteilungen aber war das nicht in solchem Masse durchgeführt ... die ersten drei Tage stellte man die Neuangekommenen noch nicht an die Arbeit; später aber hatten sie viel unter dem Vorwurf zu leiden — und das nicht von der Obrigkeit, sondern von den Gefährten, dass sie diesen nicht ordentlich zu helfen vermochten, da sie nicht so viel Kraft besassen als sie.“ „Was mich anbelangt, erwähnt Theodor Michailowitsch, so habe ich einen besonderen Umstand bemerkt: wo immer ich auch zugriff, um ihnen bei der Arbeit zu helfen, überall war ich ihnen im Wege, überall störte ich sie, überall jagten sie mich mit Thätlichkeiten davon.“ Nichtsdestoweniger fühlte er, dass die Arbeit ihn retten, seine Gesundheit, seinen Körper stärken könne. Die Hauptarbeit, zu welcher Dostojewsky verwendet wurde, war das Brennen und Stossen des Alabasters, was ihm eigentlich leicht erschien. „Eine andere Arbeit, zu der man mich beorderte,“ sagt er weiter, „war in der Werkstätte das Drehen des Schleifsteines; das war schon eine schwerere Sache, aber sie verschaffte eine vortreffliche Motion.“ Eine Arbeit, die er besonders zu verrichten liebte, war das Schneeschaufeln, wie denn überhaupt die Winterbeschäftigungen leichter waren als jene, die man im Sommer vornahm. Im Sommer musste man durch ungefähr zwei Monate täglich von dem Ufer des Irtisch bis zu dem etwa siebzig Klafter davon entfernten Bau einer neuen Kaserne über den Festungswall hinüber Ziegel tragen. „Diese Arbeit,“ sagt Dostojewsky, „gefiel mir sogar, obwohl der Strick, an dem man die Ziegel tragen musste, mir immer die Schultern wund rieb. Aber mir gefiel das, dass sich meine Kraft in der Arbeit augenscheinlich entwickelte.“ Anfangs war er nur imstande, acht Ziegel zu zwölf Pfund ein jeder, zu tragen, später aber brachte er es zu zwölf und fünfzehn. „Physische Kraft“, fährt er fort, „ist im Gefängnis nicht weniger nötig, als moralische, um alle materiellen Beschwerden dieses verfluchten Lebens zu ertragen.“

Die Kost, meint Dostojewsky, war erträglich, das Brot sogar in der Stadt geschätzt; dafür war die Kohlsuppe sehr dünn und wimmelte von Küchenschaben. Wer ein paar Groschen eigenes Geld haben und es vor Diebereien der Mitgefangenen oder der Konfiskation durch die Aufseher schützen konnte, war in der Lage, sich seine Kost durch kleine Beigaben von Thee usw. aufzubessern.

Wenn die unmittelbar Vorgesetzten den Edelleuten unter den Sträflingen, da sie von Haus aus von zarter Konstitution und verwöhnter waren, gewisse Erleichterungen verschaffen wollten, sie zum Beispiel als Schreiber in die Kanzleien kommandierten, so gab es so viele Kabalen, Intriguen und Angebereien ringsherum, dass eine solche Besserung ihres Loses niemals länger als Tage anhielt.

Das ganze erste Jahr seines Eingeschlossenseins war nach den Worten des Dichters das furchtbarste Jahr seines Lebens. Jene Wandlung, welche sich in ihm der Anlage seines Wesens nach einheitlich vollziehen sollte, nämlich das völlige Aufgehen in der Volksseele, ging nicht ohne bittere Schmerzen, Enttäuschungen und Demütigungen gerade von Seiten jener vor sich, die er ans Herz drücken wollte. Die gemeinen Verbrecher rechneten ihn, den Edelmann, wie sehr er sich auch zu ihnen gesellte, wie sehr er aller Lasten dieses „verfluchten Lebens“ mit ihnen gleich teilhaftig war, nicht zu den ihrigen, sie begegneten ihm mit Widerwillen, Misstrauen. Als er mit einigen anderen „Politischen“ sich ihnen einmal anlässlich einer allgemeinen Pretensija, das heisst Generalklage, wegen der schlechten Kost anschloss, so sagte einer von ihnen, der ihm etwas geneigter war: „ja warum schliesst Ihr Euch denn der Klage an? Ihr esst ja doch vom Eigenen?“ — „Ach mein Gott! auch unter Euch giebt es ja solche, die vom Eigenen essen und haben sich doch angeschlossen — nun und da mussten wir doch auch — aus Kameradschaft.“

„Ja, was seid Ihr denn für Kameraden?“ fragte er erstaunt.

„Ich dachte“, fährt der Dichter fort, „ob nicht irgend eine Ironie, ein Zorn, ein Spott in diesen Worten liege — aber nein, einfach: keine Kameradschaft, weiter nichts.“

Dass aber Dostojewsky diese Kameradschaft mit gemeinen Verbrechern angestrebt hat, kann uns nicht wundernehmen, wenn wir seine sich immer vertiefende Überzeugung von der Generalschuld der Menschheit bedenken, an der er seinen eigenen Anteil immer klarer empfand, jenes echt russische, doch ihm allein in so hohem Masse eigene Schuldgefühl, das jedoch mit der greisenhaften Askese Tolstojs ebensowenig gemein hat, als mit einem jener Zustände, die sich beim Katholiken dem Schuldgefühl anschliessen: entweder fanatische Härte gegen sich und andere, oder die schwelgerische Zerknirschung, welche sich mit dem Bekenntnis loskauft, um aufs neue in Schuld und Schuldgefühl zu schwelgen. Dostojewskys „Schuld an allem und an allen“, wie er sich ausdrückt, ruft zum Leben, zur Liebe und zur That auf — das ist die grosse Trennungslinie zwischen seinem, dem russischen, Christentum und jenem aller anderen Völker, die auf diesen Namen hören. Er musste es also schwer empfinden, wenn die „Unglücklichen“, wie er seine Brüder nennt, seine Kameradschaft nicht anerkennen wollten. Auch fand er anfangs Hindernisse in sich selbst. „Ich schloss die Augen,“ sagt er, „und wollte nicht schauen; unter den bösen und gehässigen Gefährten des Strafhauses bemerkte ich die guten nicht, die, welche fähig waren zu denken und zu fühlen, ungeachtet der höchst widerwärtigen Rinde, die sie von aussen bedeckte. Unter den bissigen Worten bemerkte ich manchmal gar nicht das freundliche, entgegenkommende Wort, das um so kostbarer war, als es ja ohne jegliche Absichten ausgesprochen, manchmal direkt aus einer Seele kam, welche vielleicht mehr gelitten und ertragen hatte, als ich.“