Später erst, je tiefer er sich in sich selbst versenkt hatte, gewahrte er immer mehr die anderen. „Du meinst,“ sagt er an anderer Stelle, „das sei ein Tier und kein Mensch ... plötzlich aber kommt zufällig eine Minute, da sich seine Seele unwillkürlich, durch etwas hingerissen, nach aussen offenbart, und du erblickst einen solchen Reichtum, ein solches Gefühl, ein Herz, ein so klares Begreifen eigener und fremder Leiden, dass dir förmlich die Augen aufgehen und du im ersten Augenblicke sogar deinen Augen und Ohren nicht traust.“ In seinem „Tagebuch eines Schriftstellers“ des Jahrgangs 1873 bespricht er immer noch diese Epoche seiner Wiedergeburt, seiner „Umwandlung“, wie er es nennt, seines Fortschreitens in der in ihm von Anbeginn gezeichneten Richtung, wie wir es nennen müssen. Für ihn wurzelt diese Umwandlung im unmittelbaren Kontakt mit dem Volke, in der brüderlichen Vereinigung mit ihm, im Gleichwerden mit ihm, ja mit seiner niedersten Stufe. „Dies vollzog sich nicht so schnell,“ sagte er, „sondern allmählich und nach einer sehr langen Zeit. Es wäre mir sehr schwer, die Geschichte meiner Wiedergeburt zu erzählen.“ — Doch hat er sie uns ja ausführlich in seinen „Memoiren aus einem Totenhause“ erzählt.
Sehr bezeichnend für sein rein demokratisches Verhalten ist auch ein Ausspruch aus seinen letzten Lebensjahren, den wir in seinem Notizbuche finden. Es heisst da: „Liebet das Volk, aber nicht indem ihr es zu euch erhebt, sondern indem ihr selbst zu ihm hinabsteigt.“
Dass Dostojewsky nicht nur theoretisch diese Lehre verfocht, sondern sie in jedem Detail gelebt hat, beweisen tausend kleine Episoden aus seinem Gefangenenleben — so die seltsame Freude, von einem vorübergehenden Mädchen die milde Gabe von einer Kopeke zugesteckt zu bekommen, die durchgekostete Erniedrigung, wenn die Sträflinge, wie immer, in Ketten geschmiedet und geschoren zur Messe geführt wurden und nur gedrängt vor der Kirchenthüre bleiben durften, wo sie vor der übrigen Gemeinde als Gebrandmarkte dastanden, gefürchtet, gemieden, als die allerniedersten Geschöpfe bemitleidet, wie er es wohl in der Kinderzeit mit den Leibeigenen gehalten hatte, die sich auf dem väterlichen Gütchen vor die Kirchenthüre drängten, während er als „Herrschaft“ im Betstuhle sass. Die Qualen rein physischer Natur, die er selbst ertragen oder andere ertragen sehen musste, namentlich solche, die sich mit Ekel verbanden, waren wohl schwerer hinzunehmen: das Schlafen auf den harten Pritschen, oft zu hundert in die dumpfigen Säle gedrängt, wo die Luft durch die hier angebrachten Nachtstühle verpestet war; das gräuliche Dampfbad, in das sie auf Kommando gepfercht wurden und worin sie in erstickendem Qualm und ohne sich eigentlich bewegen zu können, sich kunstvoll ihrer Wäsche entledigen mussten, natürlich auch ohne die an die Beine geschmiedeten Ketten zu lösen. Diese Prozedur erinnert lebhaft an die sogenannten Geduldspiele, wo man eine Stahlschlinge aus einer Stahlkette herausbringen soll, ohne den dadurch gebildeten Ring zu zerstören. Wollten die Sträflinge nach Monaten solcher Qualen ein wenig aufatmen, so nahmen sie ihre Zuflucht zur Krankenmeldung, weil sie im Hospital doch gewisse Erleichterungen, etwas mehr physische Ruhe und einen gewissen Scenenwechsel hatten. Hier aber erwartete sie der furchtbare Schlafrock. Sie mussten nämlich das durch Krankheit, Alter und alle Unreinlichkeiten früherer Häftlinge besudelte und übelriechende, nie gereinigte Krankengewand anlegen. Sie wussten das sehr wohl und meldeten sich dennoch dazu. Aber noch Schwereres mussten sie im Spital ertragen: den Anblick der halbtot Hineingeschleppten, welche eben die schweren Körperstrafen hatten erdulden müssen, 50 — 100 — 150 Stockschläge, unter denen sie mit zerbrochenen Gliedern und zerfetztem Fleische zusammengesunken waren. Der grausame Platz-Major, welcher zu jener Zeit im Strafhaus amtierte und bei jeder Gelegenheit wutbebend kreischte: „Ich bin euer Kaiser, ich bin euer Gott,“ er verhängte die schwersten Körperstrafen für den leisesten Widerspruch. So liess er einem der Edelleute 100 Rutenstreiche geben, weil dieser gesagt hatte: „Wir sind keine Vagabunden, sondern politische Gefangene.“ „Hun — dert — Strei — che, gleich diesen Augenblick!“ schrie in wahnsinniger Wut der „Gott“ des Strafhauses. Der „alte Mann“ (er war über fünfzig Jahre alt) legte sich ohne Widerrede unter die Rutenstreiche, biss sich die Zähne in die Hand und ertrug die Strafe, ohne einen Laut von sich zu geben oder sich zu rühren. Das imponierte den gemeinen Sträflingen überaus und sie begannen von da ab, ihn hochzuschätzen, obwohl er ein Edelmann und noch dazu ein Pole war. Auch das gefiel ihnen, dass er sofort nach der Rutenstrafe zum Gebet ging.
Dessenungeachtet hebt Dostojewsky ganz besonders hervor, dass die Wirtschaft dieses Platz-Majors ein vereinzelter Fall gewesen sei; „man kann ja auch an einen schlechten Menschen kommen,“ meint er. „Die anderen, höheren Vorgesetzten benahmen sich meist human; erstens,“ erläutert er, „sind sie selbst Edelleute, zweitens war es schon früher manchmal vorgekommen, dass einige von den Edelleuten unter den Sträflingen sich nicht unter die Rutenhiebe legten, sondern sich auf die Vollstrecker warfen, worauf dann entsetzliche Dinge entstanden.“
Dass ein solches Leben, die selbstgetragenen Beschwerden und das Beiwohnen solch unmenschlicher Züchtigungen Dostojewskys Gesundheit, die schon vorher nicht sehr stark gewesen war, untergraben musste, ist ganz klar, auch ohne die Annahme, dass er selbst körperliche Züchtigungen hätte müssen über sich ergehen lassen. Diese Annahme wurde von vielen ausgesprochen, und die Entwickelung seines schweren Nervenleidens, der Epilepsie, davon hergeleitet. Indessen erklären seine Freunde und Bekannten aus jener Zeit, dass er niemals einer körperlichen Züchtigung unterworfen worden sei, und finden im Zusehen und inneren Erleben einen ganz genügenden Grund für die Steigerung seiner psychisch-physischen Krankheit, welche er selbst übrigens lange nicht als das hatte erkennen wollen, was sie war.
IV.
Semipalatinsk.
(1854-59.)
Das letzte Jahr seiner vierjährigen Haft verlebte er in fieberhafter Aufregung. Er hatte schon einige Erleichterungen erlangt, durfte Bücher lesen, an seine Angehörigen schreiben usw. Dennoch konnte er im Sommer den Herbst, im Herbst den Winter kaum erwarten. Da er nämlich zur Winterzeit angekommen war, so konnte seine Freilassung auch nur zur selben Jahreszeit stattfinden. „Mit welcher Ungeduld,“ sagt er, „erwartete ich den Winter, mit welcher Wonne sah ich zu Ende des Sommers, wie das Blatt auf dem Baume verwelkt und das Gras der Steppe verbleicht!“ Die allerletzte Zeit aber war wieder eine sehr ruhige für ihn; je näher der Tag der Befreiung herankam, um so geduldiger wurde er. Die letzten Stunden seines Aufenthaltes in der Strafkaserne brachte er damit zu, noch einmal um das Gebäude herumzugehen und die Pfähle des Pallisadenzauns zu zählen, wie er in den ersten Tagen seiner Gefangenschaft an diesen Pfählen die Tage seiner Haft abgezählt hatte. Der Abschied von den Genossen war ein sehr verschiedenartiger. Die einen drückten ihm herzlich die Hand, einige sogar freundschaftlich und gerührt, aber doch wie einem „Herrn“, manche wendeten sich ab, um einem Abschied auszuweichen, andere wieder blickten ihm gehässig nach; auf dem Antlitz aller aber lag unverhohlen der Gedanke ausgedrückt — „von morgen an bist du nie unter uns gewesen.“
Orest Miller setzt in seinen „Materialien“ die Enthaftung Dostojewskys auf den 2. März 1854. Indessen geht aus den Dokumenten, welche uns in den Archiven der III. Abteilung bereitwilligst vorgelegt wurden, hervor, dass Durow und Dostojewsky laut Verordnung des General-Adjutanten Grafen Orloff an das Kriegsministerium vom 17. November 1853 (No. 1920) „am Tage ihrer Enthaftung, dem 23. Januar 1854, in die Truppen des sibirischen Corps eingeteilt werden sollen.“
Auch in Bezug auf die ersten Briefe des Dichters an seine Angehörigen sind die „Materialien“ noch nicht genügend informiert. Seit der Abfassung derselben, 1883, also zwei Jahre nach des Dichters Tode, haben sich mehrere Briefe teils in den Händen der Familie vorgefunden, welche auch schon teilweise in verschiedenen Blättern durch die Witwe veröffentlicht worden sind; so ein Brief vom 22. Februar und, da dieser unbeantwortet blieb, ein zweiter vom 27. März. (Michael hatte ihm, nach Aussage der Witwe, während der ganzen Strafzeit nicht geschrieben, sowie sich die ganze Familie, wohl aus Furcht „sich zu kompromittieren“, die ersten Jahre seiner Strafzeit wenig um ihn kümmerte.) Ferner haben wir, gleichfalls in den Archiven der III. Abteilung die Belege dafür gefunden, dass vom 16. März 1854 bis zum 11. September 1856 neunzehn Briefe Theodor Michailowitschs an seinen Bruder, seine Angehörigen und andere Personen durch das Corps-Kommando in Sibirien an den nunmehrigen Chef der kaiserlichen Kanzlei, Generallieutenant Dubelt, zur Beförderung an ihre Adresse übermittelt worden sind. Ob die Witwe des Dichters, welcher diese Daten mit uns zur Verfügung gestellt wurden, in ihrer unermüdlichen Arbeit, ihres Gatten Briefe und Manuskripte zu sammeln, in diesem Falle durch Erfolg belohnt werden wird, das wird die Zeit lehren. Der erste Brief nach der Enthaftung und Einreihung Dostojewskys (in das 7. Linien-Infanterie-Bataillon des sibirischen Corps), den wir kennen, ist vom 27. März 1854 an den Bruder datiert. Wir entnehmen ihm folgende Stellen:
„Ich eile Dir mitzuteilen, mein teurer Freund, dass ich Deinen Brief samt der Einlage von 50 Rubeln in Silber erhalten habe, wofür ich Dir herzlich danke. Ich wollte Dir auch gleich antworten, habe aber die Post versäumt. Verzeihe und strafe mich nicht dafür. Ich hoffe, mein Teurer, dass Du mir jetzt öfter schreiben wirst. Wisse, dass Deine Briefe mir ein wahrer Feiertag sind; darum: sei nicht faul! Wir haben einander ja so lange nichts geschrieben! Hast Du mir denn nicht schreiben können? Das ist für mich sehr seltsam und bitter. Vielleicht hast Du nicht selbst um die Erlaubnis gebeten; Briefe sind aber erlaubt, ich weiss das sicher. Übrigens wirst Du jetzt nicht meiner vergessen, nicht wahr?“ Nach einer warmen Nachfrage um die Angehörigen und ihre Kinder, deren er jedes beim Namen nennt, spricht er seine Freude darüber aus, dass der Bruder einen Erwerbszweig gefunden habe, der ihn beschäftigt. Michael Dostojewsky hatte nämlich kurz vorher eine Zigarretten-Fabrik errichtet, wovon Theodor durch die Annoncen Nachricht erhalten hatte. „Du hast Familie, ein Auskommen ist Dir unumgänglich nötig, verdiene es Dir, verstärke Deine Thätigkeit, wenn Du kannst. Mit einem Wort, lass nicht fallen, was Du begonnen hast.“