„Du gratulierst mir zu meinem Austritt aus dem Strafhause und es bekümmert Dich, dass ich im Hinblick auf meine schlechte Gesundheit nicht um die Einreihung in die eigentliche Armee ansuchen kann. Meine Gesundheit würde ich indessen nicht beachten, darin liegt es nicht. Aber habe ich denn ein Recht anzusuchen? Die Versetzung in die Armee ist eine Allerhöchste Gnade und hängt vom Willen des Kaisers selbst ab. Darum kann ich nicht selbst darum bitten. Wenn das nur von mir abhinge! Vorläufig lerne ich den Dienst, gehe zum Unterricht und rufe mir das Alte zurück. Meine Gesundheit ist ziemlich gut und hat sich in diesen zwei Monaten sehr gebessert; da sieht man, was es heisst, aus der Enge, der Stickluft und der schweren Unfreiheit herauskommen; das Klima ist ziemlich gesund. Hier beginnt schon die kirgisische Steppe. Die Stadt ist ziemlich gross und bevölkert, Asiaten giebt es eine Menge. Rings die offene Steppe. Der Sommer ist lang und heiss, der Winter ist kürzer als in Tobolsk und Omsk, aber streng. Von Vegetation keine Spur, kein Bäumchen — die nackte Steppe. Einige Werst von der Stadt entfernt ist ein Fichtenwäldchen, eins auf viele Dutzend, ja hunderte von Werst. Da ist immer nur Tanne, Fichte oder Silberweide, andere Bäume giebt es da nicht. — Wild die Menge. Es giebt einen ordentlichen Markt, aber die europäischen Waren sind so teuer, dass man nicht an sie heran kann. Einmal werde ich Dir detaillierter über Semipalatinsk schreiben; es lohnt die Mühe. Jetzt aber will ich Dich um Bücher bitten, schicke mir welche, Bruder — keine Zeitungen; aber schicke mir europäische Historiker, Ökonomisten, Kirchenväter, womöglich alle alten (Herodot, Thukydides, Tacitus, Plinius, Flavius, Plutarch und Diodor usw.; sie sind alle ins Französische übersetzt). Endlich den Koran und ein deutsches Lexikon. Natürlich nicht alles auf einmal, sondern was Du eben kannst. Schicke mir auch Pissarews Physik und irgend eine Physiologie (sei’s auch eine französische, wenn sie russisch zu teuer ist). Suche die billigsten und gedrängtesten Ausgaben aus. Nicht alles auf einmal, langsam nach einander. Auch für weniges werde ich Dir dankbar sein. Begreife, wie nötig mir diese geistige Nahrung ist! Übrigens brauche ich Dir ja nichts zu sagen. Lebe wohl, mein Teurer! Schreibe öfter. Um Gottes willen vergiss nicht
Deinen Th. Dostojewsky.“
Diese Briefe aus Sibirien, welche in dem Zeitraume von 1854-1859 geschrieben wurden, deren Mehrzahl, wie wir sahen, durch das Corps-Kommando und die Generaladjutantur ihren Weg an die Adressaten nahmen, geben uns dennoch einige Auskunft über des Dichters Stimmung, über sein gegenwärtiges Leben und seine Zukunftspläne. Der nächste Brief an den Bruder ist vom 30. Juli 1854 datiert. Er entschuldigt sich über sein langes Schweigen in folgender Weise: „Ich versichere Dir, mein Teurer, dass ich bis auf diesen Augenblick fast gar keine Zeit zum Schreiben hatte; und schliesslich, wenn es auch einige freiere Minuten gab, so verschob ich das Schreiben absichtlich auf eine günstigere Zeit, immer hoffend, dass diese bald kommen werde, denn ich wollte Dir nicht in Abrissen und in Eile schreiben. Du weisst natürlich oder kannst es ja erraten, womit ich jetzt beschäftigt bin. Exerzieren, Musterungen der Brigade- und Divisions-Kommandanten und Vorbereitungen dazu. Ich bin im März hierher gekommen (nach Semipalatinsk). Vom Liniendienst hatte ich so gut wie gar nichts gewusst, bin aber doch im Juli bei der Musterung in Reih und Glied gestanden und habe meine Sache nicht schlimmer gemacht als die anderen.“
Weiter schreibt er: „Wie fremd Dir auch all dieses sein möge, so denke ich doch, Du wirst begreifen, dass das Soldatenleben kein Spass ist, dass es mit all seinen Verpflichtungen kein leichtes ist, für einen Menschen mit meiner Gesundheit und einen, der alles dessen so entwöhnt ist .... Ich murre nicht, dies ist mein Kreuz und ich habe es verdient“. Im weiteren Verlauf des Briefes spricht er liebevoll von den Schwestern (beide hatten sich inzwischen vermählt), beschwört den Bruder, doch nicht auf Antwort zu warten, damit es nicht immer drei Monate dauere, ehe einer vom anderen Nachricht habe. „Jetzt kennst Du ja meine Beschäftigungen“, führt er fort, „andere Erlebnisse hat es nicht gegeben, als dienstliche äussere Lebensumwälzungen, besondere Vorfälle ebenfalls nicht. Die Seele aber, das Herz, den Geist — was gewachsen, was herangereift ist, was mit allem Unkraut hinausgeworfen worden, das kann man nicht auf einem Stückchen Papier sagen und wiedergeben“ .... Weiter berührt er seine Krankheit, über welche er, wie oben gesagt worden, noch immer nicht im klaren ist, und fährt fort: „Übrigens sei so freundlich und denke nicht, dass ich etwa so melancholisch und voller Bedenken bin, wie ich es in den letzten Jahren in Petersburg gewesen bin. Dies alles ist vollkommen vergangen, wie weggeblasen. Im übrigen ist alles von Gott und in Gottes Hand.“ Zum Schluss meint er, der Bruder, der ihn gefragt hatte, ob er Geld brauche, sei seine einzige Rettung, er solle aber nur dann schicken, wann er etwas habe; er beschwört ihn, bald zu schreiben, obwohl es traurig genug sei, nur brieflich mit einander zu leben, wenn man einander fünf Jahre nicht gesehen habe.
Der zweite der, von der Witwe des Dichters im März 1898 dem Redakteur der Monatsschrift „Niva“, Herrn R. J. Sementkowsky, zur Veröffentlichung übergebenen drei Briefe Dostojewskys, welche im Aprilhefte desselben Jahres erschienen sind, ist vom 21. August 1855 datiert. Auch in diesem spricht sich das furchtbare Heimweh und Gefühl der Vereinsamung aus, das uns in den vorhergehenden Briefen entgegentritt.
„Mein teurer Freund, mein lieber Bruder Mischa!“ — heisst es darin — „da ist nun schon eine sehr lange Zeit vergangen, und es ist auch nicht ein Zeilchen von Dir da, und ich beginne, nach meiner Gewohnheit, mich zu beunruhigen und zu härmen. Es wird offenbar so werden, wie im vorigen Sommer. Mein Lieber, wenn Du nur wüsstest, in welcher bitteren Einsamkeit ich mich hier befinde, so würdest Du mich wahrlich nicht so lange schmachten lassen und würdest nicht so lange verziehen, mir wenigstens einige Zeilen zu schreiben. Weisst Du was? Mir kommt manchmal ein schwerer Gedanke. Mir scheint, die Zeit nimmt sich nach und nach das ihre; eine alte Anhänglichkeit ermattet und frühere Eindrücke verblassen und verwischen sich. Es scheint mir, dass Du anfängst, mich zu vergessen. Wie könnte man anders so lange Pausen zwischen Deinen Briefen erklären? Auf mich sei nicht böse, wenn ich selbst Dir manchmal lange Zeit nicht schreibe. Aber erstens schreibe ich immer öfter, zweitens aber schwöre ich Dir, dass manchmal sehr schwere Arbeiten zu leisten sind; da ermüde ich und — versäume die Post, welche hier nur einmal wöchentlich abgeht. Bei Dir ist’s etwas anderes. Wenn auch zum Beispiel thatsächlich nichts zu schreiben wäre, so schreibe wenigstens was immer, seien’s auch zwei Zeilen. Mir käme dann nicht der Gedanke, dass Du mich verlässest. Lieber Freund, als ich im Oktober des vorigen Jahres[9] ähnliche Klagen an Dich schrieb, da antwortetest Du, es sei Dir sehr peinlich, sehr schwer gewesen, sie zu lesen. Mein teurer Mischa! sei mir um Gottes willen nicht böse, bedenke, dass ich einsam bin, wie ein dahingeworfener Stein, — dass mein Charakter immer schwermütig, krankhaft, empfindlich war. Bedenke das alles und verzeihe mir, wenn meine Klagen ungerecht, meine Voraussetzungen dumm waren; ich bin ja selbst überzeugt, dass ich unrecht habe. Allein Du weisst: auch ein Zweifel von der Grösse eines Mohnkörnchens ist schwer zu ertragen, und ich habe ja niemand, der mich eines besseren belehren könnte, als Dich selbst.“
Nach eindringlichen Fragen nach des Bruders materiellen Zuständen, nach der Familie, spricht er die Sorge aus, ob denn der Erfolg des kaufmännischen Unternehmens Michaels durch genügenden Unterhalt der Familie das Opfer aufwiege, das dieser gebracht habe, indem er sich von der Litteratur, dem Staatsdienste und allen Beschäftigungen lossagte, die seinem Charakter angemessener waren. „Was soll ich Dir über mein Leben sagen?“ heisst es weiter. „Bei mir ist alles im alten, alles im gleichen und es hat sich seit meinem letzten Briefe fast nichts verändert. Ich lebe ganz still. Im Sommer ist der Dienst schwerer, sind Musterungen. Mit meiner Gesundheit kann ich mich nicht brüsten, lieber Freund; sie ist nicht ganz gut. Je älter man wird, um so schlimmer wird es. Wenn Du aber meinst, dass noch so viel reizbare Empfindlichkeit, so viel Einbildung aller Krankheiten in mir steckt, wie in Petersburg, so rede Dir das gefälligst aus; auch nicht eine Mahnung davon ist vorhanden, wie von vielem anderen, Gewesenen.“ Der Brief schliesst mit hundert Fragen nach Verwandten und Grüssen an sie und verstärkt unseren Eindruck davon, dass Theodor Michailowitsch, ganz abgesehen von seinem durch die Einsamkeit gesteigerten Gefühl für die Familie, vor allem seinem Bruder Michael unendlich mehr Wärme entgegenbringt, als ihm erwidert wird. Michaels ganzes Verhalten gegen ihn während der Jahre der Haft und der Abwesenheit, der Umstand, dass er, als die Geschäfte der Fabrik schlecht gingen, sofort wieder zur Litteratur griff, da der Bruder zurückkam und mit ihm und für ihn arbeitete, das alles bestärkt uns mindestens in der Annahme, dass Theodor nicht der Empfangende von beiden sein mochte, eine Annahme, die vom weiteren Lauf der Ereignisse nur bestätigt wird.
In diesem Jahre, 1855, traten neue Personen in des Dichters Leben ein, Personen, welchen es bestimmt war, ihm sehr nahe zu stehen. Dies sind erstens ein Baron Alexander Jegorowitsch Wrangel, mit dem ihn eine enge Freundschaft verbindet, was zu einem langjährigen, wenn auch oft stockenden Briefwechsel führte. Die zweite dieser Personen ist Marja Dmitrjewna Issajew, die in Sibirien lebende Witwe eines dort an Lungentuberkulose verstorbenen Beamten.
Über Wrangel spricht sich der Dichter in einem an Apollon Maikow gerichteten Briefe vom 18. Januar 1856 folgendermassen aus: „Diesen Brief wird Ihnen Alexander Gregorowitsch Wrangel übergeben, ein sehr junger Mensch (Wrangel musste damals 23 Jahre alt sein), mit vortrefflichen Eigenschaften der Seele und des Herzens, der direkt aus dem Lyceum nach Sibirien gekommen ist, mit dem edeln Vorsatze, das Land kennen zu lernen, nützlich zu sein usw. Er hat in Semipalatinsk gedient, wir haben einander getroffen und ich habe ihn sehr lieb gewonnen. Da ich Sie ganz besonders bitten werde, ihm Ihre Aufmerksamkeit zu schenken und womöglich näher mit ihm bekannt zu werden, so will ich Ihnen zwei Worte über seinen Charakter sagen: Ausserordentlich viel Güte, ein sanftes Herz, obwohl sein Äusseres einen gewissen Anschein von Unnahbarkeit trägt. Ich wünschte sehr, um seines Vorteils willen, dass Sie näher mit ihm bekannt würden. Der halb oder dreiviertel aristokratische, freiherrliche Kreis, in welchem er aufgewachsen ist, gefällt mir nicht ganz, ja ihm selbst auch nicht, denn er besitzt vortreffliche Eigenschaften, und doch ist vieles an ihm ersichtlich, was von alten Einflüssen zeugt. Wirken Sie auf ihn, wenn es möglich ist, er ist es wert. Er hat mir sehr viel Gutes gethan, allein ich liebe ihn nicht nur für das erwiesene Gute. Schliesslich noch eins: Er ist etwas argwöhnisch, sehr eindrucksfähig, manchmal versteckt und etwas ungleich in seinen Stimmungen. Wenn Sie mit ihm zusammen kommen, sprechen Sie mit ihm offen, gerade heraus, und holen Sie nicht weit aus.“
Dieser Jüngling scheint, nach dem Briefwechsel zu urteilen, sehr viel Gelegenheit gehabt zu haben, dem Dichter sowohl in Sibirien als in Russland nützlich zu werden. Er hat durch seine Verbindungen manchem Gesuch Dostojewskys bei den betreffenden Persönlichkeiten Eingang verschafft und so an vielen Erleichterungen mitgewirkt, welche dem Dichter mit der Zeit geworden sind. Auch scheint er diesem in eigenen intimen Angelegenheiten volles Vertrauen geschenkt und ihn in seinen, wie man leicht herausfühlen kann, schwierigen Familien- und Herzens-Angelegenheiten zu Rate gezogen zu haben. Eine der ersten gemeinsamen Angelegenheiten beider scheint die gewesen zu sein, eben jenem sterbenden Issajew und seinen Angehörigen mit kleinen Geldmitteln auszuhelfen, da sich diese Familie in bitterer Not befand. In einem Briefe an Wrangel vom 14. August 1855 berichtet ihm der Dichter vom Tode des „unglücklichen Issajew“, spricht über die traurige Lage seiner Witwe Maria Dmitrjewna und bittet ihn, dieser die unter ihnen verabredete Summe zu senden. An der Wärme im Ton dieses Briefes ist leicht ersichtlich, wie nahe diese Menschen seinem Herzen stehen. So schreibt er: „Er starb unter entsetzlichen Leiden, aber wunderschön, wie Gott geben möge, dass wir andern dahingehen. Er starb kraftvoll, seine Gattin und sein Kind segnend und nur um ihr Los besorgt. Die unglückliche Marja Dmitrjewna erzählt mir seinen Heimgang bis in die kleinsten Details. Sie schreibt, diese Details wieder hervorzurufen, sei ihr einziger Trost. In den furchtbarsten Qualen (er kämpfte zwei Tage mit dem Tode) rief er sie zu sich, umarmte sie und wiederholte unaufhörlich: „Was wird mit Dir geschehen, was wird mit Dir geschehen?“ Erinnern Sie sich an ihren kleinen Jungen, den Pascha? er ist vom Weinen und von der Verzweiflung ganz von Sinnen gekommen. Mitten in der Nacht springt er aus dem Bette, läuft zum Bilde, mit welchem ihn der Vater zwei Stunden vor seinem Tode gesegnet hat, fällt auf die Kniee und betet nach ihren Worten um die ewige Ruhe der dahingeschiedenen Seele. ... Man hat ihn ärmlich begraben, auf fremde Kosten (es fanden sich gute Leute), sie aber war ganz besinnungslos .... Jetzt schreibt sie, dass sie krank ist, den Schlaf verloren hat und keinen Bissen zu essen vermag ... sie hat gar nichts, ausser Schulden im Kaufladen, irgend jemand hat ihr drei Silberrubel geschickt. „Die Not hat mir die Hand hingestossen, es anzunehmen,“ schreibt sie, „und ich habe ... das Almosen angenommen!“ — Nun folgt eine eingehende Belehrung an Wrangel, in welcher Weise dieser der Witwe Issajew die verabredete Summe schicken solle, mit den feinsten Details einer ausgesuchten Delikatesse eingeleitet und motiviert.