In seinem nächsten Brief an Wrangel vom 23. August 1855 erwähnt er noch einmal diese Geldangelegenheit, erzählt Marja Dmitrjewna habe ihm schwere Vorwürfe gemacht, dass eigentlich doch er, der selbst nichts habe, der Geber sei; er hoffe sie aber mit seiner Antwort beruhigt zu haben. „Wenn Sie hierher kommen,“ fährt er fort, „werde ich Ihnen ihren Brief zeigen. Mein Gott! was ist das für eine Frau! wie schade, dass Sie sie so wenig kennen!“ Mit einem P. S. noch einmal auf die Sache zurückkommend schliesst er: „Werden Sie ihr ein paar Worte schreiben?“
Wir ahnen schon hier, dass sich in dem, durch sechs Jahre von jedem ebenbürtigen Verkehr, von jeder Annäherung an edle Frauen abgetrennten Staatsgefangenen (zu Annäherungen banaler Natur scheint, nach den „Memoiren aus dem Totenhause“, auch das strenge Sträflingsleben für untergeordnete Kostgänger des Staates nicht ohne Möglichkeit gewesen zu sein), eine tiefe Sympathie, eine überschwängliche Bewunderung für das erste weibliche Wesen entwickeln wird, das schon durch seine Leiden ein Anrecht an ihn erworben hat und wohl auch durch eine seltene Begabung und Seelenart diesen tiefen Anteil rechtfertigen musste. Einen Anhaltspunkt für die Vorstellung vom Wesen Marja Dmitrjewnas finden wir in dem Umstande, dass der Herausgeber der „Biographischen Materiale“, Orest Miller, den Roman des Dichters „Erniedrigte und Beleidigte“ als jenen bezeichnet, in welchem wir, den äussern Thatsachen nach, neben den „Memoiren aus dem Totenhause“ die deutlichsten Spuren einer Autobiographie verfolgen können. Es ist thatsächlich geschehen, dass, als eine tiefere Beziehung des Dichters zu Marja Dmitrjewna eingetreten war, diese, gerade so wie Natascha im Roman, eine plötzliche Leidenschaft zu einem anderen fasste und Dostojewsky, aus innigstem Mitgefühl für ihre Leiden, sich eifrig bemühte, diesem anderen zu einer Stelle und einem Erwerb zu verhelfen. In welcher Weise sich dann der Umschlag in Marja Dmitrjewnas Gefühlen und Entschlüssen vollzog, das erfahren wir aus den diskreten Notizen O. Millers nicht.
Um unser Urteil über Marja Dmitrjewna zu vervollständigen, werden wir gewiss nicht fehl gehen, wenn wir die Zeichnung Nataschas als nach ihrem Vorbilde entworfen annehmen. Der Roman ist innerhalb eines Zeitraumes von ungefähr zwei Jahren nach des Dichters Vermählung geschrieben, also genug nahe, um jene Eindrücke noch ganz frisch in sich zu tragen, und genug ferne, um sie nach aussen hin gestalten zu können. Er hatte früher eine längere Erzählung, die er anfangs Roman nennt, geschrieben, welche er über zwei Jahre mit sich herumgetragen hatte; dies war die uns unter dem Namen „Tollhaus und Herrenhaus“ bekannte Erzählung „Das Dorf Stepantschikowo und seine Bewohner“. Dazwischen schrieb er aus Not eine kleine Erzählung nieder, die ihn auch schon lange beschäftigt hatte: „Onkelchens Traum“.
In der Gestalt der Natascha[10] nun sind, ganz abgesehen von den äusseren Umständen, Züge, welche uns an Marja Dmitrjewna erinnern. Ja, der Dichter, welcher sich in seiner grandiosen Unbekümmertheit um Wiederholungen wirklich oft wiederholt, gebraucht in einem Briefe an Wrangel bei der Mitteilung ihrer Zustimmung genau dieselben einfachen Worte, die er dann an der betreffenden Stelle im Roman ausspricht: „Sie sagte mir selbst: ‚ja‘. Das, was ich Ihnen über sie im vergangenen Sommer schrieb“ — fährt er in seinem Briefe vom 1. Dezember 1856 fort —, „hat gar wenig Einfluss auf ihre Neigung zu mir gehabt ... sie hat sich bald vom Irrtum ihrer neuen Neigung überzeugt .... o wenn Sie wüssten, was diese Frau ist!“ ... Am 6. März 1857 giebt er dem Freunde in einem uns nur bruchstückweise mitgeteilten Briefe von seiner in Kuznezk vollzogenen Vermählung mit wenigen Worten Nachricht. Dieser Brief beschäftigt sich hauptsächlich mit den Zuständen Wrangels, dessen komplizierten Beziehungen zum Vater usw. und enthält Ermahnungen, sich vor zu grosser argwöhnischer Empfindlichkeit zu bewahren. Zum Schlusse sagt er: „..... grosse Umwandlungen in unserem Leben helfen da immer. Ich war im höchsten Grade hypochondrisch, wurde aber durch die scharfe Umwälzung, welche in meinem Schicksal eintrat, gründlich davon geheilt.“
Ehe wir zu den weiteren Erlebnissen des Dichters übergehen, die von Wichtigkeit für seine Thätigkeit waren, möchten wir jenen Brief Dostojewskys hier einschalten, der über die letzten Augenblicke Marja Dmitrjewnas berichtet, um so einen Abschluss des Bildes dieser Ehe zu gewinnen, welche ihm grosses Glück und grosse Leiden gebracht zu haben scheint.
Die Briefe enthalten nur stellenweise Andeutungen intimer Beziehungen. So finden wir nur sehr spärliche Äusserungen in einigen derselben zerstreut. Viel reichlicher sind die Mitteilungen seiner Sorgen um den Stiefsohn Pascha, der ihm sowohl wegen seines Studienganges und der dazu kaum ausreichenden materiellen Mittel, als auch später seines unzuverlässigen Charakters wegen manche Prüfung auferlegt. Das Zusammenleben des Dichters nun mit seiner Gattin scheint zu Schwierigkeiten geführt zu haben, welche wohl in gewissen Charakterähnlichkeiten zu suchen sein dürften. Schon das Faktum allein, dass Dostojewsky es im Verlauf dieser Ehe trotz angestrengtester Arbeit und später auch erzielter grosser Honorare nie dazu gebracht hat, einen sorgenfreien Augenblick, ein Ausruhen von der Furcht drohender Not zu geniessen, deutet darauf hin, dass beide Gatten gleich unfähig waren, sich das äussere Leben erträglich einzurichten.
Anderseits finden wir in des Dichters Briefen immer dieselbe Bewunderung und Liebe für Marja Dmitrjewna ausgedrückt, obgleich er auf eine örtliche Trennung eingehen musste, welche auf Anraten der Ärzte um der Gattin Gesundheit willen eingeleitet wurde. So verblieb denn Theodor Michailowitsch in Petersburg, während Marja Dmitrjewna nach dem milderen Moskau übersiedelte.
Nachdem sich aber ein ernstes Lungenleiden rasch entwickelt zu haben scheint, eilt der Dichter an das Krankenbett der Gattin und bringt dort, selbst sehr leidend, unter „allseitigen“ Qualen, wie er sagt, und unter dem Druck bestellter, eiliger Arbeit zwei schwere Monate zu.
Er bleibt von Ende Februar bis Mitte April 1864 an ihrer Seite, schreibt während des dringende Geschäftsbriefe an den Bruder, denen wir eben nur die wenigen Andeutungen über seinen Seelenzustand entnehmen, während das unaufhörliche Sprudeln und Gähren seiner Schöpferkraft ihn auch hier nicht verlässt.
Voll von Plänen für seine damals erscheinende Zeitschrift „Wremja“, Entwürfen, kritisch-ästhetischen Artikeln über „Theoretismus und Phantasterei“, die, wie er sagt, „nicht eine Polemik sein wird, sondern eine That,“ wird er doch endlich von der Macht der Verhältnisse, nämlich eigener Krankheit und dem Tode seiner Gattin, für eine Zeit überwältigt, so dass er gar nicht schreiben kann, obwohl er noch kurz vorher schrieb: „Meine Frau ist sterbend, buchstäblich. Jeden Tag kommt ein Augenblick, da wir ihren Tod erwarten. Ihre Leiden sind furchtbar und finden ihren Widerhall in mir, weil ja ... das Schreiben aber ist keine mechanische Arbeit, dennoch aber schreibe ich und schreibe meist am Morgen — doch fängt die Handlung erst an. Die Erzählung zieht sich in die Länge. Manchmal denke ich, es wird ein Quark, dennoch schreibe ich mit Feuer, ich weiss nicht, was daraus wird. Im allgemeinen habe ich wenig Zeit zum Schreiben, obgleich es scheint, dass ich alle Zeit für mich habe — dennoch ist es wenig, denn es ist diese Zeit keine Arbeitszeit für mich und ich habe manchmal ganz anderes im Kopfe; dann noch eins: ich fürchte, der Tod meiner Frau wird bald eintreten, dann wird aber eine Unterbrechung der Arbeit unvermeidlich sein — wenn diese Unterbrechung nicht wäre, würde ich wahrscheinlich fertig.“