Diese Stelle des Briefes müsste uns geradezu durch ihre kühle Geschäftsmässigkeit verblüffen, wenn wir es nicht schon an vielen anderen Beispielen aus dem Leben grosser Dichter und Künstler erfahren hätten, dass sie, während des Schaffens gleich der pythischen Priesterin vom Geiste erfasst, im Taumel aller Irdischkeit entrückt sind. Dieses absorbierende, despotische Etwas, das sie hat, lässt zu Zeiten nichts übrig für die Erdengenossen, die sich ihnen angelobt.

Dienstag, den 14. April 1864, schreibt er an den Bruder als Nachschrift: „Gestern um 2 Uhr nachts habe ich diesen Brief geschlossen. Später wurde Marja Dmitrjewna sehr schlecht. Sie verlangte nach dem Geistlichen. Ich ging Alexander Pawlowitsch zu holen und schickte nach dem Priester. Die ganze Nacht sassen sie bei ihr; die Sakramente empfing sie um 4 Uhr morgens. Um 8 Uhr legte ich mich nieder, ein wenig auszuruhen, um 10 Uhr wurde ich geweckt, es sei Marja Dmitrjewna in diesem Augenblicke besser.“

Unter dem 15. schreibt er: „Gestern hatte Marja Dmitrjewna einen entscheidenden Anfall. Eine Halsblutung trat ein, die einen Druck auf die Brust und Würganfälle hervorrief. Wir alle erwarteten das Ende, wir waren alle an ihrer Seite. Sie nahm von allen Abschied, versöhnte sich mit allen, machte Ordnung mit allem. Deiner ganzen Familie sendete sie Grüsse und Wünsche langen Lebens, ganz besonders an Emilie Fjodorowna. Auch sprach sie das Verlangen aus, sich mit Dir zu versöhnen. (Du weisst, mein Freund, dass sie ihr Leben lang davon überzeugt war, Du seist ihr heimlicher Feind.) Die Nacht brachte sie schlecht zu. Heute aber, soeben sagt Alexander Pawlowitsch endgiltig, dass sie heute — sterben wird. Und das ist unzweifelhaft.

Ich werde zur Tante um Geld fahren: Sie kann es aber verweigern, weil sie vielleicht keines bei der Hand hat. Ich weiss nicht, was ich machen werde. Dich aber bitte ich: verlass mich nicht. Es werden sehr grosse Auslagen sein. Schicke so viel Du kannst, um alles! Um Gotteswillen — ich werde es abdienen.“ —

Wir glauben, dass es keines Kommentars bedarf, um das Tragische dieses Lakonismus der Not hervorzuheben. Ein Dichtergenius, der ganz wie das arme Volk erlebt: dem die Sorge um den nächsten Augenblick eines tiefen und zarten Erlebnisses kein anderes Wort in den Mund legt, als: Geld!

Als Nachschrift heisst es: „Marja Dmitrjewna stirbt sanft bei vollem Bewusstsein, Pascha (den Sohn) hat sie im Geiste gesegnet.“

Der letzte Brief, wenigstens der letzte, in den wir Einblick haben, in welchem Dostojewsky über Marja Dmitrjewna und sein Verhältnis zu ihr spricht, ist vom 31. März 1865 an Wrangel gerichtet. Die betreffende Stelle lautet: „Ja, Alexander Jegorowitsch, ja, mein unschätzbarer Freund, Sie schreiben mir und klagen mit mir über meinen verhängnisvollen Verlust, den Tod meines Schutzengels, Bruder Mischas (der Bruder war bald nach Marja Dmitrjewna plötzlich gestorben), aber Sie wissen nicht, wie tief mich das Schicksal niedergedrückt hat. Ein zweites Wesen, das mich liebte, und das ich grenzenlos liebte, meine Frau ist in Moskau, wohin sie ein Jahr vorher übersiedelt war, an Tuberkulose gestorben. Ich bin ihr dorthin nachgekommen, bin den ganzen Winter 1864 nicht von ihrem Lager gewichen und am 16. April des vorigen Jahres ist sie verschieden, bei vollem Bewusstsein; und da sie von allen Abschied nahm, und aller gedachte, denen sie noch letzte Grüsse senden wollte, gedachte sie auch Ihrer. Ich übergebe Ihnen hier diesen Gruss, lieber, guter, alter Freund. Weihen Sie ihr ein gutes und freundliches Erinnern. O, mein Freund, sie hat mich grenzenlos geliebt, und auch ich liebte sie über die Massen, doch lebten wir nicht glücklich miteinander. Ich werde Ihnen alles bei unserem Wiedersehen erzählen — jetzt sage ich nur das, dass wir ungeachtet dessen, dass wir mit einander unbedingt unglücklich waren (ihres seltsamen, argwöhnischen und krankhaft-phantastischen Charakters wegen) — nicht aufhören konnten, einander zu lieben. Ja sogar, je unglücklicher wir waren, desto mehr liebten wir einander. Wie seltsam dies auch klingen möge, dennoch war es so. Sie war die ehrlichste, die edelste und grossherzigste aller Frauen, welche ich in meinem ganzen Leben gekannt habe. Als sie starb — habe ich, obwohl mich ein Jahr lang tiefer Kummer beim Anblick ihres Hinsterbens gequält hatte, obwohl ich wusste und mit tiefem Schmerze empfand, was ich mit ihr begraben würde — da habe ich in keiner Weise die Vorstellung davon gehabt, wie leer und öde mein Leben von dem Augenblicke an sein würde, da man die Erde über sie schüttete. Und nun ist schon ein Jahr vergangen, und dieses Gefühl schwächt sich nicht ab .... Da eilte ich, nachdem ich sie begraben, nach Petersburg zum Bruder — nun blieb mir nur er allein; nach drei Monaten starb auch er, nachdem er im ganzen einen Monat, und das ganz leicht, krank gewesen war, so dass die Krisis, welche dem Tode voranging, ganz unerwartet unter drei Tagen eintrat.

Und nun bin ich plötzlich allein geblieben und es war mir geradezu furchtbar zu Mute. Mein ganzes Leben war in zwei Teile zerbrochen. In der einen Hälfte, die ich hinter mir hatte, war alles wofür ich gelebt hatte, und in der zweiten, mir noch unbekannten Hälfte, alles fremd, alles neu, und nicht ein Herz, das mir diese beiden ersetzen könnte. Es war mir buchstäblich nichts geblieben, wofür ich leben sollte. Neue Bande knüpfen, ein neues Leben ersinnen? Der blosse Gedanke daran war mir widerwärtig. Hier empfand ich zum ersten Male, dass ich sie durch niemand ersetzen, dass ich nur sie auf der Welt geliebt, und dass eine neue Liebe zu fassen ganz unmöglich, ja nicht nötig sei. Alles um mich herum wurde kalt und öde. Da, als ich vor drei Monaten Ihre guten, so warmen Zeilen, voll alter Erinnerungen erhielt, da wurde mir so traurig zu Mute, dass ich es gar nicht ausdrücken kann. Aber nun hören Sie weiter.“

Hier wird der Brief unterbrochen und erst nach neun Tagen wieder fortgesetzt, und wir finden darin des Dichters unzerstörbare Lebenskraft wieder an der Arbeit, diesmal an der Ordnung der trostlosen Verhältnisse, in welchen der Bruder seine Familie zurückgelassen.

Wir kehren jedoch zu den Erlebnissen des Dichters zurück, die noch vor seiner gänzlichen Befreiung aus Sibirien (1859) von Bedeutung waren. Das, was den Dichter in der Zeit zwischen 1854 und 59 am meisten beschäftigt, ist seine und seiner Freunde Bemühung, die Erlaubnis zu drucken, die Befreiung vom Militärdienst und endlich die Rückkehr nach Russland zu betreiben. Durch Baron Wrangel, welcher inzwischen nach Petersburg gereist war, hofft er auf den General Totleben, den dermaligen General-Auditor, in diesem Sinne einzuwirken. Er schreibt Wrangel eingehend und dringlich darüber und fügt hinzu: „Sollte man nicht etwa das Gedicht beischliessen?“ Unter dem „Gedicht“ ist eine Art Hymnus gemeint, welchen der Dichter in seiner Begeisterung für die Sache der Christen im Orient zu Beginn des Orientkrieges 1854 verfasst hatte und welcher in den Archiven der „Dritten Abteilung“ aufbewahrt worden war. Das Gedicht (zehn zehnzeilige Strophen in fünffüssigen Jamben) erschien zum ersten Male im ersten Heft des Grashdanin 1883 im Druck. Es ist künstlerisch ganz unbedeutend und nur durch die Wärme und den Schwung bemerkenswert, mit welchem Dostojewsky den Sieg des christlichen Heeres über die Ungläubigen preist, andererseits heute durch den Spott interessant, den er über jene christlichen Nationen, namentlich die Franzosen ausgiesst, welche auf der Seite der Ungläubigen stehen. Die Hoffnung auf die Erfolge der russischen Waffen lässt den Dichter in einer Art gläubiger Verzückung, das siegreiche Heer bis vor die Thore Konstantinopels führen. Im selben Briefe vom April 1856 erwähnt der Dichter eines Gedichtes zur Feier der Krönung Alexanders des Zweiten, des von ihm „vergötterten Kaisers“. Orest Miller berichtet, dass dieses Gedicht spurlos verschwunden ist, was um so beklagenswerter sei, als es die Gefühle nicht nur aller patriotischen Russen, sondern auch eines Teils der Gefährten Dostojewskys in der Affaire Petraschewskys ausdrücke. So viel Platz man nun den überschwänglichen Hoffnungen einräumen muss, welche jeder neue Regierungsantritt, jeder junge Herrscher, der einer verbrauchten und verhärteten Kraft auf dem Throne nachfolgt, in den Herzen eines Volkes hervorruft, so viel neue Schwungkraft namentlich in Russland bei diesen Gelegenheiten in der Gesellschaft ausgelöst wird, so dürften doch diese Worte des allzu eifrigen Freundes mit Vorsicht aufzunehmen sein. Es ist nicht anzunehmen, dass die Teilnehmer an der Petraschewsky-Affaire, auch nur ein Teil von ihnen so hoch über dem Niveau von Verbitterung und Misstrauen gestanden und so gross und so frei, so liebe- und hoffnungsvoll auf die Weltereignisse zu blicken vermocht hätten, wie Dostojewsky. Diese Stelle des Berichtes sowie manche, die uns noch begegnet, sind zum mindesten eine Ungeschicktheit, weil sie gerade jenem in unseren Augen schaden, den sie mit einem Kreise Gleichgesinnter und mit einem Nimbus umgeben wollen, den er gar nicht braucht.