Die Ausführung des Romans, welchen er mit sich trägt, verschiebt er für seine Rückkehr nach Russland. In diesem Roman, sagt er, „liegt eine ziemlich glückliche Idee, ein neuer, bis jetzt nirgends dargestellter Charakter. Allein, da dieser Charakter jetzt in Russland wahrscheinlich in der Wirklichkeit sehr verbreitet ist, ganz besonders jetzt, nach der Bewegung und den Ideen zu urteilen, von welchen alle erfüllt sind, so bin ich überzeugt, dass ich meinen Roman mit neuen Beobachtungen bereichern werde, wenn ich nach Russland zurückkomme.“
O. Miller ist der Ansicht, unter diesem Charakter könne nur Raskolnikow gemeint sein, das Produkt jener Betrachtungen, welche der eben durch russische Nachrichten und Zeitschriften dem Dichter wiedergewonnene Einblick in die Verhältnisse und bewegenden Ideen in ihm erweckt hätten. Ja, noch lange ehe Raskolnikow erschienen — so findet Miller und wir müssen ihm vollkommen beistimmen — ist der Grundtypus dieses neuen russischen Charakters in den „Memoiren eines Totenhauses“ an jener Stelle bezeichnet worden, wo Dostojewsky sagt: „Die Eigenschaften eines Scharfrichters finden sich im Keime fast bei jedem jungen Menschen unsrer Tage vor.[12] Indessen“, sagt der Dichter, „schreibe ich zwei Erzählungen, welche eben nur erträglich sein werden.“ Weiter spricht sich Dostojewsky über seine Arbeitsmethode aus, und wir müssten erstaunt sein, dass sie dem vollkommen widerspricht, was sich uns beim Lesen aller seiner Werke aufdrängt, nämlich der Raschheit, Achtlosigkeit auf Detail, der Spontaneität, die sich überall darin fühlbar macht. Es ist eben immer wieder die Not, welche ihn antrieb, seinem innersten Gefühl zuwider etwa in zwei Tagen und zwei Nächten zwischen 3 und 4 Druckbogen anzufüllen. In diesem Briefe widerspricht er dem Bruder, bekämpft dessen Ansicht, dass eine Situation auf einen Sitz geschrieben werden müsse. „Ich schreibe nur eine Scene sofort nieder, so wie sie sich mir anfänglich gezeigt hat, und freue mich daran; dann aber bearbeite ich sie ganze Monate, ein Jahr lang, begeistere mich zu mehreren Malen daran, nicht nur einmal (weil ich diese Scene liebe), und füge ihr mehrere Male etwas zu oder nehme etwas fort ... und glaube mir, es kommt alles viel besser heraus. Wenn nur Begeisterung da ist. Ohne sie, freilich, wird nichts daraus.“
Inzwischen hat der Dichter die Erzählung „Onkelchens Traum“ für das Journal „Russkoje Slowo“ geschrieben, „per Eilpost“, wie er sagt, rein nur, um Geld zu bekommen, da er gelegentlich seiner Vermählung durch den Bruder 500 Rubel als Vorschuss aus der Redaktion hatte nehmen lassen. Katkow verspricht er den Roman, das schon mehrmals erwähnte „Dorf Stepantschikowo“, für den Herbst. Diese beiden Erzählungen scheinen uns eine Art Interimsepoche in des Dichters Thätigkeit darzustellen. Zwischen das Ausklingen des alten und den Beginn des neuen Lebens gesetzt, äusserlich vom Drang nach Arbeit und Erwerb beschleunigt, innerlich nicht im allerengsten Zusammenhang mit der in Sibirien gewonnenen Vertiefung des Dichters, welche zu ihrer äusseren Gestaltung eben seine Gegenwart in Russland forderte, stehen sie eigentlich vereinzelt da; und wenn sie auch die ausserordentliche psychologische Realität und Nuancierung nicht verleugnet, welche Dostojewskys künstlerische Grösse ausmacht, so gehören sie doch weder zu jenen Werken des Dichters, welche in die Zeit des litterarischen Tastens und Spielens mit Humor und Satire einzureihen wären, noch zu jenen, welche sein Apostolat der Alliebe und Allschuld mit allen Machtmitteln seiner Glutnatur verkünden und besiegeln.
In einem Briefe vom 9. Mai 1859 legt er dem Bruder einen Plan vor, wie seine bis dahin geschriebenen Werke in eine Ausgabe vereinigt werden könnten, um wieder einiges Geld hereinzubringen. Es war schon in einem anderen Briefe davon die Rede gewesen, dass Dostojewsky 100 Rubel für den Druckbogen erhielt, während Turgenjew damals schon 400 Rubel per Bogen gezahlt wurden. Uns interessiert hier nur seine Einreihung der Werke in zwei Bände und die Berechnung, die er daran knüpft, welche uns zugleich ein Bild seiner mühseligen, dabei klugen, aber doch immer etwas sanguinischen Transaktionen mit Redakteuren und Verlegern zu geben vermag. Bezeichnend ist dabei die häufige Wiederkehr der absoluten Mutlosigkeit, die immer wieder in Ausrufe ausbricht: dann, dann bin ich der Verzweiflung anheimgegeben, oder: dann, — höchstens ins Wasser — oder — ich bin verloren usw. In diesem Briefe also heisst es: „Höre, Mischa! Dieser Roman hat unbedingt grosse Mängel und hauptsächlich wohl den, dass er sich in die Länge zieht; wovon ich aber überzeugt bin, ist, dass er zugleich auch grosse Vorzüge hat und dass er mein bestes Werk ist.“ Dies meint der Dichter bei jedem eben vollendeten Werke und kommt erst spät von dieser Meinung zurück. „Ich habe ihn zwei Jahre hindurch geschrieben (mit der Unterbrechung „Onkelchens Traum“), Anfang und Mitte sind durchgebildet, das Ende in Eile hingeschrieben. Aber ich habe meine Seele, mein Fleisch und Blut da hineingelegt. Ich will nicht sagen, dass ich mich darin ganz ausgesprochen hätte, das wäre Unsinn. Es wird noch vieles zu sagen geben. Dazu kommt, dass in diesem Roman wenig Herzenselement vorhanden ist (d. h. leidenschaftliches Element, wie z. B. im „Adeligen Nest“) — aber er enthält zwei ungemein typische Charaktere, die ich fünf Jahre lang geschaffen und notiert und tadellos (nach meiner Meinung) durchgearbeitet habe — Charaktere, welche durchaus russisch und bis heute durch unsre Litteratur noch schlecht dargestellt worden sind. Ich weiss nicht, ob Katkow das würdigen wird, aber wenn das Publikum meinen Roman kühl aufnimmt, so werde ich, ich bekenne es, in Verzweiflung sein. Auf ihn sind meine besten Hoffnungen und vor allem die Befestigung meines litterarischen Rufes gegründet. — Jetzt bedenke: der Roman erscheint heuer, vielleicht im September. Ich denke, dass, wenn man von ihm sprechen, ihn loben wird, ich von Kuschelew schon 300 Rubel für den Druckbogen werde fordern können. Es wird dann nicht mehr jener Schriftsteller mit ihm zu thun haben, der nur „Onkelchens Traum“ geschrieben hat. Freilich kann ich mich sehr über meinen Roman und seinen Wert täuschen, aber darauf beruhen alle meine Hoffnungen. Nun: wenn der Roman im „Russkij Wjestnik“ (Katkow) Erfolg hat, und allenfalls einen bedeutenden, so habe ich, anstatt die „armen Leute“ gesondert herauszugeben, eine neue Idee: Wenn ich werde nach Twer gekommen sein (dem Dichter war damals schon Twer als nächster Wohnort angewiesen worden), will ich, mit deiner Hilfe versteht sich, mein Täubchen, du mein ewiger Helfer — zum Januar oder Februar des kommenden Jahres zwei Bändchen meiner Werke in folgender Ordnung herausgeben: 1) erster Band: „Arme Leute“, „Njetoschka Njezwanowa“ (die ersten 6 Kapitel sind überarbeitet und haben allen gefallen), „Helle Nächte“, „Kindergeschichte“ (die Erzählung, welche Dostojewsky im Gefängnis schrieb und später „Ein kleiner Held“ nannte) und „Christbaum und Hochzeit“; alles in allem 18 Druckbogen. Im zweiten Band: „Das Dorf Stepantschikowo“ und „Onkelchens Traum“. Der zweite Band hat 24 Druckbogen. (NB. Später kann man den überarbeiteten oder, besser gesagt, neugeschriebenen „Doppelgänger“ und andre gesondert herausgeben. Das wäre der dritte Band (dies aber später und jetzt nur zwei Bände).)“
„Die Auflage in 2000 Exemplaren wird 1500 Rubel kosten, nicht mehr. Man kann das Exemplar zu 3 Rubeln verkaufen. Daher werde ich, wenn ich durch 1½ Jahre einen grossen Roman schreibe, durch den allmählichen Verkauf der Exemplare geschützt und bei Gelde sein. Man kann es auch so machen: die Ausgabe an Kuschelew um 3000 oder sogar 2500 verkaufen; aber natürlich sich jetzt in keinerlei Verhandlungen einlassen: man muss den Erfolg des Romans bei Katkow abwarten. Hier ist alle Hoffnung enthalten und dieser Erfolg wird alle Abmachungen erleichtern.“
„NB. An Katkow sende ich im ganzen 15 Bogen zu 100 Rubeln, macht 1500 Rubel. Genommen habe ich von ihm 500, und nachdem ich das dritte Viertel des Romans eingesandt, habe ich um weitere 200 für die Reise gebeten, also sind 700 Rubel herausgenommen.“
„Ich werde ohne Kopeke nach Twer kommen, dafür aber erhalte ich dann in der allernächsten Zeit von Katkow 700 oder 800 Rubel. Das geht noch an, man kann sich wenigstens umdrehen.“
Solche und ähnliche Kombinationen bilden den Haupttext von Dostojewskys Briefen durch eine lange Reihe von Jahren und sind, so monoton diese Briefe dadurch auch sind, ein ungemein charakteristisches Merkmal für des Dichters seltsame Verbindung von Geschäftskenntnis, Klugheit und Optimismus, sowie die Umschläge seiner Stimmung von überschwänglichem Selbstgefühl zu vollständiger, kindlicher Verzweiflung und Mutlosigkeit.
Vom 22. September ist endlich ein Brief an Wrangel aus Twer datiert. Nach einer langen Pause, welche nicht verfehlt hat, im Dichter allerlei argwöhnische Vermutungen über die Treue des Freundes zu nähren, greift er mit alter Wärme die Korrespondenz wieder auf und berichtet über sein neues Leben in Twer, das indessen seine Hoffnungen durchaus nicht erfüllt, so dass er mit einer gewissen Sehnsucht an Semipalatinsk zurück denkt: „Wenn Sie nach mir fragen“ — sagt er — „was soll ich da antworten? Ich habe Familiensorgen auf mich genommen und schleppe sie nun. Aber ich glaube, dass mein Leben noch nicht zu Ende ist, und ich will nicht sterben. Meine Krankheit ist beim alten — nicht schlechter. Ich würde mich gerne mit Ärzten beraten — aber solange ich nicht nach Petersburg kann — werde ich mich nicht kurieren! Wozu mit Dummköpfen herumpatzen! Jetzt bin ich in Twer eingeschlossen, und das ist schlimmer als Semipalatinsk — — düster, kalt, steinerne Häuser, keinerlei Bewegung, keinerlei Interessen — nicht einmal eine ordentliche Bibliothek ist da! das reine Gefängnis! Ich denke sobald als möglich von hier fort zu kommen; aber meine Lage ist höchst sonderbar: ich betrachte mich schon seit langem als vollkommen begnadigt; man hat mir auf persönlichen Befehl schon vor zwei Jahren den erblichen Adel zurückerstattet; bei alledem aber weiss ich, dass ich ohne formelles Gesuch (in Petersburg zu leben) weder nach Petersburg noch nach Moskau hinein kann. Ich habe die Zeit verpasst, ich hätte vor zwei Monaten einreichen müssen, jetzt aber ist Fürst Dolgorukow abwesend.“ — — So plagt sich der Dichter zwischen Hoffnungen, Befürchtungen herum, fürchtet, wenn er sich an einen der einflussreichen Freunde wendet, den anderen zu verletzen und so für endlose Zeiten in Twer bleiben zu müssen, wo er in allem gelähmt ist. Endlich führt er die Idee aus, die er schon eine Zeit bei sich herumträgt, einen offenen Brief an den jungen Kaiser zu schreiben und ihm die Schwierigkeit seiner Lage darzulegen.
Eine Kopie dieses Schreibens wurde auf Veranlassung des Grafen N. P. Ignatjew aus dem Archiv der ehemaligen III. Abteilung, samt dem oben erwähnten Gedicht den Herausgebern der „Materialien“ mitgeteilt, sowie auch uns das Original auf Veranlassung des Fürsten Obolensky, Gehilfen des Ministers des Innern, durch den gegenwärtigen Chef der ehemaligen III. Abteilung, Herrn von Swaljansky, vorgelegt wurde. Wir entnehmen aus diesem Schreiben die hervorragendsten Stellen.