Nach einigen einleitenden Worten, mit welchen sich Dostojewsky als „ehemaliger Staatsverbrecher“ einführt, erzählt er in Kürze:

„Ich bin als politischer Verbrecher im Jahre 1849 in Petersburg verurteilt, degradiert, aller bürgerlichen Rechte entkleidet und nach Sibirien zu den Zwangsarbeiten zweiten Grades in die Festung auf vier Jahre mit der Bestimmung verschickt worden, nach Ablauf dieser Frist als Gemeiner in die Linientruppe eingereiht zu werden. Im Jahre 1854 trat ich nach meiner Entlassung aus dem Festungs-Gefängnis von Omsk als Gemeiner in das 7. Sibirische Linien-Infanterie-Bataillon; im Jahre 1855 wurde ich zum Unteroffizier befördert und im darauf folgenden Jahre 1856 wurde ich durch die Gnade Eurer Kaiserlichen Majestät beglückt und zum Offizier ernannt. Im Jahre 1858 haben mir Euer Majestät den erblichen Adel zu erstatten geruht. Im selben Jahre habe ich infolge der Epilepsie, welche sich schon im ersten Jahre meiner Zwangsarbeit eingestellt hatte, um meine Entlassung eingereicht und jetzt, nach Erhalt meines Abschiedes, bin ich zum Aufenthalt nach Twer übersiedelt. Meine Krankheit nimmt fortwährend zu. Nach jedem Anfalle verliere ich sichtlich an Gedächtnis, Vorstellungsgabe, seelischen und körperlichen Kräften, der Ausgang dieser Krankheit ist — Lähmung, Tod oder Wahnsinn.

Ich habe eine Gattin und ein Stiefsöhnchen, für das ich zu sorgen habe. Ich habe keinerlei Besitz und erwerbe mir den Lebensunterhalt einzig und allein durch litterarische Thätigkeit, welche bei meinem kränklichen Zustande eine mühevolle und erschöpfende ist. Dabei aber geben mir die Ärzte Hoffnung auf Genesung, die sie auf den Umstand gründen, dass meine Krankheit keine ererbte, sondern eine erworbene ist. Nun aber kann ich ernste und gründliche ärztliche Hilfe nur in St. Petersburg erlangen, wo sich Ärzte befinden, welche sich speziell mit der Erforschung der Nervenkrankeiten beschäftigen. Euer Majestät! In Ihrer Hand liegt mein ganzes Schicksal, meine Gesundheit, mein Leben. Gestatten Sie mir, nach Petersburg zu fahren, um den Rat der Ärzte einzuholen. Erlösen Sie mich und schenken Sie mir die Möglichkeit, mit der Herstellung meiner Gesundheit meiner Familie, vielleicht auch auf irgend eine Weise meinem Vaterlande nützlich zu sein! In Petersburg haben zwei meiner Brüder ihren beständigen Aufenthalt, von denen ich nun über zehn Jahre getrennt bin; ihre brüderlichen Bemühungen um mich könnten dazu beitragen, meine schwere Lage zu erleichtern. Aber, ungeachtet aller meiner Hoffnungen, kann ein schlimmer Ausgang meiner Krankheit und mein Tod meine Gattin und mein Stiefsöhnchen ohne jegliche Hilfe zurücklassen. So lange noch ein Tropfen Gesundheit und Kraft in mir übrig ist, werde ich arbeiten, um sie zu sichern — allein über die Zukunft waltet Gott, und menschliche Hoffnungen sind unzuverlässig.

Allergnädigster Herr! Verzeihen Euere Kaiserliche Majestät mir auch die zweite Bitte und geruhen Sie, mir eine ausserordentliche Gnade zu gewähren, indem Sie anordnen, dass man meinen zwölfjährigen Stiefsohn Paul Issajew auf Staatskosten in ein Petersburger Gymnasium aufnehme. Er ist von erblichem Adel, Sohn des Gubernial-Sekretärs Alexander Issajew, welcher in Sibirien in der Stadt Kuznjezk, Gouvernement Tomsk, im Dienste Ihrer Kaiserlichen Majestät gestorben ist — einzig und allein darum gestorben, weil ärztliche Hilfsmittel in jenem öden Lande unzulänglich sind, wo er gedient und Gattin und Sohn ohne jegliche Mittel zurückgelassen hat. Sollte aber die Aufnahme Paul Issajews in ein Gymnasium unmöglich sein, so geruhen Sie, Herr, anzuordnen, dass er in eines der Petersburger Kadetten-Korps aufgenommen werde. Sie werden seine Mutter beglücken, welche ihren Sohn täglich lehrt, um das Glück Euer Kaiserlichen Majestät und Ihres erhabenen Hauses zu beten. Sie, Herr, sind wie die Sonne, welche über Gerechte und Ungerechte scheint. Sie haben schon Millionen Ihres Volkes beglückt, beglücken Sie auch eine arme Waise, seine Mutter und einen unglücklichen Kranken, von dem der Bann bis heute noch nicht genommen ist, und welcher bereit ist, sofort sein Leben für den Kaiser, den Wohlthäter seines Volkes, hinzugeben.“

Ganz abgesehen von dem Aufschwung, den die Hoffnung aller nach dem Regierungsantritte des Zaren Alexander II. genommen hatte, von der Zuversicht auf die Reformen des jungen Kaisers und der Liebe, die ihm das Land entgegen brachte, ist dieses Schreiben überschwänglicher Unterwürfigkeit, die im Munde eines Europäers nur servil wäre, im Munde eines echten Russen aber etwas von den Naturlauten eines Kindes hat, das vertrauensvoll und ohne Umschweife alle seine Wünsche und Leiden dem „Väterchen“ zu Füssen legt. Der einfach sachliche Ton, der in der Erzählung der Geschichte dieser schweren Jahre liegt, das naive Fordern und Begründen der Forderung eins und zwei lässt diesen Brief als eine intime Mitteilung erscheinen, an die sich die Unterwürfigkeit des Schlusses und mancher Wendung ganz anders anschliesst, als dies etwa in einem europäischen Majestätsgesuch der Fall sein könnte.

Wie kompliziert jedoch die Erledigung dieser Angelegenheit durch des Dichters Ungeduld geworden ist, davon giebt ein Brief, der letzte, den er aus Twer an Wrangel richtet, ein deutliches Bild.

„Sie schreiben,“ — heisst es darin — „warum ich, da ich die Einwilligung Dolgorukows und Timaschews (des General-Adjutanten) zur Niederlassung in Petersburg habe, nicht zu Euch komme? Das ist ja das Elend, lieber Freund, dass es unmöglich ist, denn die Sache steht jetzt beim Kaiser. Ich habe nämlich an Ihn geschrieben und jetzt wird schon Er entscheiden. Ich habe vorgehabt, nur auf einige Zeit hinzufahren, da, wenn Dolgorukow damit einverstanden ist, dass ich endgiltig nach Petersburg übersiedle, er auch nicht ungehalten sein wird, wenn ich in Erwartung der letzten Entscheidung auf einige Tage dahin komme. Ich hatte mich schon fast entschlossen, zu reisen, und sprach davon mit dem Grafen Baranow (dem damaligen Gouverneur). Allein der hat mir davon abgeraten, da er fürchtete, ich könne mir dadurch schaden, dass ich mir eigenmächtig ein Recht herausnehme, um das ich erst vorlängst gebeten, und ohne noch eine Antwort darauf erhalten zu haben. Sie müssen selbst zugeben, lieber Freund, dass ich ja nicht reisen kann, wenn Baranow es nicht gerne sieht. Ohne es ihm mitzuteilen aber konnte ich nicht abreisen. Er hat mein Schreiben an den Kaiser gesandt (durch Adlerberg) und hat dabei gebeten, es in seinem Namen zu übergeben, folglich hat er als Gouverneur für mich Bürgschaft geleistet, darum wäre es meinerseits unzart, in aller Stille fortzufahren. — Und darum habe ich folgendes ausgedacht, wozu auch der Graf mir geraten“ usw.

Es folgt nun eine Reihe von Kombinationen, wie die Sache, ohne hier und dort anzustossen, schnell durchgeführt werden könne.

Die Belege zu den oben erwähnten Stellen, sowie zwei Briefe Dostojewskys an Baranow und Dolgorukow sind uns gleichfalls zur Abschrift übermittelt worden; wir glauben aber, dass es hier nicht darauf ankommt, diese Bitt-Korrespondenz voll wiederzugeben. Wir beschränken uns hier auf eine Aufzählung der Dokumente, welche im Zeitraum jener fünf Jahre 1854-1859 mit den wichtigeren Ereignissen im Leben des Dichters zusammenhängen. Dazu gehören: ein Rapport des Gouverneurs von Tobolsk an den Kaiser (15. April 1853), dass sich Durow und Dostojewsky in der Festung gut gehalten haben, ferner die Bitte, ein patriotisches Gedicht gelegentlich des Orientkrieges in den „Petersburger Nachrichten“ veröffentlichen zu dürfen (26. Januar 1854), die auf die besondere Verwendung des Prinzen Peter von Oldenburg und des General-Adjutanten Graf Totleben erfolgte Beförderung Dostojewskys zum Unteroffizier (28. Februar 1856 Nr. 335), die Verfügung des Kriegsministers (Nr. 2634), dass ihm der Adel wiedergegeben werde (1857), Mitteilung des General-Auditoriats (Suchosanet) des Kriegsministeriums an den Herrn Chef der Gendarmerie Fürst Dolgorukow, dass Th. M. Dostojewsky infolge aufrichtiger Reue und guter Aufführung und auf spontane Verwendung des Grossfürsten Michael Pawlowitsch unter fortlaufender geheimer Überwachung zum Fähnrich befördert wurde (20. Oktober 1856 Nr. 6118).

Die geheime polizeiliche Aufsicht scheint übrigens noch sehr lange über Dostojewsky gewaltet zu haben, da sich seine Witwe erinnert, wie in seinen späten Lebensjahren irgend ein Funktionär sich gelegentlich einer kleinen Ortsveränderung ihres Gatten darüber wunderte, nichts davon gewusst zu haben. Es kann indessen immerhin sein, dass ein dienstbeflissener Unter-Staatsmann, wie es deren in Russland nur allzuviele giebt, diesen geheimen Schutz auf eigene Faust zum Besten Dostojewskys und des gefährdeten Staates unternommen hatte. Der letzte der in der „Niva“ veröffentlichten Briefe schliesst unmittelbar an jene an, welche sein Gesuch um die Erlaubnis zur Heimkehr besprechen. Er ist vom 12. November 1859 datiert und wiederholt die Reihe seiner Bemühungen, die bis dahin ohne Resultat geblieben waren. Bemerkenswert ist in diesem Briefe der praktische Geist, welcher sich darin kundgiebt. Nicht etwa, als wäre Dostojewsky eine bis in das Detail des Lebens praktische Natur gewesen, allein er besass, wie die meisten genialen Menschen, eine Art Praxis in theoretischer Form, einen Zug ins Grosse, der ihm den Gedanken mancher Unternehmung eingab, die er allerdings in der Wirklichkeit nicht festzuhalten und auszuführen vermochte. Darüber spricht sich N. Strachow, der ihn in seiner Geschäftsgebahrung sehr nahe kannte, in seinem Beitrage zu den „Materialien“ eingehend aus. „Ich muss hauptsächlich darum in Petersburg sein, um den Verkauf meiner Werke zu betreiben. Übrigens habe ich einen Plan im Kopfe — nämlich: die Sachen nicht um Geld herzugeben, sondern sie in 2000 Exemplaren, wenn das nötig sein sollte, bei Schtschepkin und Soldatenkow in Moskau zu drucken. Sie geben kein Geld, sondern drucken die Werke und machen sich zuerst beim Verkauf bezahlt, mit Zuschlag vernünftiger Prozente natürlich. Dies scheint mir aus vielen Ursachen günstiger zu sein. (Es wäre zu weitläufig, wollte ich mich jetzt des längeren darüber ausbreiten.) Ich würde es unbedingt so machen, wenn ich sofort nach meiner Ankunft in Petersburg Geld zum Leben hätte (ausser dem, welches ich von Krajewsky bekomme).[13] Du begreifst, dass mich dies alles sehr interessiert. Da ist Leben und Zukunft. Nimm übrigens meine Worte nicht à la lettre und verkaufe die Sachen für Geld, wenn sich nur immer eine Gelegenheit dazu bietet. Diese Gelegenheit aber suche, ohne meine Ankunft in Petersburg zu erwarten. Begreife, dass die Zeit vergeht; es wäre schon Zeit, zu drucken — sie vergeht und dabei gehen auch die Chancen des Gewinns verloren ....