Aber — der Teufel hole das Geld! Dich möcht’ ich umarmen — das ist’s! Könnt’ ich mich nur schon bald neben Euch niederlassen, in Eurem Kreise sein. Es ist mir schwer, hier zu leben. Ich kann nichts anfangen, so sehr bin ich durch vieles innerlich bewegt; die Zeit vergeht ... Du ahnst nicht, Mischa, was das heisst: etwas erwarten! Ein Monat! Ja, wird es nach einem Monat damit aus sein? Vielleicht vergehen auch drei, ja vier Monate. Du schreibst über eine Idee, zu deren Ausführung man für den Anfang 15-20000 Rubel brauchte. Mich regt das alles sehr auf, Bruder. Es ist, als wären gerade wir irgendwie fluchbeladen. Man sieht andre: weder Talent, noch Fähigkeiten — es werden aber Leute aus ihnen, sie hinterlassen ein Kapital. — Wir aber kämpfen, kämpfen, schlagen uns herum .... Ich bin zum Beispiel überzeugt, dass wir beide bedeutend mehr Geschick und Fähigkeiten und Sachkenntnis haben (sic), als .... Das ist ja litterarisches Bauernvolk, dabei aber werden sie reich und wir sitzen auf dem Sande. Du, zum Beispiel, hast Dein Geschäft angefangen. Wie viele Mühe und was für Resultate?[14] Was hast Du verdient? Du musst noch Gott danken, dass Du etwas hattest, wovon Du leben und Deine Kinder erziehen konntest. Dein Geschäft ging bis zu einem gewissen Punkte in die Höhe, dann stockte es. Das ist traurig für einen Menschen von Deinen Fähigkeiten. Nein, Bruder, wir müssen nachdenken und das recht ernstlich. Wir müssen etwas wagen und irgend ein litterarisches Unternehmen ins Werk setzen — eine Zeitschrift zum Beispiel. Übrigens werden wir darüber nachdenken und miteinander darüber reden. — — —

Bei meinem Roman ist thatsächlich wenig herausgekommen: 13-14 Druckbogen ist sehr wenig, und ich erhalte dafür weniger, als ich erwartete. Aber wie brauch’ ich’s! Schicke mir um Gottes Willen ein Separat-Exemplar noch vor dem Erscheinen des Buches; bedenke, wie sehr mich dies alles interessiert. Auf 8¾ Bogen kommen 1050 Rubel, folglich gebühren mir nach Abtragung meiner Schuld an Dich (von 375 Rubel) — 175 Rubel, nicht 125 Rubel. Ich bitte Dich sehr, trachte sie so schnell als möglich zu erhalten und schicke sie mir jedenfalls sofort. Wer weiss, vielleicht entscheidet sich mein Schicksal; dann werde ich Geld brauchen, um von hier fortzukommen. Darum schicke es so schnell als möglich.

Lebe wohl, ich umarme Dich, schreibe was immer und so bald als möglich.

Dein
Dostojewsky.

Wenn der Roman erscheint — teile mir sofort und bis ins Kleinste alles mit, was Du über ihn hören wirst, was für Meinungen geäussert werden, wenn überhaupt Meinungen da sein werden.“

Endlich, am 29. November 1859, wird das Gesuch erledigt. Das Original trägt in der Handschrift des Chefs der Gendarmerie, Fürsten Dolgorukow, den Bescheid:

„Hohenorts ist der Befehl ergangen, dass man betreffs Issajews die nötigen Massregeln nehme. Was Dostojewsky anbelangt, so ist seine Bitte schon nach dem Briefe erledigt worden, den er an mich schrieb.“

V.
Petersburg.

Der Dichter übersiedelt nun nach Petersburg, und hier erleidet die Korrespondenz naturgemäss kürzere und längere Unterbrechungen.

Über den Empfang des Dichters in Petersburg und den Eindruck, den er auf die Freunde hervorgerufen, citiert O. Miller den Bericht A. P. Miljukows, den wir hier nachcitieren. „Einmal“, sagt Miljukow, „kam Michael Michailowitsch früh am Morgen mit der freudigen Botschaft zu mir, dass man entschieden habe, der Bruder dürfe in Petersburg leben, und dass er am nämlichen Tage ankommen werde. Wir eilten auf den Bahnhof der Nikolaewsker Eisenbahn, und dort endlich umarmte ich unseren Verbannten nach einer Trennung von nahezu zehn Jahren. Den Abend brachten wir alle miteinander zu. Theodor Michailowitsch, so schien es mir, war physisch gar nicht verändert; sein Blick war sogar kühner als früher, und sein Gesicht hatte nicht das geringste von seiner gewöhnlichen Energie verloren. Ich erinnere mich nicht daran, wer von den gemeinsamen Bekannten an diesem Abend zugegen gewesen ist, allein es ist mir im Gedächtnis geblieben, dass wir bei diesem ersten Beisammensein nur Neuigkeiten und Eindrücke austauschten und früherer Jahre und alter Freunde gedachten. Nachher sehen wir einander nahezu jede Woche.“