In Bezug darauf, wie sich Theodor Michailowitsch zu den Erlebnissen in Sibirien verhielt, bemerkt Miljukow, dass er „sich niemals über sein eigenes Schicksal beklagte ... freilich“ — sagt er — „auch von anderen zurückgekehrten Petraschewzen habe ich nie Gelegenheit gehabt, heftige Klagen zu hören, allein bei diesen kam das von der, dem Russen angebornen, Eigenschaft, das Böse zu vergessen; bei Dostojewsky jedoch vereinigte sich diese Eigenschaft noch gleichsam mit einem Gefühl von Dankbarkeit gegen das Schicksal, welches ihm die Möglichkeit gegeben hatte, in seiner Strafzeit nicht nur die russischen Menschen, sondern auch zugleich sich selbst besser verstehen zu lernen“.
Nicht ohne Grund hat Theodor Michailowitsch später durch den Mund des „Idioten“, den er mit vielem Eigenen ausgestattet hat, ausgesprochen: „es schien mir, dass man auch im Gefängnis ein ungeheures Leben finden kann“. „Unsere Unterhaltungen im neuen Freundeskreise“ — fährt Miljukow fort — „glichen jenen, die im Durowschen Kreise stattgefunden hatten, in vielem nicht mehr. Und konnte das anders sein? Es war, als hätten das westliche Europa und Russland in diesen letzten zehn Jahren geradezu die Rollen vertauscht: dort waren die uns ehemals mit sich fortreissenden humanitären Utopien in Rauch aufgegangen, und die Reaktion hatte überall den Sieg errungen; hier aber begann vieles zur Thatsache zu werden, wovon wir geträumt hatten, und es bereiteten oder vollzogen sich Reformen, welche das russische Leben erneuerten und neue Hoffnungen keimen machten. Es ist natürlich, dass der ehemalige Pessimismus in unseren Unterhaltungen keinen Raum mehr fand.“
Diese Äusserungen, so wertvoll sie uns für das Zeitbild der jungen, auf Alexander und seine Reformen gesetzten Hoffnungen sein mögen, scheinen als eine Reminiscenz an Dostojewsky in seinem Sterbejahr 1881 in der „Russkaja Starina“ (Maiheft p. 35-36-40) publiziert worden zu sein und werden wohl von uns Westeuropäern trotz allen Beklagens der bei uns in Rauch aufgegangenen Utopien doch mit einem gewissen Lächeln der Rührung über die russische Genügsamkeit aufgenommen werden, die in irgend einer Epoche der russischen Zeitgeschichte für den „Pessimismus keinen Raum mehr fand.“
Nach diesen freudigen Anläufen finden wir den Dichter bald genug von den Beschwerden des Petersburger Lebens angewidert und schon anfangs 1860 ersehen wir aus kleinen Mitteilungen an Freunde und Bekannte, dass Petersburg im Dichter nach so langer Abwesenheit keine glückliche Stimmung hervorzurufen vermag. So heisst es in dem Fragment eines Briefes vom 14. März 1860 an eine Frau Sch., das nach des Dichters Tode ebenfalls in der „Russkaja Starina“ (wohl auch durch Miljukow) mitgeteilt wurde: „Wenn man nur auf acht Tage dieses hässliche Petersburg hinter sich lassen könnte! ... vielleicht kommt unser Ausflug nach Moskau doch zustande.“ Nach seiner Rückkunft aus Moskau schreibt er: „Da bin ich nun wieder ins feuchte, ins Patschwetter, ins Ladoga-Eis, in die Langweile zurückgekommen.“ .... Weiter heisst es: „Ich bin zurückgekehrt und befinde mich in einem förmlichen Fieberzustand. An alledem ist mein Roman schuld. Ich will was gutes schreiben, ich fühle, dass Poesie darin ist, ich weiss, dass von seinem Gelingen meine ganze schriftstellerische Karriere abhängt ... Drei Monate lang wird es nun heissen Tag und Nacht dabei sitzen — (es handelt sich aller Wahrscheinlichkeit nach, sagt O. Miller, um den grossen, noch in Sibirien ersonnenen Roman). Im selben Briefe treten die warmen Beziehungen zu Tage, welche Dostojewsky zu den litterarischen Versuchen der jungen Generation unterhält. „Ich habe Krestowsky gesehen,“ schreibt er einmal, „ich habe ihn sehr lieb. Er hat ein Gedicht geschrieben und es uns mit Stolz vorgelesen. Wir haben ihm alle gesagt, dass dieses Gedicht etwas entsetzlich Abscheuliches ist (da wir unter uns übereingekommen sind, die Wahrheit zu reden). Und nun? nicht im geringsten war er beleidigt! ein lieber, edler Junge. Er gefällt mir so sehr (immer mehr und mehr), dass ich ihm nächstens einmal beim Trinken das Du anbieten werde.“ — —
Wir gelangen nun zu jenem Abschnitt im Leben und Wirken Dostojewskys, welcher mit der wichtigsten Wandlung in der Geschichte Russlands zusammenfällt, nämlich zum Heraustreten des Dichters in die Arena des politischen Lebens, an welchem als Publizist teilzunehmen er sich seiner Mission nach gedrungen fühlt. Es ist dies gegen Ende des Jahres 1861, da er die Monatsschrift „Wremja“ gründet, um darin seine Gedanken über die grosse Umwälzung auszusprechen, welche die am 19. Februar erfolgte Aufhebung der Leibeigenschaft einleitete. Diese Epoche ist uns Westländern nicht genug bekannt, um uns einen klaren Überblick der damaligen politisch-litterarischen Situation des Landes zu gewähren, ist aber so interessant, was die Stellung der Parteien, den Anteil der Jugend daran, die Folgen derselben betrifft, dass wir hier weiter ausholen müssen, indem wir den beiden Herausgebern der „Materialien“ das Wort lassen.
N. Strachow, Dostojewskys Mitarbeiter, beginnt die Besprechung der damaligen politischen Lage mit einer Präzisierung des Wortes „Liberalismus“, „des russischen Liberalismus“, der von den Westländern nicht richtig verstanden werde. Am Schlusse dieser Erörterung heisst es: „Leider besteht bei uns, ungeachtet aller historischen Erfahrungen, ungeachtet aller gedruckten und gesprochenen Erläuterungen ein sehr grosser Wirrwarr in den Begriffen, welcher natürlich durch unsere Lehrmeisterin Europa unterhalten wird, und der wahre Sinn des Liberalismus ist fast gänzlich darüber verloren gegangen. Dass der Liberale im wesentlichen in den meisten Fälle konservativ sein muss, aber nicht Progressist und in keinem Falle revolutionär, das wissen und begreifen wohl sehr wenige.“ — „Einen solchen wirklichen Liberalismus,“ fährt Strachow fort „bewahrte Theodor Michailowitsch bis an sein Lebensende, sowie ihn jeder aufgeklärte und nicht verblendete Mensch bewahren soll.“
Dieser Satz bedarf ebenso sehr der Erläuterung, als nach Strachows Meinung der russische Liberalismus. Strachow versteht unter „Progressist“ nicht einen für den Fortschritt im allgemeinen Eintretenden, sondern vielmehr jene Gattung von Politikern, welche den Fortschritt der russischen Kultur nicht sowohl in einer organischen Fortentwickelung auf nationaler Grundlage, als in einer beschleunigten Anwendung der Lehren des Westens sahen und anstrebten. Auch Dostojewsky hat sich, ohne ein „Progressist“ zu sein, immer und überall für den Fortschritt eingesetzt und meint es sehr ernst damit, wenn er den müssigen Byrons der jungen Generation zuruft: „Ich wüsste wohl eine Arbeit für Euch, aber Ihr werdet sie nicht leisten wollen, sie zu gering achten, ob sie auch die einzige ist, die uns jetzt zukommt: Lehrt auch nur einen kleinen Bauernjungen lesen.“ „Ich will hier“ — setzt der Berichterstatter fort — „eines der wichtigsten Vorkommnisse jener Zeit erzählen, die sogenannte Studentengeschichte, welche sich zu Ende des Jahres 1861 abspielte und den damaligen Zustand der Gesellschaft am vortrefflichsten beleuchtet. In dieser Geschichte wirkten sicherlich verschiedene innere Triebfedern mit; allein ich werde sie nicht berühren, sondern ihre äussere öffentliche Erscheinung schildern, welche sowohl für die Mehrzahl der Agierenden als auch der Zusehenden von der grössten Bedeutung war.
Infolge des Zuströmens des Liberalismus schäumte die Universität immer mehr und mehr von Leben und von Bewegung über, leider aber von einem solchen Leben, das die Beschäftigung mit der Wissenschaft erstickte. Die Studenten hielten häufige Zusammenkünfte, gründeten eine Kasse, eine Bibliothek, gaben ein Sammelwerk heraus, übten ein Richteramt über ihre Kameraden aus usw., aber alles dieses zerstreute sie und regte sie so sehr auf, dass die Mehrheit, ja sogar viele der Begabtesten und Gescheitesten unter ihnen aufhörten zu studieren. Es gab auch nicht wenige Unzulässigkeiten, d. h. Überschreitung der Grenzen aller möglichen Dispense, und so entschloss sich die Studien-Obrigkeit endlich Massregeln zu ergreifen, um diesem Lauf der Dinge ein Ende zu machen. Um sich eine widerspruchslose Autorität zu sichern, verschaffte sie sich einen Allerhöchsten Befehl, vermittelst dessen Zusammenkünfte, Kassen, Deputationen und Ähnliches verboten wurde. Der Befehl wurde im Sommer ausgegeben, und als im Herbste die Studenten sich auf der Universität zeigten, musste er in Anwendung gebracht werden. Die Studenten dachten, sich zu widersetzen, beschlossen jedoch, es einzig und allein durch einen Widerstand zu thun, welchen die liberalen Grundsätze sanktionieren, d. h. durch passiven Widerstand. So geschah es auch. Sie hingen sich an jeden Vorwand, welcher geeignet war, den Behörden soviel Arbeit und der Sache soviel Publicität als möglich zu schaffen. Sie brachten höchst künstlich den ausgiebigsten Skandal zustande, den man nur in Scene setzen kann.
Die Behörden waren so gezwungen, sie zwei- oder dreimal bei Tage, auf offener Strasse in grossen Haufen fortzuführen. Zur grösseren Freude der Studenten setzte man sie sogar in die Peter Pauls-Festung. Sie unterwarfen sich ohne Widerrede diesem Arrest, später dem Urteilsspruch der Verschickung, welche für viele eine sehr schwere und langwährende wurde. Nachdem sie das gethan hatten, dachten sie, alles gethan zu haben, was nötig war, nämlich: sie hatten laut über die Verletzung ihrer Rechte gesprochen, waren selbst nicht über die Grenzen der Gesetzlichkeit geschritten und hatten eine schwere Strafe über sich ergehen lassen, gleichsam rein nur darum, weil sie von ihren Forderungen nicht abgewichen waren. Obwohl nun diese juridischen Begriffe in Wirklichkeit nicht auf Studierende anwendbar sind, so führten die Studenten dieses liberal-juridische Drama zum Nutz und Frommen der übrigen Staatsbürger tadellos und mit wahrer Begeisterung durch. Es war durchaus kein Aufruhr, auch nicht im allerkleinsten Ausmasse.
Das Interessanteste und Charakteristischste dabei ist, dass sich damals Leute fanden, welche sehr wünschten, diese Geschichte in einen Aufruhr umzuwandeln, dass man Beratungen darüber abhielt, ihnen z. B. vorschlug, irgend eine Unthat zu begehen, welche die Behörden in eine fatale Lage brächte usw. Revolutionäre Elemente waren in der Gesellschaft herangereift, allein diesmal bewahrte der Liberalismus seine Reinheit, und es war nur eine grosse Demonstration vollbracht worden, gleichsam eine Anklage vor dem Forum der öffentlichen Meinung.