Natürlich sprach die ganze Stadt nur von den Studenten. Man hatte gestattet, dass die Eingeschlossenen besucht würden, und so kamen täglich sehr viele Besucher in die Festung. Auch von der Redaktion der „Wremja“ ward ihnen ein Gastgeschenk gesendet. Bei Michael Michailowitsch wurde ein ungeheures Roastbeef gebraten und mit Hinzufügung einer Flasche Cognac und einer Flasche roten Weines in die Festung gesandt. Als man endlich begann, jene Studenten, welche man als die Schuldigsten befunden hatte, fortzuführen, begleiteten Freunde und Bekannte sie weit über das Weichbild der Stadt hinaus. Die Abschiedsgrüsse waren vielseitig und laut und die Verschickten schauten zum grossen Teil wie Helden drein.“
Hier wird der Westeuropäer unwillkürlich im Lesen innehalten und über die Selbstverständlichkeit und Einfachheit staunen, mit welcher ein „russischer Liberaler“ von Festungsstrafen und Verschickung junger Schwärmer spricht. Es tritt uns da förmlich eine „erbliche Belastung“ mit dem Verschickungs-Begriffe entgegen, von dem auch der liberalste Russe heute nicht frei sein kann.
„Diese Geschichte“ — fährt Strachow fort — „wickelte sich im selben Geiste weiter ab. Man schloss die Universität, um sie einer vollständigen Umgestaltung zu unterwerfen. Da baten die Professoren um die Erlaubnis, öffentliche Vorlesungen zu halten, und erhielten diese Erlaubnis ohne Mühe. Die Duma (der Stadtrat) überliess ihnen ihre Säle zu diesem Zwecke, und so wurden die Universitätskurse eröffnet. Alle Schritte für das Arrangement der Vorlesungen sowie die Sorge für die Aufrechthaltung der Ordnung nahmen die Studenten auf sich und waren mit dieser neuen, freien Universität sehr zufrieden und sehr stolz darauf. Allein ihre Gedanken waren nicht mit der Wissenschaft beschäftigt, um welche sie sich augenscheinlich so bemüht hatten, sondern mit etwas anderem, und das verdarb zuletzt alles. Die Ursache der Aufhebung dieser Rathaus-Universität war der bekannte „litterarisch-musikalische“ Abend des 2. März 1862. Dieser Abend war mit der Absicht veranstaltet worden, gleichsam eine Auslese aller vorgeschrittensten, progressivistischen Kräfte vorzuführen. Die Wahl der Schriftsteller in diesem Sinne war auf das Sorgfältigste vorgenommen worden, und das Publikum war im selben Sinne ebenfalls das sorgsam ausgewählteste. Sogar die Musikstücke, mit welchen die litterarischen Produktionen abwechselten, wurden von den Frauen und Töchtern von Schriftstellern „der guten Richtung“ ausgeführt. Theodor Michailowitsch war in der Zahl der Lesenden und seine Nichte in jener der Mitwirkenden.
Es handelte sich nicht um das, was gelesen und vorgestellt wurde, sondern um die Ovationen, welche man den Vertretern fortschrittlicher Ideen brachte. Der Lärm und Enthusiasmus war ein ungeheurer, und es hat mir später immer geschienen, dass dieser Abend der höchste Punkt war, den die liberale Bewegung unserer Gesellschaft erreicht hatte, und zugleich der Kulminationspunkt unserer Seifenblasen-Revolution. Eine Episode dieses Abends bildete den Beginn des Verfalls und der Entzauberung unserer damaligen Fortschritts-Bewegung. Professor P.... las an jenem Abend seinen Artikel, welcher, wie alles andere das vorgetragen wurde, vorher der Zensur unterbreitet worden war. Er las ihn ohne jede Abänderung, aber mit so ausdrucksvollen Intonationen und Gesten, dass ein durchaus zensurwidriger Sinn dabei herauskam. Es entstand ein Freudengeschrei, ein unbeschreiblicher Jubel. —
Und nun: am nächsten Tage verbreitet sich plötzlich die Nachricht, dass der Professor arretiert und aus Petersburg fortgeschickt worden sei. Was war nun zu thun? In welcher Weise sollte man gegen eine solche Massregel protestieren? Die Studenten folgerten, ganz logisch, dass die Entfernung eines Professors eine Bedrohung der übrigen Professoren in sich schliesse, dass diese deshalb ihre Vorlesungen nicht fortsetzen könnten, wenn sie nicht dadurch zu zeigen wünschten, dass sie ihren Kollegen für schuldig erachten und vor der Behörde selbst als Unschuldige dastehen wollten. Es wurde beschlossen die Rathaus-Universität zu schliessen und dadurch gegen jeglichen Zwang zu protestieren — ein bekanntlich sich fortwährend wiederholender Vorgang an den russischen Universitäten, etwas das Ähnlichkeit hat mit dem japanischen Selbstmord. Die Studenten setzten voraus, dass die ganze Gesellschaft von Betrübnis und Zorn erfüllt sein werde, wenn so plötzlich die Hauptquelle ihrer Aufklärung verstopft würde. Die Professoren willfahrten dem Wunsche der Studenten und sagten ihre Vorlesungen ab, mit Ausnahme eines oder zweier von ihnen, welchen dafür die Hörer Skandale machten. Endlich mischte sich die Obrigkeit hinein und machte der ganzen Sache ein Ende, indem sie den Professoren überhaupt verbot, öffentliche Vorlesungen zu halten.“
„Was war nun das Resultat der ganzen Affaire? Es zeigte sich gleich, dass der schlimme Plan die Gesellschaft aufzuregen und sie gegen die Obrigkeit aufzureizen vollkommen misslang. Die Gesellschaft rührte sich nicht, und anstatt zu wachsen, erlosch die Bewegung vollständig. Die Führer in dieser Sache hatten die allzu naive Vorstellung, dass der Lärm, welcher in ihren Zirkeln geschlagen wurde, der Ausdruck der allgemeinen Stimmung sei und dass es so leicht sein werde, das Publikum zu täuschen. In Wirklichkeit vermochte niemand ernstlich zu glauben, dass die Obrigkeit der Feind und Bedrücker der Aufklärung sei. Die Unterlage der Sache war allen gar zu durchsichtig, namentlich als zu gleicher Zeit eine Proklamation nach der andern auftauchte, deren erste hunderttausend Menschen in Russland als der öffentlichen Wohlfahrt hinderlich erklärte, deren letzte schon direkt drohte, „die Strassen mit Blutströmen zu begiessen und keinen Stein auf dem andern stehen zu lassen.“
„Wie immer das nun gewesen sein möge, war die Obrigkeit, welche beständig bemüht gewesen war, den liberalen Charakter der Ereignisse zu wahren, in eine sehr schwierige Lage versetzt; es zeigte sich, dass jede liberale Massregel innerhalb der Gesellschaft eine Bewegung hervorruft, welche sich dieser Massregel zu ihren eigenen Zwecken bedient, welche durchaus nicht liberal, sondern ganz radikal sind. Diese Schwierigkeiten fanden nun ihr Ende durch die Petersburger Brände und den polnischen Aufstand, als es endlich klar wurde, dass man das Böse nicht dulden und seinem natürlichen Lauf nicht überlassen darf, wenn es so erschreckende Dimensionen angenommen hat.“
Wir sehen in diesen Worten den kennzeichnenden Ausdruck des russischen ehrlichen Liberalkonservativen reinsten Wassers, nämlich jener Richtung des Liberalismus, der nie und nirgend durch Zwang wirken will, sondern die Förderung fortschrittlicher Ideen nur mit solchen Mitteln für gerechtfertigt erachtet, welche keine anderen Freiheiten einschränkt — eine Anschauung, über die sich streiten lässt, die aber gerade in den Konstellationen der russischen Parteistandpunkte besondere Beachtung verdient. Dass diese Anschauung in Dostojewsky ihren genialsten und berechtigsten Vertreter gehabt hat, ist uns bereits aus seinem ganzen Leben und Wirken klar geworden. Wie er sich speziell zur Studenten-Affaire verhalten hat, das erfahren wir aus den Mitteilungen O. Millers, welcher uns jene Vorgänge in einer lebendigeren, intimeren und weniger doktrinären Form erzählt und speziell diese Sache anders beleuchtet, als Strachow. Wir werden durch diese zwei Berichte so recht in die Stimmung und das Milieu der grossen Befreiungsepoche hineinversetzt. Natürlich haben wir es auch hier mit einem Vertreter der konservativ-liberalen Richtung zu thun.
Nachdem Miller die Verteilung und Verschiebung der Parteien besprochen, welche aus sehr verschiedenen Gründen gegenüber der Aufhebung der Leibeigenschaft und ihren Folgen Stellung nahmen, und meint: „man begann uns eindringlich das ‚Sterben‘ zu lehren — gerade dann, als man uns hätte lehren sollen zu leben, ehrenhaft, aufopfernd, fest zu leben,“ — fährt er fort: „das ist’s, was ein Mensch bei uns antreffen musste, der aus Sibirien geschrieben hatte: „Mehr Glauben, mehr Einheit, und wenn noch Liebe dazu kommt, so ist alles gethan.“ „Das alles war den Unzufriedenen der Herrenpartei sehr zur Hand. Mit dem revolutionären Radikalismus — sei es auch vom entgegengesetzten Ende — ging der Konservatismus sehr wohl zusammen, der — ganz ebenso revolutionär war, wie ihn J. Th. Samarin treffend benannt hat. Es ist auch bekannt, dass jenem ‚Nihilismus‘, dessen erste Formation sozusagen Turgenjew in der Person des Studenten mit burschikosem Unterfutter Bazarow aufgestellt hatte, derselbe Samarin ebenso treffend den Generals-Nihilismus entgegen gestellt hatte. Das französische Sprichwort „les extrêmes se touchent“ ist bei uns auf die glänzendste Weise zur Wahrheit geworden.
Dies konnte ein jeder wahrnehmen, der zufällig an jenem denkwürdigen litterarischen Lese-Abend gegenwärtig war, da der zur 1862 stattfindenden Feier des tausendjährigen Bestandes Russlands verfasste Artikel vorgelesen wurde. Die grosse Reform (Aufhebung der Leibeigenschaft) hatte sich gerade am Vorabende des Millenniums vollzogen und man hätte nun dieses, sollte man meinen, mit beruhigtem Gewissen und einem furchtlosen Blick in die Zukunft feiern können. Als der Lesende zum „Wermutsbecher“ gekommen war, „den das russische Volk im Laufe seines tausendjährigen Lebens hatte leeren müssen,“ sagte er: „Zur Zeit der Thronbesteigung des heute glücklich regierenden Kaisers und Imperators lief der Becher über ...“ Man liess ihn nicht vollenden: „dass der Zar jenen Überschuss von Bitternis daraus weggegossen, welcher sich durch die Leibeigenschaft darin angehäuft hatten — man fasste seine Worte in einem durchaus anderen Sinne auf, als in welchem sie gesagt worden waren, und es brach ein frenetischer Sturm von Applaus und Bravorufen aus. Ich erinnere mich daran, als wäre es heute, mit welchem wollüstigen Entzücken damals gerade die Repräsentanten des nicht verpönten Nihilismus applaudierten — dies war an den Dekorationen ersichtlich, welche sie ungeachtet dessen trugen, dass sie sich in ihren „heiligsten Gefühlen“ verletzt fühlten. Als nun der Vortragende zum Satze kam: „Unsere Administratoren stehen am Rande eines Abgrundes,“ da floss der Enthusiasmus dieser Nihilisten thatsächlich mit dem Enthusiasmus jener Nihilisten zusammen — obwohl, natürlich, jede der extremen Richtungen das Wort ‚Administratoren‘ in ihrer Weise verstand.“