O. Miller erinnert sich nicht, ob Dostojewsky an jenem Abende teilgenommen habe, findet aber den zehn Jahre später im Roman „Die Besessenen“ beschriebenen Leseabend den getreuen Spiegel der hier vorgefallenen Affäre und fügt hinzu, Dostojewsky habe an irgend einem anderen Leseabend Teile aus den „Memoiren aus einem Totenhause“ vorgelesen und das mit Absicht in einem Sinne und Geiste, welcher jenem der Einberufer entgegengesetzt war. Es scheint hier ein Gedächtnisfehler obzuwalten, der indes nichts zu sagen hat, da ja in keinem Berichte dieser beiden Freunde des Dichters je ein Irrtum betreffs der Grundtendenz Dostojewskys vorkommen könnte. Die Erzählungen jener lärmenden Begebenheit selbst jedoch weichen, wie wir sehen, ziemlich von einander ab, und was wir Westländer daraus gewinnen können, ist vornehmlich der Einblick in die Verschiebungen der Standpunkte, wie sie in dem von politisch-litterarischem Leben so heftig pulsierenden Russland sogar innerhalb einer und derselben Partei möglich sind. Die Herausgeber der Materialien gehören beide der konservativ-liberalen Richtung an, dennoch sehen wir in Strachow die Thatsachen bei aller Objektivität der Erzählung gleichsam nach der streng-konservativen, fast möchte man sagen offiziellen Seite umgebogen, während O. Miller mit der feinen Anführung des „Generals-Nihilismus“ dem eigenen Konservatismus gleichsam die Spitze abbricht.
Dieselbe Studenten-Affäre, welche offenbar eine sehr grosse Rolle in der Geschichte der russischen Reformjahre spielt, ist wohl oft genug auch von der gegnerischen Seite aus besprochen worden. Einen längeren Artikel widmet ihr auch der Ukrainophile Dragomanow in dem vor einigen Jahren von ihm in Genf herausgegebenen Briefwechsel zwischen Turgenjew, Kavelin und Herzen. Wir haben es aber hier hauptsächlich mit Dostojewsky und seinem Standpunkt zu thun und fahren in der interessanten Wiedergabe seiner Ansichten durch O. Miller fort. Nach der, durch die uns bekannten Ereignisse erfolgten, Enthebung des Professors von seinem Lehramte und der vorhergegangenen Einschliessung der Studenten waren im Publikum und namentlich im Volke allerlei missverständliche Meinungen darüber entstanden; „die Gefängnishaft“ — fährt Miller fort — „hatte bekanntlich das Selbstgefühl der Jugend nur erhöht, das sie antrieb, neue Vorschriften abzulehnen, indem sie sich von einem übrigens durchaus ernsten und edlen Gefühle leiten liess, das ihnen verbot, mit jener Vorschrift einverstanden zu sein, wonach Alle verpflichtet waren, ein Kollegiengeld zu entrichten, wodurch alle jene jungen Leute des Zutritts zu höherer Bildung verlustig wurden, welchen die Mittel fehlten, diese Forderung zu erfüllen.“ Wer das nicht wusste, dem musste diese Auflehnung „um irgend welcher Matrikel willen“ in der grossen Stunde der Bauernbefreiung tragikomisch erscheinen. — Das Volk wusste natürlich nicht, um was es sich handle — und urteilte: „Die jungen Herrlein rebellieren, weil man uns die Freiheit gegeben hat.“ Zu Dostojewsky und seinen Ansichten über jene durcheinander gewirrten Verhältnisse übergehend, führt Miller jene Stelle aus dem „Tagebuch eines Schriftstellers“ aus dem Jahre 1873 an, welche sich darauf bezieht und eine Antwort auf die Zumutung ist, als sei Dostojewskys phantastische Satire „das Krokodil“[15] ein Ausfall auf Tschernyschewsky, den Autor des Romans „Was thun?“
„Mit Nikolaus Gawrilowitsch Tschernyschewsky“ — sagt Dostojewsky — „bin ich im Jahre 1859, im ersten Jahre nach meiner Rückkunft aus Sibirien, zusammengetroffen; ich weiss nicht mehr, wo und wieso es geschah.
Später begegneten wir einander manchmal, aber sehr selten, sprachen miteinander, aber sehr wenig. Übrigens reichten wir einander jedesmal die Hand. Herzen hat mir gesagt, Tschernyschewsky habe ihm einen unangenehmen Eindruck gemacht, d. h. durch sein Äusseres, seine Manieren. Mir gefielen das Äussere Tschernyschewskys und seine Manier ganz wohl.
Einmal, am Morgen, fand ich an meiner Wohnungsthüre, auf der Klinke des Schlosses, eine der bemerkenswertesten Proklamationen, welche damals auftauchten; und es tauchten damals nicht wenige auf. Diese hatte die Aufschrift: „An die junge Generation.“ Man kann sich nichts Abgeschmackteres und Dummeres vorstellen. Der Inhalt aufreizend in der lächerlichsten Form, welche nur ein Feind für diese Leute hätte ersinnen können, um sie selbst zu vernichten. Es wurde mir schrecklich zu Mute und ich war den ganzen Tag verdriesslich und verstimmt. Das war damals alles noch so neu und so nahe, dass es sogar noch schwer war, sich diese Leute gründlich anzuschauen. Schwer namentlich, weil es einem nicht recht glaubhaft erschien, dass sich unter all diesem Wirrwarr ein so leerer Unsinn verberge. Ich spreche nicht von der damaligen Bewegung als einem Ganzen, sondern bloss von den Menschen. Was die Bewegung anbelangt, so war sie eine dunkle, krankhafte, aber durch ihre historischen Konsequenzen verhängnisvolle Erscheinung, welche ein ernstes Blatt in der Petersburger Periode unsrer Geschichte ausfüllen wird. Ja, und dieses Blatt ist, scheint es, noch lange nicht zu Ende geschrieben.
Und nun wurde mir, der ich schon lange aus meiner Seele und meinem Herzen heraus weder mit diesen Leuten, noch mit dem Sinne ihrer Bewegung einverstanden war, — mir wurde verdriesslich zu Mute, mir war, als schämte ich mich gleichsam ihres Unverstandes ... Obwohl ich schon drei Jahre in Petersburg gelebt und schon manchen Erscheinungen zugesehen hatte — verblüffte mich doch diese Proklamation geradezu, erschien sie mir wie eine neue, unerwartete Entdeckung: niemals bis zu diesem Tage hatte ich eine solche Nichtigkeit vorausgesetzt. Plötzlich, noch ehe es Abend wurde, fiel es mir ein, Tschernyschewsky aufzusuchen. Noch niemals bis auf diesen Augenblick war es mir in den Sinn gekommen, zu ihm zu gehen, ebenso wenig als dies bei ihm der Fall gewesen“ ....
„Nikolai Gawrilowitsch, was ist das?“ und ich zog die Proklamation aus der Tasche.
Er nahm sie in die Hand, wie eine ihm völlig unbekannte Sache, und las sie durch. Es waren im Ganzen zehn Zeilen.
— „Nun, was denn?“ fragte er mit einem leichten Lächeln.
— „Sollten sie denn so dumm und lächerlich sein? Sollte es denn nicht möglich sein, ihnen Einhalt zu thun und dieser Abscheulichkeit ein Ende zu machen?“