Er antwortete ausserordentlich gewichtig und eindringlich: — „Glauben Sie denn, dass ich mit ihnen solidarisch bin, und meinen Sie, dass ich imstande gewesen wäre, an der Abfassung dieses Zettels teilzunehmen?“
— „Das ist’s eben, dass ich das nicht voraussetzte,“ — antwortete ich — „und ich finde es sogar überflüssig, Ihnen das zu versichern. Allein auf jeden Fall ist es nötig, sie aufzuhalten, koste es was es wolle. Ihr Wort ist bei ihnen von Gewicht, und das ist einmal sicher, dass sie Ihre Meinung fürchten.“
— „Ich kenne keinen von ihnen.“
— „Ich bin auch davon überzeugt. Allein es ist durchaus nicht nötig, sie zu kennen und persönlich mit ihnen zu sprechen. Sie brauchen nur laut, wo immer, Ihren Tadel auszusprechen, und es wird zu ihnen gelangen.“
— „Vielleicht wird das auch keine Wirkung haben. Ja, und diese Erscheinungen sind als Nebenfakten unvermeidlich.“
— „Dennoch aber schaden sie allen und allem“ ....
.... „Ich erachte es als meine Pflicht, hier zu bemerken, dass ich vollkommen aufrichtig mit Tschernyschewsky sprach und durchaus daran glaubte, wie ich auch jetzt noch glaube, dass er mit diesen Zerstörern nicht ‚solidarisch‘ gewesen ist.“
Der Schluss von Millers Betrachtungen und die darin enthaltene treffende Beurteilung der Kluft zwischen den russischen und polnischen Anschauungen, welche an die Vorgänge von 1863 anknüpft, ist zu bedeutungsvoll für die Beleuchtung der damaligen Situation und mit einigen Modifikationen auch der heutigen, als dass wir es uns versagen dürften, dieses Resumé vollinhaltlich hierher zu setzen.
„Wenn aber nun eine solche Erscheinung“ — fährt Miller fort — „zur Zeit der Bauern-Befreiung durch ihre „Nichtigkeit“ in ihrer Art komisch war, so kann man das natürlich nicht mehr vom polnischen Aufstande von 1863 sagen. Ich erinnere mich mit Schamgefühl daran, dass ich, als ich damals im Auslande lebte, anfangs den deutschen Zeitungen Glauben schenkte, in dem, was sie über die Grausamkeit unserer Soldaten in Polen verbreiteten. Inzwischen erhob sich ebenfalls dort in Deutschland eine vorurteilslose, — mehr als das, eine feierliche Stimme, wie man thatsächlich keine bei uns daheim gehört hatte, über unsere Bauern-Reform. Es war die Stimme eines Greises mit junger Seele — Jacob Grimms. Er erkannte vollkommen und begrüsste freudig mit seinem allumfassenden, menschlichen Herzen unsere, wie er sich ausdrückte, „riesenhafte Bewegung nach vorwärts“. Und da musste diese Bewegung aufgehalten werden! — Und zur Befriedigung jener europäischen Majorität, welche nicht über den edlen Geist eines Grimm verfügte, entspann sich gerade jetzt der polnische Aufstand mit seinem so blutigen Terrorismus.
Hier konnte sich Dostojewsky keineswegs mehr geringschätzig über die „Nichtigkeit“ der Erscheinung aussprechen, hier konnte er nicht anders, als von einem entrüsteten Entsetzen erfüllt werden. Viele halten Dostojewsky bekanntlich für einen offenen Feind Polens, und die Edelsten unter den Polen können ihm diesen Ausfall nicht verzeihen. Wenn wir indes uns jenes Kapitels aus den „Memoiren aus einem Totenhause“ erinnern, wo von den politisch Verschickten die Rede ist, so finden wir, dass der Polen nicht nur ohne feindseliges Vorurteil, sondern mit voller Wertschätzung darin gedacht wird. Theodor Michailowitsch verletzte nur ihr hochmütiges „je hais ces brigands“ im Verkehr mit den Sträflingen, in denen er selbst immer wieder das gleiche russische Volk erblickte. — Geradezu als ein Hohn musste diese Erhebung Dostojewsky erscheinen, ein Hohn auf die ganze russische Nation, die eben endlich ihren Zar-Befreier erharrt hatte, die polnische Rebellion, und das gerade in diesem gesegneten Augenblick, — eine Rebellion, der als armseliges, aber doch immer trauriges Präludium die Studenten-Unruhen mit den darauffolgenden „dummen“, aber immerhin „unheilverkündenden“ Proklamationen dienten. Während unsre „Herrlein“ gleichsam nur zufällig in den Augen des Volkes zu einer ihm so widrigen Rolle kamen, konnte man im polnischen Aufstand schon ganz ernsthaft den alten, hochedelgeborenen Geist vernehmen, der von Verachtung gegen das Bauernvolk erfüllt ist. Nicht Polen war es, und nicht das polnische Volk, das endlich vom selben russischen Kaiser mit Grund und Boden beteilt worden war, was Dostojewsky nicht liebte; er hasste jenen traditionellen Geist Polens, durch welchen sein eigenes Volk bedrückt worden war und welcher Polen verloren hatte. Diesen alten Geist Polens musste er hassen, wie ihn Proud’hon hasste und viele von den Polen selbst hassten, viele der echten, uneigennützig-ehrenhaften polnischen Patrioten. Dieser alte Geist Polens war Dostojewsky verhasst als einem Socialisten — und ein Socialist im weiten, menschlichen Sinne dieses Wortes zu sein hat er niemals aufgehört.