Aber die Sache steht so, dass unsre — nicht nur „Liberalen“, sondern auch „Socialisten“ bereit gewesen wären, den polnischen „Pany“ die brüderliche Hand zu reichen — weil sie bei ihnen einen reichlichen Vorrat von Unzufriedenheit wahrnahmen —, und bei uns hatte sich damals schon jener Opportunismus entwickelt, welcher keinerlei unzufriedene Elemente verschmäht, worauf die Briefe Samarins an Herzen so deutlich hinweisen.

Dostojewsky war niemals ein „getreuer Unterthan“ der Revolution (wie sich Samarin in diesen Briefen an Herzen ausdrückt), darum aber war er auch niemals „Opportunist“.

Von Sibirien mit einem überreichen Schatz von Glauben und Liebe zurückgekehrt, sowie mit dem heissen Verlangen nach Einigkeit bei der schöpferischen Thätigkeit zum Nutzen des Vaterlandes, musste er mit wachsender Entrüstung rund um sich die immer mehr und mehr hervortretenden Anzeichen einer negativen Thätigkeit im Dienste der Zerstörung wahrnehmen. Es ist begreiflich, dass er sich bei seiner Geradheit mehr und mehr Feinde machte. — In dieser Situation und unter diesen Umständen war es, dass Dostojewskys litterarische Thätigkeit wieder neu auflebte. Im selben Jahre, als die Leibeigenschaft aufgehoben wurde, begann er gemeinsam mit dem Bruder Michael Michailowitsch die Herausgabe der Zeitschrift ‚Wremja‘.“

VI.
Publizistik.

Mit der Gründung der Zeitschrift „Wremja“ wird Dostojewskys tiefster Herzenswunsch erfüllt. Ihm, dem das Verkünden des „wahren Christus“ vor allem andern als Lebensaufgabe galt, die er bisher nur indirekt auf dem Umwege der Kunst (was für einer Kunst allerdings!) hatte erfüllen können, ihm musste es wie eine Erlösung erscheinen, endlich direkt und unzweideutig und, wie er schon nicht anders konnte, eindringlich bis zur Gewaltsamkeit „seine Wahrheit“ verkünden zu können. Diese Epoche ist zu wichtig im Leben des Dichters, ihr Ausdruck in seinem ersten Exposé des Unternehmens zu bezeichnend, als dass wir es uns versagen dürften, jenen Aushängebogen vollinhaltlich wiederzugeben; ja, wir werden später jede der drei Ankündigungen neuer Journalgründung, welche dieser ersten folgten, ins Auge fassen müssen, um uns daraus den Beweis zu holen, wie geschlossen und unerschütterlich einheitlich sein Streben, sich in einer Zeitschrift auszusprechen, allezeit geblieben ist, wie er denn auch oft genug wiederholt: „ein Journal ist eine grosse Sache“. — Zugleich holen wir uns, als Fremde, ein Bild jener Epoche der russischen Geschichte.

N. N. Strachow, der thätigste Mitarbeiter an jener Zeitschrift, teilt uns mit, dass schon im Jahre 1860 von den Brüdern Dostojewsky die Herausgabe einer voluminösen Monatsschrift geplant gewesen war, zu welcher sie eifrig nach geeigneten Mitarbeitern suchten. Th. Michailowitsch war von einigen Arbeiten naturphilosophischen Inhalts, welche Strachow früher publiziert hatte, sehr entzückt gewesen (weit über deren Verdienst, wie dieser hinzufügt) und forderte ihn infolgedessen zur Mitarbeit an der Monatsschrift auf. Auch Strachow findet die Ankündigung so bezeichnend für Dostojewskys damaligen Ideengang, dass er sie wörtlich wiedergiebt.

Sie lautet:

„Vom Januar des Jahres 1861 an wird erscheinen
Wremja“ (Die Zeit),
eine litterarische und politische Monatsschrift in Bänden
von 25-30 Bogen grossen Formats.

„Ehe wir daran gehen, zu erklären, warum wir es eigentlich für nötig erachten, ein neues, öffentliches Organ unserer Litteratur zu gründen, wollen wir einige Worte darüber sagen, wie wir unsere Zeit und namentlich den gegenwärtigen Moment unseres gesellschaftlichen Lebens verstehen. Dies wird auch zur Aufklärung über den Geist und die Richtung unserer Zeitschrift dienen.

Wir leben in einer im höchsten Grade bemerkenswerten und kritischen Zeitepoche. Wir werden jedoch zur Darlegung unserer Anschauung ausschliesslich auf jene neuen Ideen und Forderungen der russischen Gesellschaft hinweisen, welche den ganzen denkenden Teil derselben während der letzten Jahre so übereinstimmend erfüllt hat. Wir werden nicht erst auf die grosse Bauernfrage hinweisen, welche in unserer Zeit ihren Anfang genommen hat ... Alles dies sind nur Äusserungen und Anzeichen jener ungeheuren Umwälzung, der es bestimmt ist, sich friedlich und einhellig in unserem ganzen Vaterlande zu vollziehen, obwohl sie, ihrer Bedeutung nach, an Mächtigkeit allen wichtigsten Ereignissen, ja sogar der Reform Peters gleich ist. Diese Umwälzung ist das Ineinanderfliessen der Bildung und ihrer Vertreter mit den Elementen des Volkes und die Vereinigung der ganzen grossen russischen Nation mit allen Elementen unseres gegenwärtigen Lebens — einer Nation, welche sich schon vor 170 Jahren von der Peterschen Reform abgewendet und seit jener Zeit mit dem Stande der Gebildeten entzweit hat, welcher abgesondert sein eigenes, selbständiges, individuelles Leben lebte.