Wir sprachen von Äusserungen und Symptomen. Unbestreitbar ist deren Wichtigstes die Verbesserung der Lage unserer Bauern. Jetzt sind es nicht mehr tausende, jetzt werden es viele Millionen Russen sein, welche in das russische Leben eintreten, ihre frischen, unverbrauchten Kräfte hineintragen und ihr neues Wort sagen werden. Kein Klassenhass zwischen Siegern und Besiegten, wie in Europa, darf der Entwickelung der künftigen Urelemente unseres Lebens zu Grunde liegen. Wir sind nicht Europa, und bei uns wird und darf es keine Sieger und Besiegte geben. Die Reform Peters des Grossen hat uns auch ohne das allzuviel gekostet: sie hat uns mit dem Volke entzweit. Schon von Anbeginn hat das Volk sie abgelehnt. Die Lebensformen, welche ihm durch die Umgestaltung mitgeteilt wurden, waren weder mit seinem Geiste, noch mit seinen Bestrebungen im Einklange, waren nicht nach seinem Mass berechnet und ihm nicht zeitgemäss. Es nannte sie „deutsch“, nannte die Nachfolger des grossen Zaren Fremdlinge. Schon allein das geistige Abfallen des Volkes von seinen höheren Ständen mit ihren Befehlshabern und Anführern zeigt, wie teuer uns das damalige neue Leben zu stehen kam. Allein — obwohl mit der Reform entzweit, sank dem Volke der Mut nicht. Mehr als einmal hat es seine Unabhängigkeit geäussert, hat sie mit ausserordentlichen, krampfhaften Bemühungen geäussert, weil es allein war und ihm das schwer wurde. Es wandelte im Dunkeln, aber es hielt sich energisch bei seinem gesonderten Wege. Es dachte sich in sich selbst und seine Lage hinein, versuchte es, sich selbst seine Anschauung zu verdeutlichen, zerfiel in geheime, schädliche Sekten, suchte neue Ausgangspunkte für sein Leben, neue Formen. Man kann sich nicht weiter vom alten Ufer entfernen, nicht kühner seine Schiffe verbrennen, als dies unser Volk beim Betreten jener neuen Bahnen gethan, welche es sich mit so vielen Beschwernissen aufgefunden hatte. Bei alledem aber nannte man es den Bewahrer der alten vorpeterschen Formen, des stumpfen Altgläubertums.
Allerdings waren die Ideen des Volkes, welches ohne Führer und auf seine eigenen Kräfte allein angewiesen blieb, manchmal absonderlich, seine Versuche einer neuen Lebensform oft nicht gestaltungsfähig. Aber in ihnen war eine gemeinsame Grundlage, ein Geist, ein unerschütterlicher Glaube an sich selbst, eine unverbrauchte Kraft. Nach der Reform hat es zwischen ihm und uns, den gebildeten Ständen, nur einen Augenblick der Einigung gegeben — das Jahr 1812 — und wir haben gesehen, wie sich das Volk da geäussert hat. Wir erkannten damals, was das Volk eigentlich sei. Das Elend liegt darin, dass es uns nicht kennt und nicht versteht.
Allein jetzt hört der Zwiespalt auf. Die Petersche Reform, welche sich ununterbrochen bis auf unsere Zeit fortgesetzt hat, ist endlich an ihre letzte Grenze angelangt. Weiter kann man nicht gehen, ja, wohin auch? Es giebt da keinen Weg mehr, er ist durchlaufen. Alle, welche Peter den Grossen nachgeahmt haben, haben Europa kennen gelernt, sich europäischem Leben angeschlossen und sind nicht Europäer geworden. Ehemals machten wir uns selbst Vorwürfe über unsere Unfähigkeit zum Europäismus; heute denken wir anders. Wir wissen heute, dass wir nicht Europäer sein können, dass wir nicht im stande sind, uns in eine der westländischen Formen hineinzuzwängen, welche Europa aus seinen eigenen nationalen, uns fremden und entgegengesetzten Grundelementen ausgearbeitet und ausgelebt hat — geradeso wie wir etwa ein fremdes Kleid nicht tragen könnten, das nicht nach unserem Masse verfertigt ist. Wir haben uns endlich überzeugt, dass auch wir eine Nationalität für uns sind, eine im höchsten Grade selbständige Nationalität, und dass unsere Aufgabe ist — uns eine neue, uns eigene, heimische Form aufzubauen, eine Form, die wir unserer eigenen Grundlage, unserem Volksgeist und unseren Volkselementen entnehmen müssen. Wir sind unbesiegt zum heimischen Boden zurückgekehrt. Wir leugnen unsere Vergangenheit nicht ab, wir anerkennen auch das Vernünftige darin. Wir anerkennen, dass die Reform unseren Horizont erweitert, dass wir durch sie unsere künftige Bedeutung in der grossen Familie aller Völker kennen gelernt haben.
Wir wissen, dass wir uns jetzt nicht mehr mit einer chinesischen Mauer von der Menschheit absondern werden. Wir ahnen, und ahnen mit ehrfürchtigem Sinn, dass der Charakter unserer künftigen Thätigkeit im höchsten Grade allgemeinmenschlich sein muss, dass die russische Idee vielleicht die Synthese aller jener Ideen sein wird, welche Europa mit solcher Hartnäckigkeit, mit solcher Männlichkeit in seinen verschiedenartigen Nationalitäten entwickelt; dass vielleicht alles Feindselige in diesen Ideen seine Versöhnung und fernere Entwickelung im russischen Volkstum finden wird. Wir haben also nicht vergebens alle Sprachen gesprochen, alle Zivilisationen begriffen, an den Interessen eines jeden europäischen Volkes teilgenommen, den Sinn und die Vernunft von Erscheinungen verstanden, welche uns vollständig fremd waren; nicht vergebens haben wir eine solche Kraft der Selbstkritik bekundet, die alle Fremdländer in Erstaunen versetzt hat. Sie haben uns darob gescholten, haben uns Leute ohne Persönlichkeit, ohne Vaterland geheissen, ohne zu bemerken, dass die Fähigkeit, sich auf eine Zeit lang von seinem Boden loszureissen, um nüchterner und unparteiischer auf sich selbst zu schauen, schon an und für sich eine sehr starke Eigentümlichkeit ist; die Fähigkeit endlich, das Fremde mit dem Auge des Versöhners anzusehen, ist die höchste und edelste Gabe der Natur, welche nur sehr wenigen Nationalitäten verliehen ist. Die Angehörigen anderer Nationen haben unsere unermesslichen Kräfte noch nicht einmal versucht ... Jetzt aber, scheint es, treten auch wir in ein neues Leben ein.
Hier nun, vor eben diesem Eintreten in das neue Leben ist die Versöhnung der Anhänger der Peterschen Reform mit jenen der Volksgrundlage unvermeidlich geworden. Wir sprechen hier nicht von Slavophilen und nicht von Westlern. Ihrem feindlichen Zwiste gegenüber verhält sich unsere Zeit vollkommen gleichgiltig. Wir sprechen von der Aussöhnung der Zivilisation mit dem Volkstum. Wir fühlen, dass beide Parteien einander endlich verstehen müssen, alle Missverständnisse, die sich zwischen ihnen in so unglaublicher Anzahl aufgehäuft haben, aufklären und dann in Harmonie und Eintracht mit vereinten Kräften einen neuen breiten und ruhmvollen Weg betreten müssen. Die Vereinigung, was immer sie kosten möge, ohne Rücksicht auf was immer für Opfer, und das so schnell als möglich — das ist unser leitender Gedanke, das ist unsere Devise.
Allein, wo ist denn der Berührungspunkt mit dem Volke? Wie macht man den ersten Schritt, um sich ihm zu nähern? Das ist die Frage, das die Sorge, die alle teilen sollten, denen der russische Name teuer ist, alle, die das Volk lieben und denen sein Glück teuer ist. Sein Glück aber — ist unser Glück. Es versteht sich, dass der erste Schritt zur Erreichung jeglicher Übereinstimmung das Alphabet und die Bildung ist. Das Volk wird uns niemals verstehen, wenn es nicht vorher vorbereitet worden. Es giebt keinen anderen Weg und wir wissen, dass, indem wir dies aussprechen, wir nichts Neues sagen. Allein so lange es an den gebildeten Ständen ist, den ersten Schritt zu thun, haben sie ihre Situation auszunützen, mit allen Kräften auszunützen. Kräftige, schleunige Verbreitung von Bildung, koste es was es wolle, das ist die Hauptaufgabe unserer Zeit, der erste Schritt zu jeglicher Thätigkeit.
Wir haben nur die leitenden Hauptgedanken unserer Zeitschrift ausgesprochen, haben den Charakter, den Geist ihrer künftigen Thätigkeit angedeutet. — Allein wir haben noch einen zweiten Grund, der uns veranlasst, ein neues, unabhängiges litterarisches Organ zu gründen. Wir haben schon lange bemerkt, dass sich in den letzten Jahren unter unserer Journalistik eine gewisse besondere und freiwillige Abhängigkeit und Unterordnung gegenüber den litterarischen Autoritäten entwickelt hat. Es versteht sich, dass wir unsere Journalistik nicht der Gewinnsucht, der Käuflichkeit anklagen. Bei uns giebt es nicht, wie nahezu überall in dem europäischen Schriftwesen, Zeitschriften und Tagesblätter, welche ihre Überzeugungen um Geld veräussern und ihre niederen Dienste, sowie ihre Herren mit anderen vertauschen, einzig und allein darum, weil die anderen mehr Geld geben. Allein wir bemerken gleichwohl, dass man seine Überzeugung verkaufen kann, wenn auch nicht um Geldeswert. Man kann sich zum Beispiel aus einem Übermass von angeborener Wohldienerei verkaufen, oder aus Furcht, um seines Mangels an Übereinstimmung mit den litterarischen Autoritäten willen, als Dummkopf ausgerufen zu werden. Die goldene Mittelmässigkeit zittert manchmal sogar ganz uneigennützig vor den Meinungen, welche von den Stützpfeilern der Litteratur festgestellt sind, besonders wenn diese Meinungen kühn, keck und frech ausgesprochen wurden. Manchmal verschafft nur diese Keckheit und Frechheit einem nicht dummen Schriftsteller, welcher die Umstände zu benutzen versteht, den Namen eines Pfeilers der Litteratur, einer Autorität, und verschafft gleichzeitig diesem Pfeiler einen ausserordentlichen, wenn auch nur zeitweiligen Einfluss auf die Massen. Die Mittelmässigkeit ihrerseits ist fast immer äusserst furchtsam, ungeachtet ihres augenscheinlichen Dünkels, und unterordnet sich willig: die Furchtsamkeit aber erzeugt eine litterarische Sklaverei; allein in der Litteratur darf es keine Sklaverei geben.
In dem heissen Verlangen nach litterarischer Macht, nach litterarischer Überlegenheit, nach einem litterarischen Range ist mancher sogar alte und angesehene Schriftsteller oftmals imstande, sich zu einer so unerwarteten und seltsamen Thätigkeit zu entschliessen, dass sie unwillkürlich Verwunderung und Ärgernis unter den Zeitgenossen hervorruft, unbedingt aber in der Zahl der skandalösen Anekdoten über die russische Litteratur der Hälfte des 19. Jahrhunderts auf die Nachkommenden übergehen wird. Und solche Vorkommnisse ereignen sich immer öfter und öfter, und solche Leute üben einen fortgesetzten Einfluss aus. Die Journalistik aber schweigt und wagt es nicht, daran zu rühren. Es giebt in unserer Litteratur noch heute einige festgesetzte Ideen und Meinungen, welche nicht die geringste Selbständigkeit besitzen und doch als unzweifelhafte Wahrheiten bestehen, einzig nur darum, weil es irgend einmal litterarische Anführer so festgestellt haben. Die Kritik wird immer flacher und unbedeutender; in manchen Publikationen werden gewisse Schriftsteller ganz umgangen, weil man fürchtet, sich, über sie sprechend, zu verplaudern. Man streitet um des Rechtbehaltens und nicht um der Wahrheit willen. Ein Groschen-Skeptizismus, welcher durch seinen Einfluss auf die Majorität schädlich ist, deckt mit Erfolg die Talentlosigkeit und wird in Pflicht genommen, um Subskribenten heranzulocken. Ein strenges Wort aufrichtiger, tiefer Überzeugung wird immer seltener gehört. Endlich wandelt der Spekulationsgeist, der sich in der Litteratur ausbreitet, gewisse periodische Zeitschriften in vornehmlich kommerzielle Unternehmungen um, die Litteratur aber und ihr Nutzen treten in den Hintergrund und manchmal wird ihrer nicht einmal gedacht.
Wir haben uns entschlossen, eine Zeitschrift zu gründen, welche, ungeachtet unserer Achtung vor litterarischen Autoritäten, doch vollkommen unabhängig von ihnen sein, in freiester und aufrichtiger Weise auf alle litterarischen Absonderlichkeiten unserer Zeit hinweisen wird. Diesen Hinweis unternehmen wir aus hoher Achtung für die russische Litteratur.
Unsere Zeitschrift wird keinerlei unlitterarische Antipathien oder Voreingenommenheiten hegen. Wir werden sogar bereit sein, unsere eigenen Irrtümer und Fehlschüsse einzugestehen, gedruckt einzugestehen, finden uns aber gar nicht lächerlich, uns dessen (wenn auch voraus) zu rühmen. Wir werden auch der Polemik nicht aus dem Wege gehen und wir werden auch davor nicht zurückschrecken, die litterarischen Gänse manchmal zu reizen. Gänsegeschnatter ist manchmal ganz nützlich; es zeigt das Wetter an, wenn es auch nicht immer das Kapitol rettet. Eine besondere Aufmerksamkeit werden wir dem kritischen Teile unseres Blattes widmen. Nicht nur jedes bemerkenswerte Buch, sondern auch jeder bemerkenswerte litterarische Artikel, welcher in anderen Zeitschriften erscheint, wird unbedingt in der unseren analysiert werden. Die Kritik darf also nicht verschwinden, rein nur, weil man beginnt die Bücher nicht separat, wie ehedem, sondern in Zeitschriften zu drucken. Indem das Journal „Wremja“ alles Persönliche beiseite lassen, alles Mittelmässige durch Schweigen umgehen wird, wenn es nicht geradezu schädlich ist, wird es alle halbwegs wichtigen litterarischen Kundgebungen verfolgen, die Aufmerksamkeit auf alle scharf ausgeprägten Fakten, seien sie nun positiver oder negativer Natur, hinlenken, und unerbittlich Talentlosigkeit, Übelwollen, falsche Bestrebungen, übelangebrachten Stolz und litterarischen Aristokratismus blossstellen, wo immer sie sich zeigen mögen. Erscheinungen des Lebens, umlaufende Meinungen, festgestellte Principien, welche aus allgemeinen und allzu persönlich passenden oder unpassenden Anwendungen verflachter, absonderlicher und ärgerlicher Aphorismen entstehen, sie alle unterstehen der Kritik genau wie ein eben erschienenes Buch oder ein Zeitungsartikel. Unsere Zeitschrift spricht sich das unabänderliche Reckt zu, offen über jede litterarische und ehrenhafte, ehrliche Arbeit ihre Meinung auszusprechen. Der weitbekannte Name, mit welchem das Blatt gefertigt ist, verpflichtet das öffentliche Urteil, sich nur um so strenger dagegen zu verhalten, und unser Journal wird sich niemals zu dem jetzt allgemein gebrauchten Kniff herablassen — einem bekannten Schriftsteller zehn schwülstige Komplimente vorzureden, um das Recht zu haben, eine nicht ganz schmeichelhafte Bemerkung über ihn einzustreuen. Das Lob ist immer keusch; nur die Schmeichelei riecht nach der Bedientenstube. Da es uns in einer einfachen Ankündigung an Raum gebricht, auf alle Details unserer Publikation einzugehen, wollen wir nur sagen, dass unser, von der Obrigkeit bestätigtes, Programm ausserordentlich reichhaltig ist.“