Hier folgt ein Programm der verschiedenen Inhaltsgruppen, sowie die Ankündigung, dass die Mitarbeiter, entgegen dem alten Brauch, nicht genannt werden, und endlich die Unterschrift Michail Michailowitsch Dostojewskys, da Theodor Michailowitsch noch (de iure bis 1873) unter polizeilicher Aufsicht stand und daher als Redakteur nicht officiell bestätigt werden konnte.

Aus diesem, seine Ansichten und Absichten eigentlich nur in ihrer äusseren Umgrenzung zeichnenden Exposé finden wir schon die ganze, klare Richtung nach dem Volkstum und der von da erwarteten Erlösung nicht nur Russlands, sondern aller übrigen im Streit befindlichen Partikularismen, und die ganze Hartnäckigkeit, diese Richtung einzuhalten und andere hineinzubringen.

Im neunten Bande der Gesamtausgabe der Werke Dostojewskys finden wir nun „eine Reihe von Artikeln über die russische Litteratur“, welche aus den Heften der „Wremja“ und zwar vom Januar, Februar, Juli, August und November 1861 abgedruckt sind und unzweifelhaft von Theodor Michailowitsch stammen, obgleich sie damals ohne Unterschrift erschienen waren. Die ersten derselben haben, nach Millers Meinung, einen grossen Teil jenes Aufsatzes über die Kunst in sich aufgenommen, der, wie wir wissen, anfangs der Grossfürstin Marja Nikolajewna gewidmet gewesen und später verschwunden ist.

Diese Artikel „über die russische Litteratur“ sind durch zwei Momente für uns besonders interessant. Erstens und vor allem durch das Persönliche, das Verlebendigende, wenn man so sagen darf, das Dostojewsky hier wie überall, wo er es mit einer Sache ernst meint (und wo thut er das nicht?), hineinlegt; zweitens durch den Einblick, welchen wir da in die Anschauungen der Russen über die Litteratur und ihre Anwendung gewinnen. Diese Anschauungen sind uns durch die Jugendlichkeit ihres Ernstes zuerst nur befremdlich und etwas wie ein Lächeln zieht unsere müden Dekadenten-Lippen herab, ob der Erhitzung, in die sich die Russen über litterarische Streitfragen stürzen. Allein es will uns bedünken, dass gerade in diesem jugendlichen Ernst, der heute, im neunzehnten Jahrhundert und hier, mitten unter uns, um des Lebens beste Güter (womit nicht nur Brot gemeint ist) streitet, eine Mahnung liegt, von der litterarischen Spielerei zum Leben und zu seinen ernsten Forderungen zurückzukehren.

Die Einleitung dieser Artikel beginnt mit einer launig-beissenden Betrachtung über die Art, wie die nach Russland kommenden Fremden Russland verstehen; der Deutsche, der Franzose, der Engländer, jeder in seiner Weise und jeder — falsch. „Für Europa,“ heisst es da, „ist Russland das Rätsel der Sphinx. Schneller wird das Perpetuum mobile oder das Lebenselixir gefunden werden, als die russische Wahrheit, der russische Geist, sein Charakter und seine Richtung vom Westen erfasst werden wird. In dieser Beziehung ist sogar der Mond jetzt weit ausführlicher erforscht als Russland. Wenigstens weiss man entschieden, dass dort niemand lebt; von Russland aber weiss man, dass dort Menschen leben und sogar russische Menschen —, aber was für Menschen, das ist bis heute noch ein Rätsel, obwohl die Europäer überzeugt sind, dass sie uns schon lange begriffen haben.“

Nun nimmt Dostojewsky die Deutschen her, welche nach Russland kommen. Er geht der Reihe nach die Gutsverwalter, die Semmelbäcker, Wursterzeuger und Raritätenschausteller durch und langt bei dem gebildeten und ehrlichen Deutschen an, der wirklich Russisch lernt, sich ernstlich mit der russischen Litteratur beschäftigt, um schliesslich Cheraskows Russiade in das — Sanskrit zu übersetzen. Ganz anders der Franzose. Der Franzose hat über Russland alles schon zu Hause gewusst; er weiss alles, er versteht alles — auch ohne etwas zu lernen. Er hat sein Buch über Russland schon in Paris um gutes Geld verkauft und gönnt sich dafür die Reise von 28 Tagen, um in Russland zu erscheinen, es zu blenden, zu beglücken und, wenigstens teilweise, umzugestalten. Er schreibt auch sofort eine echt russische Erzählung unter dem Titel „Petroucha“, „welche zwei Vorzüge hat: 1. dass sie das russische Leben getreu charakterisiert und 2. dass sie gleichzeitig auch das Leben auf den Sandwichinseln schildert Kommt aber der Russe nach Paris, so weiss man schon, dass er das eigentlich dem Genfer Lefort zu verdanken hat, welcher eine grosse Wendung in den Geschicken Russlands herbeigeführt hat, und jede Portiersfrau, der du in später Nachtstunde zurufst: „Le cordon s’il vous plaît“, brummt schlaftrunken in sich hinein: „Sieh mal, wäre in Genf nicht der Genfer Lefort auf die Welt gekommen, so wärest du heute noch ein Barbar, kämest nicht nach Paris, au centre de la civilisation, würdest mich nicht jetzt mitten in der Nacht aufwecken und aus vollem Halse „le cordon s’il vous plaît“ schreien.“

Im weiteren Verlaufe seiner Ausführungen kommt Dostojewsky auf den Standpunkt zu sprechen, den die Russen selbst ihrem Volke, ihrer Sprache gegenüber einnehmen. Da ist es namentlich der vornehme, der an ausländische Kultur gewöhnte Russe, welcher sich dem „dunklen Volke“ gegenüber verächtlich verhält, welcher seinen Tischnachbar bittet, ihm Wasser geben zu lassen, nur um nicht selbst ein russisches Wort an den Lakaien zu richten, welcher die Geistesbildung so hoch schätzt, dass er hundertmal lieber ein Schuft genannt würde als ein Dummkopf und daraus allein ein Privileg seiner Menschheitsrechte und Würden macht, das ihn ein- für allemal vom Volke trennt.

Da aber die Menschen dieser Klassen im Vaterlande nichts zu thun finden, nach grossen Thaten ächzen, sich gegenseitig ihren Weltschmerz klagen und sich ihrer Nichtswürdigkeit anklagen: „ach, Bruder, sieh, ein so gemeiner Schuft bin ich!“, so wird jene Art Byrons daraus, welche sich wundern, dass der wirkliche Byron über eine solche Welt hat klagen und weinen können, was eines Lords ganz unwürdig ist, während sie zum höheren Byronismus übergehen, den Byron selbst noch nicht ausgestaltet hatte: ein gutes Mittagessen zu schätzen, gelegentlich falsch zu spielen und den Leuten die Taschentücher aus den Säcken zu ziehen. Diesen Byrons ruft er zu: „Ich habe eine Arbeit für euch, allein ihr werdet sie nicht leisten wollen, sie zu gering achten, ob sie auch die einzige ist, die uns jetzt zukommt: Lehrt auch nur einen kleinen Bauernjungen lesen.“

Aus diesen scheinbar weglosen Exkursen heraus tritt Dostojewsky allmählich auf das Gebiet der Forderungen, die aus den Bedürfnissen oder vielmehr der Bedürftigkeit des Volks entstehen und für das Volk eintreten. Er tritt leidenschaftlich für die Volksbildung ein und widerlegt den Einwurf, dass gerade der Lakai, der Schaffer usw., kurz alle Bauern, die lesen können, es sind, welche die Gefängnisse füllen. Jawohl, antwortet er — weil diese Bildung oder eigentlich Halbbildung noch ein Privileg ist und Privilegien immer Übergriffe und Unredlichkeit im Gefolge haben.

So sind es, wie wir sehen, die primären Probleme, ganz einfache Konflikte, die aufrichtige Bemühung jedes Russen, für sich und „unsern Bruder“, wie das hübsche Wort lautet, das Leben einzurichten, das auch den Dichter so recht an die Scholle bindet. Diese ewige Frage nach dem, was er soll, hat dem Russen auch ein anderes Wort in den Mund gelegt, das nun eine stereotype Redensart ist, und das er bei den kleinsten Zwischenfällen unwillkürlich anwendet. Er sagt da nicht: „was soll ich thun“, sondern: „wie habe ich zu sein?“