Aus der „verfluchten Frage“ heraus: „Wie soll mein Leben sein?“ ist eben das russische Leben, seine Kunst und Kritik einzig zu verstehen. Nun begreifen wir auch, warum die Russen Turgenjew trotz seiner hohen Künstlerschaft nicht zu den Ihren zählen. Wer die russische Litteratur und ihre mühevolle Pflügearbeit kennt, muss diesem Verdikt beipflichten. Das, was Schilderung, getreues Nachbilden russischen Lebens ist, was mit allen Künsten der Farbengebung, der Licht- und Schattenverteilung, der „Lasur“, wenn man so sagen darf, ausgestattet ist, was der Europäer entzückend findet, so fremdartig und doch nicht verletzend, so fein zubereitet, gerade genug, um „anzuregen“, ohne allzusehr wehe zu thun, das wird den Russen beleidigen, der von seinem Dichter vor allem Mitarbeit an seinem schweren Werden fordert. Dies spricht sich noch viel deutlicher in Tolstojs, des grössten russischen Künstlers, Wandlung zum Volkserzähler aus. Heute erst, nachdem er der hohen Kunst abgeschworen, die im Roman „Krieg und Frieden“ ihren vollendetsten Ausdruck gefunden, heute, da seine kleinen Volkserzählungen, zu 1 Kopeke verkauft, in Tausenden von Exemplaren wirklich dem Volke gehören, heute erst rechnet er sich selbst zu den führenden Geistern seines Volks und wird von ihm dazu gezählt. Andere Beispiele für diese Auffassung der Dinge finden wir in direkten Aussprüchen Dostojewskys und endlich im weiteren Verlauf der „litterarischen Artikel“, da, wo der Dichter den Parteihader schlichten will, welcher zwischen Utilitaristen und Vertretern der „Kunst als Selbstzweck“ entbrannt ist.
Zu den deutlichsten Äusserungen Dostojewskys über belletristische Werke gehört wohl seine an Strachow gerichtete Kritik Tolstojs. Strachow hatte gesagt, dass Tolstojs „Krieg und Frieden“ zu den vortrefflichsten Werken der gesamten russischen Litteratur gerechnet werden müsse, darauf Dostojewsky:
„... Das kann man nicht unbedingt sagen: Puschkin, Lomonossow — das sind Genies. Mit dem „Mohr Peters des Grossen“ und mit „Bjelkin“ hervortreten, das heisst unbedingt mit einem genialen, neuen Wort auftauchen, das bis dahin durchaus nie und nirgends gesagt worden war. Allein mit „Krieg und Frieden“ auftreten, das heisst nach diesem Worte kommen, das schon von Puschkin gesagt worden war; und das in jedem Falle, wie hoch und weit auch Tolstoj in der Ausgestaltung dieses, vor ihm schon durch einen Genius ausgesprochenen neuen Wortes kommen möge. Ich denke, das ist sehr wichtig usw.“
An anderer Stelle nennt er Turgenjews und Tolstojs „neues Wort“ das „Gutsbesitzer-Wort“[16], das allerdings bei Tolstoj unendlich bedeutender zum Ausdruck komme.
Wie dies neue Wort Puschkins lautet, das hat Dostojewsky an vielen Orten gesagt, am feurigsten aber in seiner im Jahre 1880 in Moskau gehaltenen grossen Puschkinrede. Kurz gefasst liesse es sich etwa so ausdrücken: „Nur der Russe ist, vermöge seiner unendlichen Assimilationsfähigkeit, „Allmensch“ und nur dieser Allmensch vermag die Idee des lebendigen Christentums in sich zu tragen und sie zu verbreiten.“
Es darf uns danach nicht wundern, wenn Dostojewsky die unvollendete Erzählung Puschkins „Der Mohr Peters des Grossen“ und die „Novellen Bjelkins“, zwei Werke, die wir kaum dem Namen nach kennen, doch höher stellt, als Tolstojs Meisterwerke oder Turgenjews Kabinettstücke.
In Puschkin allein findet Dostojewsky den bewussten Ausdruck der russischen Eigenart, wie sie in Peter dem Grossen, „dessen Persönlichkeit uns noch nicht ganz aufgeklärt ist,“ ihren elementaren Ausbruch findet. Jene Assimilationsfähigkeit des Russen, sich alle Sprachen eigen zu machen, alle Kulturen anzunehmen, mit einer scharfen Wendung vom eingeschlagenen Wege abzugehen, wenn es seine bessere Überzeugung gebietet, dabei die Eigenschaft, sich schuldig zu bekennen, alles dies, was ihn dem Europäer unverständlich macht, was dieser als Unpersönlichkeit an ihm rügt, das befähige eben den Russen zu jener Allversöhnlichkeit und Allmenschlichkeit, welche die Einigung der Menschen herbeiführt — im Gegensatz zu den immer komplizierteren Trennungen der europäischen Nationen, die wohl nicht „in der Jeanne d’Arc und den Kreuzzügen ihren Ursprung“ haben dürften und auch nicht durch das Wissen aufgehoben werden. Dostojewsky streift hiermit wieder die grosse Streitfrage des 19. Jahrhunderts: Glauben oder Wissen, Gott oder Ich, die er ja in allen seinen Werken in tiefsinnige Probleme aufblättert. In einem seiner Briefe spricht er es offen aus, dass er mit seinem letzten Romane nichts anderes will, als „das Dasein Gottes beweisen“.
Puschkin nun sieht Dostojewsky als den Genius an, der dies synthetische Wesen des Russen erkannt und in sich gerade aus seiner westlichen und künstlerischen Kultur heraus verkörpert habe. „Die kolossale Bedeutung Puschkins,“ sagt er, „ersteht vor uns immer mehr und mehr ... Für alle Russen ist er der vollendetste künstlerische Ausdruck dessen, was eigentlich der russische Geist ist, wohin alle seine Kräfte streben und wie namentlich das Ideal eines Russen beschaffen ist. Die Gestalt Puschkins ist der Beweis dafür, dass der Baum der Zivilisation schon früh reif geworden ist, und dass seine Früchte nicht faule, sondern herrliche, goldene Früchte sind. Alles, was wir aus der Bekanntschaft mit den Europäern über uns selbst lernen konnten, haben wir gelernt — alles, worüber uns die Zivilisation nur aufklären konnte, haben wir uns erklärt, und dieses Erkennen hat sich in der vollsten und harmonischsten Weise in Puschkin geoffenbart. Wir haben aus ihm herausverstanden, dass das russische Ideal All-Einheit. All-Versöhnlichkeit, All-Menschlichkeit ist usw.“
Und nun geht Dostojewsky zur brennenden Frage über, welche seit Jahren die russischen Schriftsteller in streitende Parteien geschieden hatte, nämlich dem Kampf der Utilitaristen und Tendenzschriftsteller gegen die Vertreter der reinen Kunst.
Hier zeigt sich sofort des Dichters synthetische Natur. In zwei prächtigen, durch Beispiele beleuchteten Ausführungen beweist er beiden Teilen ihre Berechtigung, sowie ihr Unrecht, geisselt er bei beiden die Blindheit, in der sie das Kind mit dem Bade ausschütten. Er, der selbst ein Feind der Utilitätslitteratur ist, wie sie von der Hand in den Mund lebt, geisselt jene, die ein Werk dieser Gattung verwerfen, selbst wenn es, wie bei Schtschedrin, durchaus künstlerisch hingestellt ist, und hält den Utilitaristen vor, dass sie Wirkung und Nutzen sofort verlangen, wie ein Kind den Mond vom Himmel herunter verlangt. Es sind also die Menschen, welche Litteratur und Kunst treiben, nicht aber diese für ihre Wirkungen verantwortlich zu machen.