„Die Kunst ist immer real und immer zeitgemäss, ist es immer gewesen und, was die Hauptsache ist, wird es immer bleiben,“ sagt Dostojewsky da. „Die Gesellschaft leidet oft an schweren Übeln und greift nach den Mitteln, die ihr die rechten scheinen, um sich zu helfen. Dient ihr eine Kunst als Arznei, so hat sie das ihre gethan, und hat sie es geleistet, so war es gewiss künstlerisch.“ Braucht aber die Zeit noch Anthologien, so möge sie nur noch danach greifen. Die Hauptsache aber ist, dass die Freiheit der Eingebung nie und nirgends gehemmt werde usw.

Hier ist nicht nur Äusseres als Hemmnis der „freien Eingebung“ aufzufassen, sondern ebenso sehr Einseitigkeit der Tendenz, Einseitigkeit eines ästhetischen Steckenpferdes, antikisierende oder mittelalterliche Schrullen, wie auch Abwendung von der Gegenwart im allgemeinen, Mangel an Gefühl der Bürgerpflicht und an Gemeinsinn.

Zur Beleuchtung dieses letzteren Mangels führt Dostojewsky folgendes drastische Beispiel an:

„Versetzen wir uns,“ sagt er da, „in das 18. Jahrhundert, gerade an den Tag des Erdbebens von Lissabon. Die Hälfte der Einwohner geht zu Grunde, Häuser stürzen ein, aller Besitz ist zerstört, jeder der Zurückbleibenden hat einen schweren Verlust erlitten — entweder Hab und Gut, oder seine Familie ist ihm entrissen. Die Leute taumeln verzweifelnd in den Strassen umher, durch das Entsetzen ihrer Sinne beraubt. Zu dieser Zeit lebt in Lissabon irgend ein berühmter portugiesischer Dichter. Am nächsten Tage erscheint irgend eine Nummer des Lissabonschen Merkur (damals erschienen überall Merkure). Das Blatt, das in einem solchen Augenblicke erscheint, erregt sogar einiges Interesse in den Gemütern der unglücklichen Stadtbewohner, ungeachtet dessen, dass sie nicht gerade dazu angethan sind, Zeitungen zu lesen; sie hoffen, dass die heutige Nummer ein Extrablatt sein werde, welches ausgegeben worden sei, um über die Verlorenen, die spurlos zu Grunde Gegangenen Nachricht zu geben usw. Da — an irgend einer in die Augen springenden Stelle — erblicken sie etwas in folgender Art:[17]

„Leises Flüstern, lindes Fächeln,

Nachtigallen-Trillersang,

Silberleuchten, träumend Wiegen

All den klaren Bach entlang,

Nächt’ge Helle, nächt’ge Schatten,

Unbegrenztes Dämmerlicht,