Zaub’risch wechselnde Bewegung
In der Liebsten Angesicht;
Rosenglut im Wolkenschleier,
Wiederschein wie Bernsteinlicht,
Küsse, Thränen, sanftes Feuer
Und — Morgenröte, Morgenlicht!“
„Ich weiss wirklich nicht, wie die Bewohner Lissabons ihren Merkur aufnehmen würden, aber mir scheint, ihren Poeten würden sie öffentlich auf dem Marktplatze justifizieren. Durchaus nicht darum, weil er ein Gedicht ohne Zeitwort geschrieben hat, sondern weil man gestern statt der Nachtigallentriller unter der Erde solche Triller gehört hatte, und das „Wiegen“ des Baches in einem Augenblicke solchen Wiegens der ganzen Stadt auftrat, dass die armen Leute nicht nur durchaus keine Lust verspürten, die „Rosenglut im Wolkenschleier“ oder das „Bernsteinlicht“ zu betrachten, sondern dass ihnen die Handlungsweise des Dichters allzu beleidigend und unbrüderlich erscheinen musste, der in einem solchen Augenblicke ihres Lebens so amüsante Dinge zu singen wusste. — Bemerken wir übrigens folgendes: Nehmen wir an, die Bewohner Lissabons hätten ihren Dichter hingerichtet, aber das Gedicht, das sie alle so erzürnte (sei’s auch von Rosenglut und Bernsteinlicht), konnte doch seiner künstlerischen Vollendung nach herrlich sein. Ja noch mehr, den Dichter haben sie hingerichtet, aber nach 30, nach 50 Jahren errichten sie ihm auf dem Marktplatze ein Standbild zu Ehren seiner bewunderungswürdigen Verse im allgemeinen und der „Rosenglut“ im besonderen. Es zeigt sich, dass nicht die Kunst schuldig geworden ist an dem Tage des Erdbebens. Das Gedicht, für das sie den Dichter justifizierten, hatte möglicherweise als ein Denkmal der Poesie und Sprache den Lissabonensern sogar einen nicht geringen Nutzen gebracht, indem es ihnen später Entzücken, sowie tiefes Schönheitsgefühl hervorrief und sich als ein erquickender Tau auf die Seele der jungen Generation niedersenkte. Folglich war nicht die Kunst schuldig, sondern der Dichter, welcher die Kunst in einem Augenblicke missbräuchlich anwendete, da es nicht an der Zeit war. Er sang und jubilierte an einer Totenbahre — — das war natürlich arg und ausserordentlich dumm seinerseits, aber immer war eben er schuldig und nicht die Kunst ist es gewesen.“
Dass ihm aber die ästhetische Gestaltung des Kunstwerks sehr am Herzen liegt, ja eigentlich sein Herzblatt ist, zeigt er uns auch auf andere Weise als durch das auserlesene Befürworten der gegnerischen Anschauung. Er spricht sich sehr entschieden darüber aus, in welcher Weise der Mangel an Kunst der besten Idee schaden könne, und dass die hohe künstlerische Vollendung, etwa der Iliade, auch nach Jahrtausenden niemals die Wirkung versage.
Für die Beweisführung gegen die grobe Tendenzaufbauschung holt er sich ein sehr angesehenes Opfer, den bekannten und in jenen Tagen vielbewunderten Kritiker N. A. Dobroljubow, herbei und füllt mehrere Bogen seiner Tagebücher mit der eingehenden Kritik seiner Kritik.
Diese Gegenkritiken hier wiederzugeben, hiesse etwa den Leser in einen Raum führen, wo gegenüberstehende Spiegel eine endlose Reihe von Reflexen erzeugen. Wir halten uns aber an das, worauf es hier ankommt — das Volkswohl und die Art, es auf dem Wege des Schrifttums zu fördern.