Ich glaube, dass Grigorjew in keiner Redaktion der Welt ruhig hätte verbleiben können; wenn er aber sein eigenes Journal gehabt hätte, so würde er es selbst fünf Monate nach dessen Gründung zu Grunde gerichtet haben usw.“

Alle diese Ausführungen zeigen den Dichter, wie uns scheint, von einer Seite, welche der Leser seiner belletristischen Werke, sowie der Kenner seiner eigenen Lebensführung nicht bei ihm voraussetzt, wir meinen die, wenn auch nur theoretisch, geschäftsmännische Seite. Es ist wohl nicht die feine Psychologie, welche er in der Beurteilung Grigorjews bekundet, die wir ja an ihm, dem „Realisten des Innern“ kennen, was uns hier frappiert, sondern einerseits ganz praktische Forderungen an die Führung einer Zeitschrift, andererseits der Ernst, mit welchem die Thätigkeit der Publizistik von Dostojewsky selbst, sowie von seiner Zeit und Umgebung betrachtet wurde. Um die geringsten Schwankungen in der Wahl seiner Mittel zu erläutern und zu entschuldigen, welche Fülle von Argumenten, welche Vertiefung in die Entwickelungsphasen von eines Menschen innerster Wahrhaftigkeit. Wir begreifen danach sein Axiom: „ein Journal ist eine grosse Sache“. — Allein diese Anschauung und ihre Befolgung brachte den Dichter in hellen Gegensatz nicht nur zu Einzelnen, wie Grigorjew, sondern zu den Slavophilen, welche sich um Aksakow gruppierten, sowie zu allen jenen, welche es mit der Kunst ernst nahmen und, durch die landläufige, journalistische Behandlung ernster Dinge abgestossen, in diesem litterarischen, „von der Hand in den Mund-Leben“ Dostojewskys weder für ihn noch für die gute Sache ein Heil finden konnten. Sie vergassen dabei oder konnten es nicht sehen, dass es sich hier um ganz anderes handelte, als um ein tägliches Menu für den Hunger des Publikums. Es handelte sich darum, ein solches Publikum nicht aus den Augen und aus der Hand zu lassen und ihm immer wieder seine Ration Wahrheit aufzunötigen. Später allerdings, als sich Dostojewsky immer mehr den Slavophilen anschloss, konnte es nicht anders sein, als dass auch er sich etwas von der journalistisch gangbaren Litteratur abwandte, nachdem er sie gegen einen Angriff Aksakows im Jahre 1861 energisch mit folgenden Sätzen vertreten: „Man liest einen oder den anderen Eurer Aussprüche und kommt endlich unwillkürlich zum Schluss, dass Ihr Euch endgiltig abseits gestellt habt und auf uns schaut, wie auf ein fremdes Geschlecht, als wäret Ihr aus dem Monde zu uns herunter gekommen, als lebtet Ihr nicht im selben Reiche mit uns, nicht in der gleichen Zeit, nicht das nämliche Leben! — Es ist, als machtet Ihr mit jemand Experimente, als sähet Ihr irgendwen unter dem Mikroskop an! Aber das ist ja Eure eigene, Eure russische Litteratur! Was seht Ihr sie denn so von oben herab an und zerlegt sie wie ein Käferchen? Ihr seid ja selbst Litteraten, Ihr Herren Slavophilen!“

Auch seinen Mitarbeiter Strachow, der sich anfangs gleichfalls vornehm vom Journalismus fernehielt, hatte Dostojewsky zu bekämpfen. N. Strachow erzählt uns darüber folgendes: „Ich trat erst später in die belletristische Richtung ein, denn ich hatte mich anfangs zu einem wissenschaftlichen Berufe vorbereitet, darum blickte auch ich mit scheelem Auge auf die Journalistik und brachte ihr einigen Hochmut entgegen. Auf jede Weise trachtete ich der Vielschreiberei zu entgehen und bemühte mich, meine Artikel vollkommen auszuarbeiten. Diese Bestrebungen riefen gewöhnlich Theodor Michailowitschs Spott hervor: „Sie sorgen immer für eine ‚Vollständige Ausgabe‘ Ihrer Werke“ — sagte er. — „Aber es wird ja niemals eine solche Ausgabe erscheinen“, antwortete ich. Allein ich wurde bald in die Litteratur hineingezogen und begann ihre Interessen mit grösserer Wärme ans Herz zu schliessen.“ — „Wie immer dies nun sein möge“, fährt N. Strachow weiter fort, „das Resultat von Dostojewskys litterarischen Beziehungen ist bekannt. Am Ende seiner Laufbahn, als er sich schon als vollständiger Slavophile bekannte, war er imstande, sich über unsere Intelligenz und ihre Bestrebungen fast mit einer ebensolchen Bitterkeit auszusprechen, als die gewesen, die ihn in den Blättern des „Denj“ (Tag) so sehr beleidigt hatte. Was aber seine Vorliebe für die feuilletonistische Form der Zeitschriften betrifft, so ist sie bei ihm niemals ganz verschwunden. Er zwang sich sogar manchmal, um des allgemeinen Nutzens willen dazu, ein Feuilletonist und ein Schnellschreiber zu sein. Mit den Jahren jedoch wurde seine Art zu schreiben immer strenger; ja, auch früher schon konnte man in seinen Feuilletons nicht wenige Seiten finden, welche eine künstlerische Kraft und strenge Ausführung zeigten, die weit über die Aufgaben des Feuilletons hinausgingen.“

Wir begegnen also hier abermals einer von jenen Wandlungen tieferer Natur, welche so oft im Leben Dostojewskys vorkommen, von den Gegnern verurteilt, von den Freunden mit mehr oder minder Geschick beschönigt werden. Nach unserer Meinung ist die Verurteilung nicht zutreffend, die Beschönigung überflüssig. Die Verurteilung ist nicht zutreffend, weil es zu oberflächlich ist, das Resultat, welches sich am Zielpunkt einer ernsten Entwickelung ergiebt, einfach als Gegensatz des Ausgangspunktes hinzustellen. Die Beschönigung aber ist überflüssig, weil Dostojewskys Wandlungen und Wendungen nicht in den engen Kräfte-Komplex gezwängt werden dürfen, die man gemeinhin „Festigkeit“, „Charakter“ nennt. Was ihn trieb, seine weiten, unberechenbaren Bahnen um ein unsichtbares Zentrum zu durchlaufen, war jene Kraft, die jedes Urphänomen in sich trägt und die meist erst, wenn die Bahn durchlaufen ist, von Logikern und Moralisten rückblickend begriffen wird. — Dostojewskys Lebensweise entsprach ganz und gar seiner Arbeitsmethode, und es wäre schwer zu sagen, welche von der anderen bedingt war. „Dostojewsky schrieb fast ausschliesslich bei Nacht“, erzählt Strachow und es bestätigt dies seine Witwe. „Um 12 Uhr, wenn alles sich zur Ruhe begeben hatte, blieb er allein mit seinem Samovar, und während er einen kühlen, nicht allzustarken Thee schlürfte, schrieb er bis 5 oder 6 Uhr morgens. Er stand um 2, auch 3 Uhr nach Mittag auf und der Tag verging mit dem Empfang von Gästen, Spaziergängen und Besuchen bei Freunden.“

Der Akt des Schreibens war Dostojewsky eigentlich ein sehr unangenehmer. Er schildert in dem Roman „Erniedrigte und Beleidigte“ seinen eigenen Zustand, wenn er Iwan Petrowitsch die Worte in den Mund legt: „Es ist mir immer angenehmer gewesen, meine Werke in mir herumzutragen, darüber nachzusinnen, wie ich sie schreiben werde, als sie in der That niederzuschreiben, und doch war es nicht Faulheit. Was war es also?“

Strachow antwortet darauf sehr richtig: „Es war die Überfülle geistigen Schaffens, die in ihm brodelte, für die das Niederschreiben eine Unterbrechung war“. „Dennoch phantasierte Theodor Michailowitsch oft davon“ — schliesst Strachow — „was für wunderschöne Dinge er ausarbeiten könnte, wenn er die nötige Musse dazu hätte. Übrigens waren, wie er selbst erzählt, die besten Seiten seiner Werke in einem Zug ohne Umarbeitung entstanden — allerdings als Folge innerlich schon ausgetragener Ideen.“

Mitten in dieser fieberhaften, alle seine Kräfte intellektuell und materiell anspannenden Doppelthätigkeit des Schriftstellers und Wahrheits-Apostels einerseits, des praktischen Redakteurs andererseits, muss man sich den Dichter einer Krankheit unterworfen denken, die sich durch die Aufregungen seines Berufes und seines häuslichen Lebens nur steigerte, ihn oft heimsuchte und immer eine mehrtägige Gedächtnisschwäche und Arbeitsunfähigkeit zurückliess. Über die Art, wie seine Krankheit auftrat, hat er uns im „Idiot“ eine genaue Schilderung gegeben. Sie ist sehr merkwürdig und widerspricht eigentlich dem, was wir sonst von den Erscheinungen vor und nach einem epileptischen Anfalle gehört oder gesehen haben. Strachow erzählt uns als Augenzeuge eines solchen Anfalles darüber Folgendes:

„Die Anfälle seiner Krankheit ereigneten sich ungefähr einmal im Monat — das war der gewöhnliche Verlauf. Allein manchmal, obwohl sehr selten, waren sie häufiger; es kamen sogar zwei Anfälle in einer Woche vor. Im Ausland, das heisst bei grösserer Ruhe, aber auch infolge des günstigeren Klimas, kam es vor, dass vier Monate ohne einen Anfall vergingen. Er hatte immer ein Vorgefühl des Anfalles, es konnte dies indessen auch täuschen. Im Roman „Der Idiot“ ist eine ausführliche Beschreibung der Empfindungen, welche der Kranke in solchem Falle durchmacht. Ich selbst war zufällig einmal Zeuge, wie ein Anfall gewöhnlicher Stärke Theodor Michailowitsch überraschte. Es war wahrscheinlich im Jahre 1863, gerade am Char-Samstag. Er kam spät, um 11 Uhr abends, zu mir, und wir gerieten in ein sehr lebhaftes Gespräch. Ich kann mich des Gesprächsthemas nicht erinnern, aber ich weiss, dass es ein sehr wichtiges und abstraktes Thema war. Theodor Michailowitsch ging in gehobener Stimmung in der Stube auf und ab, ich aber sass am Tische. Er sprach über irgend etwas Hohes und Freudiges. Als ich seinem Gedanken mit einer Bemerkung zustimmte, wendete er mir sein begeistertes Gesicht zu, worin sich zeigte, dass seine Entzückung den höchsten Grad erreicht hatte. Er blieb einen Augenblick stehen, gleichsam Worte für seine Gedanken suchend, und öffnete schon den Mund. Ich sah ihn mit gespannter Aufmerksamkeit an, im Gefühle, dass er etwas Aussergewöhnliches sagen, dass ich eine Offenbarung hören würde. Plötzlich entrang sich seinem Munde ein seltsamer, langgezogener, unartikulierter Laut, und er sank bewusstlos mitten im Zimmer auf den Boden. Der Anfall war diesmal nicht stark. Der ganze Körper streckte sich nur krampfhaft aus und in den Mundwinkeln zeigte sich Schaum. Nach einer halben Stunde kam er zu sich, und ich begleitete ihn zu Fuss nach Hause, da es nicht weit dahin war. Oft hatte mir Theodor Michailowitsch erzählt, dass er vor den Anfällen Minuten eines entzückten Zustandes habe. „Für einige Augenblicke“ — sagt er — „empfinde ich ein solches Glück, wie es in einem gewöhnlichen Zustande nicht möglich ist und wovon andere keine Vorstellung haben können. Ich fühle in mir und in der Welt eine vollständige Harmonie, und dieses Gefühl ist so süss und so stark, dass man für einige Sekunden solcher Seligkeit zehn Jahre seines Lebens, ja meinetwegen das ganze Leben hingeben könnte.[20]

Eine Folge seiner epileptischen Anfälle war die, dass er manchmal zufällig beim Fallen heftig an etwas stiess. Selten zeigte sich Röte im Gesicht, manchmal Flecken. Die Hauptsache aber war, dass der Kranke das Gedächtnis verlor und sich zwei oder drei Tage danach vollkommen zerschlagen fühlte. Seine Seelenstimmung war dann auch eine sehr gedrückte; er konnte seiner Schwermut und Reizbarkeit kaum Herr werden. Der Charakter dieser Schwermut bestand nach seinen Worten darin, dass er sich als ein Verbrecher fühlte; es schien ihm, als drücke ihn eine unbekannte Schuld, eine grosse Missethat nieder.“

Welche Kraft mochte dazu gehören, solche Zustände zu überwinden, und trotz des geschwächten Gedächtnisses in wenigen Nächten zwei bis drei Druckbogen fertig zu stellen! Wenn es noch eines Beweises seiner Kraft bedürfte, so wäre es die rastlose Thätigkeit, welche der Dichter nun, seit Beginn der publizistischen Arbeit, bei der Erfassung und Beleuchtung der brennenden Tagesfragen entfaltete.