„Stellowsky hat im Sommer 1865 meine Werke auf die folgende Weise erworben: Ich war in entsetzlichen Verhältnissen. Nach dem Tode meines Bruders im Jahre 1864 hatte ich viele seiner Schulden auf mich genommen und hatte 10000 Rubel vom Eigenen (welche ich von einer Tante als Erbteil bekam) auf die Fortsetzung der Herausgabe der „Epocha“ — meines Bruders Journal — zu Gunsten seiner Familie verwendet, ohne den geringsten Anteil und ohne das Recht zu haben, meinen Namen als Redakteur auf dem Umschlag des Blattes anzubringen. Das Blatt aber fiel, es musste aufgegeben werden; dennoch setzte ich die Bezahlung der Schulden meines Bruders sowie des Blattes fort. Wie viele Wechsel habe ich da ausgestellt! Unter anderen (sofort nach meines Bruders Tode) einem gewissen D.... Dieser D.... war zu mir gekommen und hatte mich angefleht, des Bruders Wechsel (er war sein Papierlieferant) auf meinen Namen zu schreiben, und gab mir sein Ehrenwort, dass er so lange warten würde, als es mir beliebe. Aus Dummheit that ich es.
Im Sommer 1865 fängt man an, mich mit den Wechseln D.s und eines anderen (ich erinnere mich seines Namens nicht) zu verfolgen. Von der andern Seite präsentierte Gawrilow, der damals in der Druckerei des Pratz arbeitete, ebenfalls einen Wechsel auf 1000 R., den ich ihm ausgestellt hatte, da ich Geld für die Herausgabe jenes, nun fremden, Journals brauchte .... und da, plötzlich, zur selben Zeit, sendet Stellowsky zu mir und lässt mir vorschlagen, ob ich ihm nicht meine sämtlichen Werke, samt einem ganz neuen Roman, um 3000 Rubel verkaufen wolle usw. usw., d. h. also unter den demütigendsten Bedingungen. Wartete ich nur ein wenig, so bekam ich von den Buchhändlern für das Recht der Publikation wenigstens das Doppelte, liess ich mir aber ein Jahr damit Zeit, dann bekam ich sicher das Dreifache, denn ein Jahr später wurde die zweite Auflage von „Schuld und Sühne“ allein gegen 7000 Rubel Schulden eingetauscht (immer Journalschulden — an Bazunow, Pratz und einen Papier-Agenten). Auf diese Weise habe ich für des Bruders Zeitschrift und seine Schulden 22 oder 23000 Rubel verbraucht, d. h. mit meiner Arbeit ausgezahlt, und habe jetzt noch gegen 5000 auf mir lasten. Stellowsky gab mir damals 10-12 Tage Bedenkzeit. Das war auch die Klagefrist für den Schulden-Arrest. Dazu müssen Sie wissen, dass meine Wechsel an D.... von einem gewissen Staatsrat B. (er hatte ehemals auch geschriftstellert, Goethe übersetzt, ist jetzt, wie es scheint, Friedensrichter auf der Wassilewsky-Insel) präsentiert wurden. In diesen 10 Tagen schlug ich mich überall herum, um Geld für die Auslösung der Wechsel zu bekommen und mich dadurch von dem so schimpflichen Handel mit Stellowsky zu befreien. Auch bei B. war ich achtmal, fand ihn aber nie zu Hause. Endlich erfuhr ich durch den Viertelsvorsteher (Quartalnij), den ich kennen lernte, dessen Namen ich vergass, dass B. ein alter Freund Stellowskys sei, seine Geschäfte führe usw. Da willigte ich ein, und wir verfassten jenen Kontrakt, dessen Kopie in Ihren Händen ist. Ich bezahlte D...., Gawrilow und die anderen und reiste mit dem Rest von 35 Halbimperialen ins Ausland.
Im Oktober kam ich mit dem im Auslande begonnenen Roman „Schuld und Sühne“ zurück, nachdem ich mit dem Russkij Wjestnik (Katkow) in Verbindung getreten war und von diesem schon einiges Geld voraus erhalten hatte. Da ich im Sommer den Kontrakt mit Stellowsky unterfertigt hatte, sagte ich diesem geradeaus, dass ich nicht imstande sein würde, den ihm versprochenen Roman bis zum 1. November 1865 zu vollenden. Er erwiderte mir, dass er dies auch nicht verlange und nicht vor einem Jahre die Publikation zu veranstalten gedenke, bat mich aber, zum 1. November 1866 zuverlässiger zu sein. Dies alles wurde mündlich und unter vier Augen verabredet, aber das schreckliche Pönale, wenn ich zum 1. November 1866 nicht fertig werde, blieb im Kontrakt.“
Die Ergänzung zu dieser Kontraktsgeschichte erzählte uns Anna Grigorjewna selbst. Der Dichter hatte nämlich den schon im Jahre 1863 geplanten und in vielen kleinen Notizen, namentlich im Gedächtnisse festgehaltenen Roman „Der Spieler“ Anfang Oktober 1866 zu schreiben begonnen und verlor, da die fatale Frist immer näher heranrückte, so sehr den Mut, dass seine Freunde befürchteten, er werde die Arbeit gar nicht machen können. Da machte ihm Miljukow den Vorschlag, sich einer Hilfskraft zum Schreiben zu bedienen. Dostojewsky weigerte sich anfangs eigensinnig. Doch setzten sich die Freunde mit dem Professor der Stenographie P. M. Olchin in Verbindung, erfuhren von ihm den Namen seiner besten Schülerin A. G. Snitkina und besuchten deren Familie, um dem jungen Mädchen ihre Vorschläge zu bringen. Sie hatte kurz vorher ihre Lehrjahre im Mariengymnasium vollendet und bald darauf ihren Vater verloren. Aus dem Wunsche heraus, ihren Kummer durch Arbeit zu lindern und auch um etwas zu verdienen, entschloss sie sich dazu, des Professors Vorschlag, der ihr durch Dostojewskys Freunde zukam, anzunehmen. Als sie gar hörte, wem sie in der Arbeit helfen sollte, da war das Mädchen voll Freude und Begeisterung, allein auch voll Angst, ob sie wohl dem grossen Dichter, den sie schon sehr bewunderte, genügen würde. Sie trat zitternd bei ihm ein, wurde jedoch bald durch einige freundliche Worte, namentlich aber dadurch ermutigt, dass man sofort an die Arbeit ging und der Dichter sie als Person gar nicht bemerkte. Es waren vom 4. Oktober bis 1. November noch sieben Druckbogen zu schreiben und alle ins Reine zu bringen. Anna Grigorjewna pflegte gegen die Mittagsstunde zu Theodor Michailowitsch zu kommen, wo sie zwei bis drei Stunden miteinander arbeiteten. Zuerst las Dostojewsky das in der von ihr mitgebrachten Reinschrift durch, was er gestern diktiert hatte, dann diktierte er weiter. So ging es bis zum 30. Oktober fort.
Nun war die Erzählung vollendet und wurde an Stellowsky durch Eilboten gesandt. Er war verreist, unauffindbar. Sandte man das Päckchen durch die Post, so kam es einige Tage später in Stellowskys Hände, und Dostojewsky war verloren. Da verfiel die junge, sehr gewandte Stenographin auf die Idee, das Manuskript in das Polizeirayon-Amt zu tragen und sich dort eine Empfangsbestätigung für den Empfänger mit dem Tagesdatum ausstellen zu lassen. Das geschah und der Dichter war gerettet. Die dreitausend Rubel, welche kontraktlich festgesetzt worden waren, hatte Stellowsky mit einer Hand als Herausgeber bezahlt, mit der anderen als Gläubiger der aufgekauften Wechsel, die ihm dazu gedient hatten, den Dichter in die Enge zu treiben, wieder eingestrichen.
So war durch Anna Grigorjewnas flinke Arbeitskraft, mehr noch durch ihre kluge und findige Art, des Dichters Interessen zu fördern, ihm eine unentbehrliche Helferin erstanden, die er nicht mehr missen konnte. Gegen das Ende ihrer Arbeit sprach er einmal den Wunsch aus, sie in ihrem Hause zu besuchen, ihre Mutter und den Grossvater, der mit ihnen lebte, kennen zu lernen. Schon nach wenigen Besuchen erklärte der Dichter Anna Grigorjewna und ihren Angehörigen, dass er seine Gehilfin auch gern zur Lebensgefährtin machen möchte. Das junge Mädchen, das mit grosser Verehrung zum Dichter aufblickte, hatte sich niemals eine solche Annäherung träumen lassen. Auch war Dostojewsky physisch nichts weniger als anziehend. So rief der Antrag des 46 jährigen Mannes in der 20 jährigen, sicher auch lebenslustigen Stenographin anfangs ein erschrecktes Staunen hervor. Doch war es keine kleine Versuchung für sie, an der Seite eines Schriftstellers als Gattin zu wandeln, dessen Ruhm in stetem Steigen begriffen war, an dessen Arbeiten sie thatsächlich und praktisch so viel Anteil nehmen durfte, um ihnen auch Erfolg zuzuführen und ihn, den Dichter, mit der Hoffnung eines sorgenlosen Alters zu beglücken. Sie willigte also ein. „Als ich seine Gattin wurde“ — sagte sie uns —, „da empfand ich nur Verehrung für ihn, aber nach einem Jahre, als ich so viel Liebe und Güte von ihm erfahren hatte, da liebte ich ihn bereits.“ Die Vermählung fand am 15. Februar 1867 statt, nicht ohne vieles Abraten von Seiten der Familie Michael Michailowitsch, welche eine Heirat des Dichters als ihren Interessen schädlich betrachten musste. Auch hier wusste die Klugheit der Neuvermählten, welche eine böse Ehezeit fürchten musste, wenn man in Petersburg blieb, den Dingen eine energische Wendung zu geben, indem sie zur Abreise antrieb, welche ja ohnedies durch die Klagen der Gläubiger und den drohenden Schuldenarrest ratsam geworden war.
Dieser Ehe entsprossen vier Kinder: Sophie, welche am 22. Februar 1868 in Genf geboren wurde und ebenda am 12. Mai desselben Jahres starb. Die zweite Tochter, Ljubow, wurde am 14. September 1869 in Dresden geboren und lebt bei ihrer Mutter teilweise in Petersburg, teilweise auf einer Besitzung in Stara Russa. Ein Sohn Theodor, welcher am 16. Juli 1871 in Petersburg geboren wurde, ist heute der Besitzer eines Gutes in der Krim und eines Rennstalles, dessen Racestuten schon viele Ehren und Preise gewonnen haben. Ein viertes Kind, Alexei, wurde am 12. August 1875 in Stara Russa geboren und starb in Petersburg im Mai 1878.
VIII.
Vierjähriger Aufenthalt im Auslande.
(1867-1871.)
Zwei Monate nach seiner Vermählung, d. h. am 14. April 1867, ging das Ehepaar Dostojewsky nach dem Auslande, wo es, wie Strachow erzählt, weit länger zu bleiben verurteilt war, als es zu verweilen gedacht hatte. In einer Reihe von Briefen aus jener Zeit finden wir die Erklärung dazu. Mit der Rückkehr Dostojewskys nach Russland wären so viele Zahlungen und Verpflichtungen an ihn herangetreten, dass er dem Schuldgefängnisse nicht hätte entgehen können, wo er seiner physischen und psychischen Natur nach unmöglich hätte arbeiten und so weder für die Familie des Bruders noch für seine eigene hätte aufkommen können. Er musste also im Auslande bleiben, um bei unermüdlicher Arbeit endlich die grosse Schuldenlast, welche des Bruders Tod auf ihn gewälzt hatte, allmählich abzutragen.
Dieser Aufenthalt im Auslande wurde, ganz abgesehen von vielen schweren Sorgen, von der fast ausschliesslichen Einsamkeit und den Beschwernissen, welche Familienzuwachs in der Fremde bei beschränktesten Mitteln mit sich bringt, doch ein reicher Erntesegen, sowohl in materieller wie in geistiger Beziehung. Strachow sagt, es sei kein Zweifel, dass gerade im Auslande, bei diesen Umständen und den langen und ungestörten Meditationen, sich in dem Dichter die ganz besondere Ausgestaltung jenes christlichen Geistes vollzog, der immer in ihm gelebt hatte. In seinen Briefen ertönte plötzlich diese Saite seines Wesens, sie begann so mächtig in ihm zu erklingen, dass er es nicht mehr für sich allein zu behalten vermochte, wie er dies früher gethan. Von dieser durchgreifenden Umgestaltung geben seine Briefe jedoch keinen vollkommenen Begriff. Allein für alle seine Bekannten hat sie sich sehr klar gezeigt, als Theodor Michailowitsch von seiner Auslandsreise zurückkam. Unaufhörlich lenkte er das Gespräch auf religiöse Themata. „Nicht genug an dem“ — sagt Strachow — „er war auch in seinem Benehmen mit Menschen, das eine grössere Weichheit erlangt hatte, ja manchmal geradezu zur Sanftmut wurde, verändert. Sogar seine Gesichtszüge trugen die Spuren dieser Stimmung an sich, und auf seine Lippen war ein mildes Lächeln getreten. Ich erinnere mich“ — fährt Strachow fort — „an eine kleine Episode im „Slavischen Comité“. Wir traten zugleich ein und wurden von J. Petrow begrüsst. Wer ist das? fragte mich Theodor Michailowitsch, der ihn entweder nicht kannte, oder vergessen hatte, da er fortwährend auch solche Leute vergass, denen er oft begegnete. Ich sagte es ihm und fügte hinzu: was für ein wunderbarer, höchst wunderbarer Mensch! Theodor Michailowitschs Augen leuchteten freundlich auf, er sah alle Anwesenden mit liebevollem Blicke an und sagte: „Ja, alle Menschen sind wunderschöne Geschöpfe.“