Ehe wir jene Reihe Briefe mitteilen, welche der Dichter im Laufe seiner Abwesenheit von der Heimat an die Freunde schrieb, wollen wir Strachows orientierende Erzählung über die Reisestationen und das Lebensdetail dieses vier Jahre dauernden Exils in Kürze wiedergeben. Das Ehepaar ging im April über Berlin nach Dresden, wo es sich zwei Monate aufhielt. Der Dichter schrieb hier an seinem Artikel: „Meine Erinnerungen an Belinsky“, welchen er erst in Genf vollendete, im September an Maikow schickte, der ihn dem jungen Redakteur einer Sammlung übergab, worauf die Arbeit, sowie auch alle anderen, für diese Sammlung vorbereiteten Artikel, spurlos verschwunden sind. In Dresden war es namentlich Anna Grigorjewna, welche die Galerie eifrig besuchte und studierte. Theodor Michailowitsch besuchte sie wohl auch, beschränkte sich dabei jedoch immer auf seine Lieblinge: „Die Sixtina“, Correggios „Nacht“, Tizians „Zinsgroschen“, den Christuskopf von Annibale Caracci und die „Abendlandschaft“ Claude Lorrains. Ausserdem liebte er die Gemälde Rujsdaels, namentlich seine „Jagd“.

Hier schalten wir eine kleine Episode ein, welche wir aus dem Munde Anna Grigorjewnas haben und welche einmal durch den Briefwechsel des Dichters mit seiner Gemahlin, in welchen sie uns Einblick gewährte, ihre eigentliche Beleuchtung erhalten wird.

Kaum drei Monate verheiratet und in Dresden in den bekannten, sehr engen Verhältnissen lebend, beschliesst Dostojewsky von dort aus einen Abstecher nach Homburg zu machen, wo das Roulettespiel noch in voller Blüte stand, um noch einmal (wohl nicht zum letzten Male) sein Glück zu versuchen. Die kluge junge Gattin widersetzt sich diesem Vorhaben durchaus nicht; weiss sie ja doch, dass in solchem Falle ein Begehren sich ins Unerträgliche steigern und den Hausfrieden stören kann. Auch ist sie klar genug, zu erkennen, dass es nicht nur der praktische Beweggrund — so viel zu gewinnen, um eventuell in die Heimat zurückkehren zu können — allein ist, der den Dichter aus Dresden forttreibt, sondern wohl in ebenso hohem Grade sein nervöses und künstlerisches Bedürfnis nach der Aufregung des Spiels. Beide fühlen das ohne es auszusprechen, und so nimmt er hundert Thaler mit, die ihm zum Glück helfen sollen, über deren Verlust hinaus aber er nichts riskieren will. Nun beginnt jenes aufregende hinauf und hinab von Furcht und Hoffnung des Spielzufalls, das wir in seinen täglichen Briefen an die Gattin sich getreu wiederspiegeln sehen. Selbstanklage, Zerknirschung, Verhimmelung des jungen Weibes, das so geduldig alle diese Wendungen mit ihm durchlebt, ihre letzten besseren Sachen versetzt, um ihm noch einmal Geld zu senden, das die versetzte Uhr auslösen, ihn heimbringen soll, dies alles ohne Vorwurf und Bitterkeit lassen sowohl seinen, vom Augenblick und der Leidenschaft so oft beherrschten „schlechten Charakter“, wie er es nennt, unendlich plastisch hervortreten, sowie sein dankbares Verhältnis zur klugen jungen Frau, die ihn durch Nachgiebigkeit und unmerkliche Führung so gut zu lenken weiss.

Um die Mitte des Monats Juni 1867 reiste das Ehepaar von Dresden ab, um in die Schweiz zu gehen. In Baden-Baden wurden sie jedoch sechs Wochen festgehalten, da sich Theodor Michailowitsch abermals zum Spiel hatte hinreissen lassen, anfangs gewonnen, dann aber so viel verloren hatte, dass er sich nur mit dem von Katkow ihm gesandten Gelde loskaufen konnte und mit einem Rest von 30 Frcs. in der Tasche in Genf ankam. Seine Stimmung jedoch, sagt Strachow, wurde sofort eine bessere, als er nur der ihn wie ein Alp drückenden Vorstellung, am Roulettetisch gewinnen zu müssen, entronnen war.

In Genf brachte das Ehepaar den Winter 1867-68 zu, wo er den „Idioten“ schrieb, welcher Roman im „Russkij Wjestnik“ mit dem Januar 1868 zu erscheinen begann. Ihr Leben war einsam und einförmig. Um 11 oder 12 Uhr stand der Dichter auf, trank Kaffee und setzte sich zur Arbeit, an der er bis 3 Uhr verblieb. Dann diktierte er seiner Gattin aus dem Brouillon. Um 4 Uhr ging man in irgend ein Restaurant zu Tische. Dann las er im Lesesaal russische Zeitungen. Gegen Abend machte man einen Spaziergang, dann nahm man den Thee, worauf sich Theodor Michailowitsch ungefähr um 10 Uhr abends an sein Werk begab und bis 4-5 Uhr morgens arbeitete. Von Bekannten war niemand da, ausser Ogarew, welcher sie hier und da besuchte und ihnen in Zeiten grosser Not manchmal 5-10 Frcs. lieh. Am 22. Februar 1868 wurde ihnen das erste Töchterchen, Sophie, geboren; am 7. Mai desselben Jahres erfolgte deren Tod, den der Dichter so schwer empfunden und nie verwunden hat. Das Leben in Genf hatte für das Ehepaar aber auch noch manche andere Beschwerden und Unannehmlichkeiten, so dass sie sich Ende Mai davon losrissen und in Vevey ansiedelten, wo sie den Sommer über verblieben. Anfangs September gingen sie über den Simplon nach Italien, brachten zwei Monate in Mailand zu und liessen sich für den Winter 1868-69 in Florenz nieder. Die ganze Zeit wurde die Arbeit am „Idiot“ fortgesetzt, dessen Schluss als Separat-Anhang des „Russkij Wjestnik“ im Januar- oder Februarheft 1869 erschien.

War „Schuld und Sühne“, ohne dass man dies in Europa beachtete, ein spezifisch russisches Buch, der Roman der russischen Prinzipien und Probleme, so finden wir im „Idiot“, der, wie wir sahen, im Auslande begonnen und vollendet wurde, etwas ganz anderes in Wirksamkeit treten. Die Gestalt des Helden bietet den Russen kein neues Problem, hat kein neues Wort für sie, während zugleich die vielen Figuren des Beiwerks, mit sichtlichem Zorn und unnachsichtiger Härte hingestellt, in seinen Landsleuten Unwillen ob der Parteilichkeit erwecken mussten, mit welcher der Dichter die Gesinnungsgenossen einer „längst vergangenen Zeit“ brandmarkt. Dostojewsky hat dies später, in dem Roman „Die Besessenen“ noch in höherem Masse durchgeführt.

Für die europäische Lesewelt steht die Sache jedoch anders. Auch sie wird vieles in der Komposition dieses Buches fehlerhaft, die Charaktere der jungen Generation übertrieben, die Handlung gedrängt und doch lose, den Ton ungleich finden, und es wird ihr gerade dieses Scharfe, Krause, Wirre des Beiwerks russisch grausam erscheinen müssen. Die Gestalt des Helden aber, welche dem Russen, als allzuverwandt mit seiner Volksseele, kaum auffällt, ja vielleicht lächerlich erscheint, sie wird uns mit allen Mängeln der Dichtung aussöhnen.

Betrachten wir dies Buch aber weder vom Standpunkt des russischen, noch dem des deutschen Lesers, sondern, da wir ja schon die späteren Werke des Dichters kennen, im Hinblick auf seinen Werdegang, so finden wir darin, ganz im Gegensatz zu den russischen, zeitgenössischen Kritikern (welche die immer schärfer hervortretende Verbissenheit tadeln), die neue Form seiner christlichen Anschauungen sich immer klarer und deutlicher aus der Umgebung widerstreitender Erscheinungen herausschälen.

Fanden wir bei Raskolnikow die Hoffnung auf eine innere Sühne der Schuld durch ein künftiges christliches Glauben und Lieben, so steht hier in diesem „Idioten“ eine Verkörperung hoher, christlicher Weisheit, ohne jegliches „Prinzip“, ohne Zwang, in grösster Anmut vor unseren Augen.

Vollendet künstlerisch, wie alle Expositionen Dostojewskys setzt die Erzählung ein. Schon nach den ersten Seiten wissen wir, dass der Held, der junge Fürst Myschkin, kein Idiot ist, sondern der „reine Thor“, jene herrliche Gestalt, welche in der Litteratur so vieler Völker wiederkehrt, in der deutschen Sage im Parsifal unsterblich lebt, beim russischen Volk aber nicht sagenhaft, als Held, sondern als ein Kind des Volkes, „Iwanuschka-Duratschók“ noch heute lebendig unter ihm einherwandelt, belächelt und bemitleidet von seiner Umgebung, die selbst dereinst ein Stück russischer Sage darstellen wird.