Der junge Mann kommt aus der Schweiz in Petersburg an; er ist ärmlich gekleidet, so dass ihn im Waggon dritter Klasse friert; er hat sein ganzes Hab und Gut in einem Bündelchen bei sich und erzählt seinen Reisegefährten mit der Bereitwilligkeit eines Kindes, dass er, der letzte seines Namens, durch die Güte eines väterlichen Freundes bei einem Schweizer Arzt auf dem Lande untergebracht worden war, wo er von nervösen Anfällen geheilt werden und, so weit es seine Krankheit zuliesse, unterrichtet werden sollte. Seine Gesundheit sei viel besser geworden, seine Erziehung aber dennoch sehr lückenhaft geblieben. Vor zwei Jahren sei der Wohlthäter gestorben, der freundliche Arzt habe ihn aber dennoch bei sich behalten, habe väterlich für ihn gesorgt und ihn erst jetzt aus einem bestimmten Anlass nach Petersburg geschickt, ihm die Reise bezahlt, aber weiter nichts mitgeben können, so dass er nun ohne eine Kopeke anlange und noch nicht wisse, was er beginnen werde. Seine Reisegefährten sind: Rogoschin, der Sohn eines ebenso reichen als geizigen und despotischen Kaufmannes, dem er vor kurzem 10000 Rubel entwendet hat, um sie einer berühmten Schönheit zweifelhaften Rufes zu verehren. (Nun ist der Vater plötzlich gestorben und er kehrt zurück, um sein Erbe anzutreten.) Ferner ein mit allen Salben geriebener kleiner Beamte, schlechtester Sorte. Beide lächeln über die Harmlosigkeit des jungen Fürsten, der selbst erzählt, man hätte ihn in der Schweiz einen Idioten genannt, was er auch sicherlich ohne die treue Pflege jenes Arztes geworden wäre, nun aber nicht sei, wenn er sich auch noch nicht ganz genesen nennen könne.

Als die Rede auf jenes schöne Mädchen, Nastassja Philippowna, kommt, das der Kaufmannssohn leidenschaftlich zu begehren scheint, bekennt Myschkin (zu Rogoschins grosser Freude und Erleichterung) freimütig, dass er immer zu krank gewesen sei, um je ein Weib zu kennen. Damit ist auch für den Leser das Bild Myschkins als das eines Zuschauers in Liebesangelegenheiten klar, was seinen warmen, ja leidenschaftlichen Anteil an Nastassja, sowie später an Aglaia Epantschina, der jüngsten Generalstochter, die ihn liebt, in das reinste Licht stellt.

Nachdem die Reisegefährten angekommen sind, bietet Rogoschin dem Fürsten seine Gastfreundschaft und Hilfe an. Dieser will sich vorerst an den General Epantschin wenden, dessen Gattin ebenfalls eine Fürstin Myschkin ist, und hofft sich dort wegen der Angelegenheit, um derentwillen ihn der Pfleger in die Heimat geschickt hatte, Rat holen zu können. Da er keinen Wert auf diese Sache legt, sie nur nebenher erwähnt und hilflos-vergnügt mit seinem Bündelchen weiter zieht, fragt auch niemand nach dieser Angelegenheit, und er tritt nach einem schüchternen Läuten in die Vorstube des Generals ein, wo ihn ein Kammerdiener misstrauisch von oben bis unten ansieht und endlich gnädig hereinlässt. Die hier folgende Scene, da der junge Fürst seinen Namen nennt, aber mit seinem Bündelchen in der Hand lieber in der Dienerstube bleibt, als dass er in das Wartezimmer der Gäste ginge, ist ganz ausserordentlich geschildert.

Der Diener hält den Besucher natürlich bald für einen „Idioten“, gewinnt aber allmählich und unbewusst Sympathie und eine gewisse Achtung für diesen jungen Menschen, den er gleichwohl nirgends einzureihen weiss. Für den Leser ist aber von den ersten Worten, die Myschkin spricht, sichtbar geworden, dass da ein Wesen tiefster Herzenskundigkeit, weltfremd und unerfahren, doch in den letzten Dingen hellsehend und weise sich entfalten wird. Zugleich kindhaft vertraulich und streng bestimmt in ihren sittlichen Forderungen, lässt uns diese genialische Seele keinen Augenblick über sich im Zweifel. Die Krankheit, welche er nun fast ganz überwunden, ist auch hier sehr künstlerisch verwendet. Nicht ein Hemmnis oder eine Beugung des Charakters durch sie wird hier sichtbar, sondern sie hinderte den jungen Geist am Lernen, so dass auch darüber kein Zweifel sei, dass wir es nicht mit einem „gebildeten Geist“ zu thun haben, sondern mit einem natürlich entfalteten Wesen.

Manche russische Kritiker haben es abfällig beurteilt, dass Dostojewsky dem Fürsten Aussprüche tiefster Weisheit in den Mund legt. Wir können diesem Urteil nicht beipflichten. Der Dichter hat es wohl abgewogen, welcher Art die Weisheit sein müsse, die er den jungen Menschen aussprechen lässt. Immer ist es eine auf das Reinmenschliche gerichtete Wahrheit, eine Feinheit, die aus dem Gemüt quillt und zum Gemüt dringt, keinerlei Reflexions- oder Dogma-Weisheit. Und selbst da, wo Myschkin über den Katholicismus spricht, holt er seine Ansichten aus anderen Quellen, als einer erworbenen Tradition oder einem ausgeklügelten Axiom. Hören wir, was er gleich zu Anfang der Erzählung mit dem Kammerdiener des Generals in der Dienerstube über die Todesstrafe sagt. Der Diener fragt nach dem Auslande, den Sitten, der Gerichtsbarkeit, den Strafen. Da erzählt Myschkin, er habe in Lyon einer Hinrichtung durch die Guillotine beigewohnt, und beschreibt die Guillotine, wie sie so schnell arbeite. Auf des Kammerdieners Antwort, das sei noch gut, wenn es so schnell geschehe, sagt Myschkin:

„Wisst Ihr was? — seht, das habt Ihr bemerkt und das bemerken alle so wie Ihr, und darum ist diese Maschine, die Guillotine, so ersonnen. Mir aber ist gerade damals ein Gedanke in den Kopf gekommen: wie wenn gerade das noch schlimmer wäre? Das scheint Euch lächerlich, ja toll; bei einiger Vorstellung kommt einem aber doch so ein Gedanke in den Kopf. Bedenket: wenn man z. B. die Folter nimmt, dabei giebt es Schmerzen und Wunden, körperliche Qualen; das alles aber zieht ja von der seelischen Qual ab, so dass Du Dich nur mit den Wunden abquälst bis zum letzten Augenblick, bis zum Tod. Aber der Hauptschmerz, der heftigste Schmerz, ist ja vielleicht nicht in den Wunden, sondern darin, dass Du weisst, nun wirklich weisst, dass nach einer Stunde, dann nach zehn Minuten, dann nach einer halben Minute, dann sofort — Deine Seele dem Körper entflieht, dass Du dann kein Mensch mehr sein wirst und dass das schon sicher sein wird; die Hauptsache ist, dass es wirklich geschehen wird. Siehst Du, wenn Du den Kopf unter das Messer legst und hörst, wie es über ihm knirscht, diese Viertelsekunde, siehst Du, das ist das schrecklichste von allem. Wisst Ihr, das ist nicht meine Phantasie, das haben viele gesagt. Ich bin so überzeugt davon, dass ich Euch offen meine Meinung sagen will. Einen Totschlag mit einem Totschlag zu sühnen ist eine unermesslich grössere Strafe, als das Verbrechen selbst. Das Töten infolge eines Urteilsspruchs ist unvergleichlich furchtbarer, als der Totschlag eines Räubers. Derjenige, welchen die Räuber erschlagen, bei Nacht, im Walde oder sonst wie zerhauen, hofft unbedingt, bis zum letzten Augenblicke, noch auf Rettung. Es hat Beispiele gegeben, da Einer, dem schon die Gurgel durchschnitten war, noch hoffte, dass er noch lief oder flehte. Hier aber nimmt man ihm diese ganze letzte Hoffnung, mit der zu sterben es zehnmal leichter ist; man nimmt sie ihm thatsächlich, unwiderruflich fort. Hier ist ein Urteilsspruch und darin, dass Du ihm wirklich nicht entrinnen kannst, darin sitzt ja die furchtbare Qual. Und eine furchtbarere Qual als diese giebt es nicht auf der Welt. Stellt einen Soldaten im Krieg vor die Mündung einer Kanone und schiesst auf ihn, er wird immer noch hoffen, aber leset diesem nämlichen Soldaten das wirkliche Todesurteil vor, so wird er wahnsinnig[23], oder er fängt an zu weinen. Wer hat gesagt, dass die menschliche Natur imstande ist, das auszuhalten, ohne verrückt zu werden? Wozu ist eine solche Beschimpfung, eine so unsinnige, unnötige, so unnütze? Vielleicht giebt es auch einen solchen Menschen, dem man sein Urteil vorgelesen, den man sich abquälen liess und dem man dann gesagt hat: „Geh hin, man hat Dir verziehen“; das wäre ein Mensch, seht ihr, der was erzählen könnte! Von dieser Qual und diesen Todesschrecken hat auch Christus gesprochen. Nein! mit einem Menschen darf man nicht so verfahren!“

Wir wissen, dass Dostojewsky hier die bitterste Frucht seines eigenen Lebens dem jungen Myschkin in den Mund legt, doch ist dies so glaubwürdig aus dem Herzen des „Idioten“ herausgesagt, dass dieser Ausspruch, den des Dichters eigene Erfahrung gereift, hier wie eine Ahnung möglicher Qualen, wie ein Protest gegen diese das weiche und doch feste Empfinden des jungen Mannes beleuchten. Mit diesem Gespräch und dem gleich darauf folgenden Besuch bei der Familie des Generals, wo er der Generalin und ihren drei schönen Töchtern einiges aus seinem Leben in der Schweiz erzählt, ist gleichsam das „Leitmotiv“ des ganzen Romans angeschlagen, durch dessen wirre, gedrängte, mit Personen und Zufälligkeiten überfüllte Handlung die Gestalt des Idioten wie ein irrender Sonnenstrahl hindurchgleitet.

Der Kritiker Michailowsky nennt Dostojewsky in einem geistvollen Essay „ein grausames Talent“ und meint, die „Wollust an unnützer Qual der Nebenmenschen“ sei das charakteristische Merkzeichen seiner schriftstellerischen Thätigkeit, die sich immer nur um das Verhältnis von Wolf und Schaf herumbewege. In der ersten Hälfte seiner litterarischen Laufbahn sei Dostojewsky mit Vorliebe bei den Leiden des Schafes verweilt, das vom Wolf gefressen werde, später aber habe er mit wahrer Wollust die Gefühle des Wolfes geschildert, der das Schaf auffrisst. Diese Vorstellung hat Michailowsky sich wohl aus dem Eindrucke geholt, welchen der „Idiot“ und später „Die Besessenen“ in ihm mochten hervorgerufen haben. Es giebt in der That kaum je eine Lektüre, welche stellenweise solche Qualen hervorzurufen vermöchte. Allein die Deutung Michailowskys ist durchaus herbeigezwungen, denn auch hier, in diesen „grausamsten“ Werken des grossen Dichters und ganz besonders im „Idioten“, wiewohl er künstlerisch weit schwächer ist als „Die Besessenen“, steht er nicht nur auf der Seite des Schafes, sondern er löst die heitere, unbefangene, starke und überzeugte Milde seines Helden wie einen glänzenden Kern aus dem stachlichen Gehäuse des um ihn sich schliessenden Lebens heraus. Diese Lebens-Umgebung, diese Menschen und ihre Zustände, namentlich aber ihr Verhalten gegen den kranken und durch das Mitleid so überaus erregbaren jungen Mann, das alles hat etwas Widerwärtiges an sich, das indessen nur zur Hälfte als Vorwurf auf des Dichters Rechnung zu setzen ist. Wo er die junge Generation nihilistischer, atheistischer Färbung schildert, da ist er beissend, ja bissig bis ins Ungerechte, subjektiv bis zur Blindheit. Er, der im gemeinen Verbrecher des Totenhauses den göttlichen Funken, die „russische Wahrheit“ sucht und findet, ist unerbittlich gegen Verirrungen und Trugschlüsse des Geistes, Irrtümer des Herzens, die er selbst einmal geteilt hatte. Hier liegt die Vermutung nahe, dass er eben darum, weil er gelernt hatte, diese Richtung in sich selbst aufrichtig zu verdammen, das Mass für die Beurteilung der selben Ideen in Anderen verlor. Was uns aber sonst als quälend und unbehaglich in der Umgebung Myschkins entgegentritt, ist das zusammengewürfelte Milieu, das in Russland in gewissen mittleren Kreisen sich bildet, dem der Dichter in jüngeren Jahren wohl selbst mochte angehört haben, das ihn aber sicher als Romancier mehr locken musste, als die ausgeglichene Eleganz der hohen Kreise oder die Einheitlichkeit des Dorflebens.

In diesem mittleren Milieu brodelt das vielfältigste Leben. Es verkehren Menschen mit einander, die ursprünglich nicht zusammen gehörten. Die einen wollen hinauf, die andern müssen hinunter, alle wollen leben, geniessen, verdienen, wenigstens nicht verlieren, etwas gelten, ihren Leidenschaften freien Lauf lassen. Das kostspielige Leben der Hauptstadt gestattet vielen dieser Existenzen nicht, ein eigenes Quartier zu mieten. Man wohnt in Aftermiete (meblirovannye komnaty); der verabschiedete General, der kleine Beamte mit seiner Familie, die Gutsbesitzerswitwe mit ihrer Tochter, verwitterte Excellenzen, versoffene Kollegienräte, Hochstapler, Spieler, Cigaretten rauchende „Generalinnen“, das alles lebt in einzelnen Zimmern auf einem Gange „bei Vermietern“. In den Mietwohnungen minderen Ranges entsteht eine Gemeinschaft des Lebens; man lebt mit, man zieht bald zu dem einen, bald zu dem anderen der Stubennachbarn, man führt politische Gespräche, trinkt, spielt bis tief in die Nacht, streitet und versöhnt sich usw. Jener merkwürdige Typus „verlorener Kinder“ wie sie Dostojewsky als Sonja in Schuld und Sühne, als Nastassja Philippowna im Idiot schildert, ist auch aus diesem Milieu hervorgeholt. Was einer solchen Menschengemeinschaft vom Standpunkt geordneter und vornehmer Verhältnisse als Makel anhaften muss, das bildet wohl einen Vorzug im Leben jener von unserer Gesellschaft zur Schmach erzogenen Wesen. Dostojewsky, der konservative Politiker, ist als Mensch im weitesten Sinne frei und zeigt uns in diesen Gestalten eine merkwürdige Mischung von Verderbnis und Naivetät.

Ganz besonders in Nastassja Philippowna ist diese Keckheit und dieser Stolz der „Verlorenen“, die sich verschenkt, aber nicht verlizitieren will, ganz herrlich hingeworfen. Auch sie, wiewohl sie schon „vom Stoff der Schuld“ viel mehr in sich trägt, als die sanfte Sonja, ruft der Dichter durch Myschkins Mund zum „Liebesmahle“ heran. Myschkin hat ihr Bildnis gesehen, er soll es aus des Generals Kanzlei zu den Damen hinüberbringen. In einem der leeren Säle, die er, das Bild in der Hand, durchschreitet, bleibt er stehen, betrachtet dieses schöne, bleiche, magere Gesicht mit den tiefen Augen und — drückt plötzlich einen innigen Kuss darauf. Wir bleiben aber nicht lange über den Sinn dieses Kusses im Unklaren. Als er bei den Damen sitzt und ihnen von der Schweiz erzählen muss, da sagt er, dass er dort so überaus glücklich gewesen sei. Man lächelt, fragt, nötigt ihn zu reden. „Ich war nicht verliebt — ich war dort .. anders glücklich.“ Nun dringt man noch mehr in ihn und er fährt fort: „Dort — waren immer viele Kinder und ich war die ganze Zeit mit Kindern, nur mit Kindern. Es waren die Kinder aus jenem Dorfe, der ganze Tross, der dort in die Schule ging. Nicht, dass ich sie unterrichtet hätte — o nein, dazu war der Schulmeister da, Jules Thibaut; übrigens habe ich sie wohl auch gelehrt, aber ich war die meiste Zeit nur so mit ihnen — und so sind mir vier Jahre vergangen. Ich brauchte nichts anderes. Ich sprach mit ihnen über alles, habe ihnen nichts verheimlicht. Ihre Eltern und Verwandten wurden alle böse auf mich, weil die Kinder zuletzt gar nicht mehr ohne mich sein konnten und sich immer um mich scharten. Auch der Schullehrer wurde am Ende mein grösster Feind. Es erstanden mir dort viele Feinde und alle um der Kinder willen. Sogar Schneider (jener Arzt, der ihn aufgenommen hatte) beschämte mich. Aber was fürchtete er denn? Einem Kinde kann man alles sagen — alles. Mich hat immer der Gedanke frappiert, wie schlecht doch die Grossen die Kinder kennen, ja wie schlecht Väter und Mütter ihre eigenen Kinder verstehen. Vor Kindern braucht man nichts zu verbergen, unter dem Vorwande, dass sie klein sind und es zu früh für sie sei. Was für ein trauriger und unglücklicher Gedanke! Und wie gut bemerken es die Kinder selbst, dass die Eltern sie für zu klein erachten, um etwas zu verstehen, während sie alles verstehen. Die Erwachsenen wissen es nicht, dass ein Kind auch in der schwersten Sache einen richtigen Ratschlag zu geben vermag. Ach Gott, wenn dich dieses gute Vögelchen ansieht, so vertrauensvoll und glücklich, so muss man sich ja schämen es zu betrügen“. — Weiter heisst es dann: „Anfangs lachten mich die Kinder aus, dann warfen sie sogar Steine auf mich, als sie es gesehen hatten, wie ich Marie küsste. Ich habe sie aber ein einziges Mal geküsst .... Nein, lachen Sie nicht, beeilte sich der Fürst zu sagen, um das Lächeln seiner Zuhörerinnen aufzuhalten — da war nichts von Liebe vorhanden. Wenn Sie wüssten, was das für ein unglückliches Geschöpf war, so würde Ihnen selbst sehr leid um sie, gerade wie mir. Sie war aus unserem Dorfe usw.“