Nun erzählt der Fürst die Geschichte dieses armen, demütigen Wesens, das sich mit niedrigster Arbeit einige Kopeken verdiente; dabei war sie schwindsüchtig. Einmal war ein französischer Kommis des Weges daher gekommen, hatte sie bethört und mit sich genommen, nach acht Tagen wieder fortgejagt. Da war sie die vielen Werst zu Fuss zurückgegangen, eine ganze Woche lang, war in Lumpen gehüllt, elend, erkältet heimgekommen. Die Mutter, welche einen ganz kleinen Handel im Fenster ihrer Kammer versah und davon lebte, beschimpfte sie, gab sie dem Hohn und den Schmähungen der Dorfbewohner preis. Man nahm sie nirgends mehr zur Arbeit, und selbst der Kuhhirt wollte ihr keinen Teil der Herde anvertrauen. Schweigend ging sie aber doch dem Vieh nach und hütete es gut, sodass er ihr hie und da etwas Brot und Käse gab. Da war es, dass der junge Fürst sie einmal traf und ihr 8 Francs gab, die er für eine kleine Diamantnadel eingelöst hatte.

„Ich hatte lange getrachtet, Marie allein zu treffen, endlich begegnete sie mir hinter dem Dorfe, beim Zaun, an einem Seitenpfade hinter einem Baum. Hier gab ich ihr die 8 Francs und sagte ihr, sie möge sie gut bewahren, weil ich weiter nichts haben würde. Dann aber küsste ich sie und sagte ihr, sie möge nicht denken, ich hätte böse Absichten, dass ich sie nicht darum küsse, weil ich etwa in sie verliebt sei, sondern weil sie mir so sehr leid thue und ich sie von Anfang an nicht im geringsten für schuldig, nur für sehr unglücklich erachtet hätte. Ich hatte so sehr den Wunsch, sie auch gleich zu trösten und zu überzeugen, dass sie sich nicht vor allen so zu erniedrigen habe, aber sie hat das, scheint es, nicht verstanden.“ „Dann, als ich geendet hatte, küsste sie mir die Hand, und ich ergriff sogleich die ihre und wollte sie auch küssen, allein sie zog sie rasch zurück. Da erblickten uns plötzlich die Kinder, eine ganze Schar. Ich erfuhr nachher, dass sie mich schon lange belauscht hatten. Sie begannen zu pfeifen, mit den Händchen zu klatschen und zu lachen, Marie aber lief davon. Ich wollte sprechen, sie aber begannen Steine auf mich zu werfen.“

Weiter fährt er fort: „Ich erzählte ihnen, wie unglücklich Marie sei; bald hörten sie auf zu schmähen und gingen schweigend davon. Nach und nach begannen wir miteinander zu reden; ich verbarg ihnen nichts, erzählte ihnen alles. Sie lauschten mit vielem Interesse und begannen bald Marie zu bemitleiden. Manche von ihnen begrüssten sie nun schon zärtlich, wenn sie ihnen begegnete“ usw. — Zuletzt riefen ihr die Kinder oft zu: „nous t’aimons Marie“! Als sie stirbt, überschütten sie die Kinder mit Blumen, legen ihr einen Kranz aufs Haupt und wollen den Sarg zum Friedhof tragen. Da sie es nicht vermögen, folgt die ganze Schar ihm weinend nach, und der Grabhügel blüht seither unter ihrer Obhut. Er aber, der junge Fürst, wird der Kinder unzertrennlicher Genosse und Berater, wenn auch vom Pastor und dem Lehrer angefeindet. Auch sein Beschützer, der Arzt Schneider, tadelt ihn darob und nennt ihn ein „ewiges Kind“.

Endlich fertigt ihn dieser nach Russland ab, und wir ersehen am ersten Abend nach der Ankunft Myschkins, um was es sich da handelt. Der junge Fürst ist ungeladen zu jener Schönen, Nastassja Philippowna, gekommen, wohin eine Gesellschaft zusammengerufen worden, um ihren Entschluss zu hören: ob sie, mit einer Mitgift ihres ehemaligen Liebhabers ausgestattet, Ganja Iwolgin, einen jungen Streber, der sie um dieses Geldes willen nehmen will, heiraten wird oder nicht.

Myschkin ahnt, dass er hier etwas zu sagen oder zu thun haben werde, und tritt nun, seine Scheu überwindend, in die verblüffte Gesellschaft. Man hat sich jedoch bald mit dem ungebetenen Gaste zurecht gefunden, denn der Abend soll ja anderes, Wichtigeres bringen. Alles ist gespannt. — Da stürzt Rogoschin, des Fürsten wüster Reisegefährte, mit einem Schwarm betrunkener Genossen herein und legt ein Päckchen von 100000 Rubeln auf den Tisch, womit er Nastassja als Geliebte für sich loskaufen will; diese schleudert nun, krampfhaft lachend, eine wilde Herausforderung den Anwesenden, namentlich dem sie verheiratenden alten Liebhaber Totzky ins Gesicht.

„Auch noch verpflichtet wäre ich ihm, so meint er wohl; er hat mir ja eine Erziehung gegeben, mich wie eine Gräfin gehalten, und Geld, wieviel Geld ist da aufgegangen! Einen anständigen Gatten hat er mir gesucht, schon dort, und hier nun diesen. Und was glaubst du — ich habe diese fünf Jahre nicht mit ihm gelebt, habe aber Geld von ihm genommen und gedacht, ich sei im Recht! Ganz unsinnig bin ich ja geworden! Du sagst: Nimm die Hunderttausend und jag’ ihn fort, wenn’s dich ekelt. Freilich ist es ekelhaft .... Ich hätte auch schon lange heiraten können und andere, als diesen hier — aber das ist ja schon gar ekelhaft! Und wofür habe ich meine fünf Jahre in diesem Zorn vergeudet? Und wirst du’s glauben (sie wendet sich da an eine Freundin) oder nicht, dass ich vor etwa vier Jahren zeitweise daran gedacht habe, ob ich nicht kurzweg meinen Athanasji Iwanowitsch nehmen sollte? Das hab’ ich damals aus Bosheit so gedacht; es ist mir damals nicht wenig im Kopf herumgegangen. Ich hätte ihn sicher dazu vermocht, das glaube mir! Er hat selbst einmal dazu gedrängt, ob du’s glaubst oder nicht! Freilich, er hat gelogen, denn er ist schon gar zu gierig, hält nicht Stand. Und später, Gott Lob, ist mir eingefallen: ist er einer solchen Bosheit wert? Da hab’ ich einen solchen Abscheu vor ihm bekommen, dass, wenn er auch um mich gefreit hätte, ich ihn nicht genommen hätte. Ganze fünf Jahre habe ich so forciert! Nein, da ist’s schon besser auf die Strasse, wohin ich auch gehöre! Entweder mich mit Rogoschin verlottern, oder morgen unter die Wäscherinnen gehen! Denn es ist nichts mein eigen, was ich da trage. Geh’ ich fort, so werf ich ihm alles hin, den letzten Fetzen lass’ ich hier — wer aber nimmt mich ohne alles — frage nur den da, Ganja, ob er mich nimmt? Ja, auch Ferdyschtschenko (der Spassmacher der Gesellschaft) nimmt mich nicht! ....“

„Ferdyschtschenko nimmt Euch vielleicht nicht, Nastassja Philippowna, ich bin ein aufrichtiger Mensch“, unterbrach sie dieser; „dafür hingegen — nimmt Euch der Fürst! Ihr sitzet so da und lamentiert — schaut nur einmal den Fürsten an! Ich beobachte ihn schon lange ...“

Nastassja Philippowna wendet sich neugierig nach dem Fürsten um.

„Ist es wahr?“ fragt sie ihn.

„Es ist wahr,“ sagt er leise.