Da habe ich nun folgende Massregel ergriffen: Heute zugleich mit diesem Briefe an Sie sende ich ein Schreiben an Kaschpirew persönlich, da ich weiss, dass Strachow nicht in Petersburg ist. In diesem Schreiben schildere ich anfangs meine Lage, erwähne meine Übersiedelung, die Geburt eines Kindes (alles wie sich’s gehört), habe aber dabei gelogen, dass mir fünfzehn Thaler geblieben seien, während nicht einmal zehn da sind, und schliesse mit der Bitte, mir auf folgender Grundlage 200 Rubel zu senden. Da ich im gegenwärtigen Augenblick an einer Erzählung für die „Zarjá“ arbeite und diese Arbeit schon bis zur Hälfte gediehen ist (dies alles ist richtig), so sehe ich erstens: dass die Erzählung einen Umfang von 3½ Bogen des „Russkij Wjestnik“ (d. h. fast 5 Bogen der „Zarjá“) haben wird. Dies ist das Minimum. Da ich nun schon im Frühling 300 Rubel von der „Zarjá“ erhalten habe, habe ich demnach nach Vollendung der Erzählung ungefähr für 1½ Bogen nachgezahlt zu bekommen. Obwohl sie noch nicht vollendet ist, wird sie doch Ende Oktober gewiss in die Redaktion der „Zarja“ gesandt. Dies ist ganz sicher. Zweitens: obwohl ich nicht das Recht habe, auf dieser Grundlage jetzt Geld voraus zu verlangen, so bitte ich ihn doch, um meiner kritischen Lage willen als Christ mir auszuhelfen und die 200 Rubel zu senden. Da dies aber gleich zu bewerkstelligen schwer sein wird, so bitte ich ihn, nur 75 Rubel sofort abzusenden (dies um mich aus dem Wasser zu ziehen und mich nicht umfallen zu lassen). Dann, zwei Wochen nach dieser ersten Sendung, bitte ich ihn weitere 75 Rubel zu schicken und zuletzt zugleich mit dieser letzten Sendung Ihnen [Apollon N. Maikow] 50 Rubel auszufolgen. Auf diese Weise wird die erbetene Summe von 200 Rubel sich zusammensetzen. Da ich Kaschpirews Persönlichkeit ganz und gar nicht kenne, schreibe ich in einem gesteigert achtungsvollen, wenn auch etwas nachdrücklichen Tone.
Überdies erklärt sich in diesem Brief an Kaschpirew auch meine zweite und hauptsächlichste Bitte. Nämlich, wenn er sich damit einverstanden erklärt, meine Bitte um Geld zu erfüllen, so möge er die ersten 75 Rubel sofort, unverweilt absenden. Ich habe ihm geschrieben, dass ich mich an die ganze Delikatesse seines Geistes und Herzens wende; dass er über das Drängen, sofort und unverweilt das Geld zu senden, nicht beleidigt sein, sondern in die Sache eingehen und begreifen möge: dass für mich die Frist der Hilfe fast wichtiger ist, als das Geld selbst. Ich fügte hinzu, dass es deshalb genüge, im Falle meine Bitte abgelehnt werde, von der Hand seines Redaktions-Sekretärs nur eine Zeile zu erhalten, aber sofort, damit ich so schnell als möglich meine letzten Massnahmen ergreifen könne und nicht vergeblich auf die Möglichkeit einer Geldsendung warte.
Hier habe ich zum zweiten Male in meinem Briefe an Kaschpirew gelogen in Bezug auf die „letzten Massnahmen“, indem ich ihm erklärte, dass ich genötigt sein würde, sofort meine letzten und unentbehrlichsten Sachen zu verkaufen, und für eine Sache, welche 100 Thaler wert ist, deren 20 bekommen würde; was ich natürlich werde zu thun gezwungen sein, um drei Wesen das Leben zu retten, wenn er mit der Antwort zögern würde, wäre es auch eine befriedigende Antwort. — Dass ich in einer Woche anfangen werde, unsere letzten Sachen zu verkaufen, wenn ich kein Geld bekomme, das ist vollkommen wahr — denn anders geht es auf keine Weise; allein ich habe darin gelogen, dass ich sagte, ich würde Hundert-Thaler-Sachen verkaufen. Die zwei, drei Sachen, die wir hatten, welche 100 Thaler wert waren, sind schon längst, gleich nach unserer Ankunft in Dresden, versetzt und thatsächlich anstatt um 100 nach der Schätzung — um 20 Thaler. Jetzt aber wird es heissen die Wäsche verkaufen, den Paletot und meinetwegen den Überzieher; denn wenn ich auch an Katkow schreibe, so wird dennoch von dorther vor einem Monat kein Geld einlangen, obwohl es sicher einlangt.“
In der Fortsetzung dieses Briefes tritt wieder des Dichters ganze persönliche Empfindlichkeit zu Tage, wenn er sagt: ... „(dies unter uns) ich bitte ja nur sozusagen um das Meine. Die Erzählung wird ja in einem Monat alles bezahlen, und wenn ich auch nicht das Recht beanspruche, vorauszunehmen, so wird doch dem allerletzten Schriftsteller eine solche Nachsicht gewährt, so dass, wenn man mir in der „Zarjá“ das verweigert, ich nur allzusehr begreifen werde, auf welche Stufe man mich in litterarischer Beziehung dort stellt.“ — Dostojewsky konnte nach allem Vorangegangenen wissen, dass von einer Weigerung keine Rede sein würde — dennoch immer wieder der empfindliche Zweifel. — „Auch fürchte ich, fährt er fort, dass er meinen allzu ehrfurchtsvollen Ton für ironisch nimmt. Denn, weiss Gott, was es für ein Mensch ist, ich habe ja persönlich keinen Begriff von ihm. Kurz gesagt, ich verstehe es nicht, über heikle Gegenstände an Fremde zu schreiben, und habe später erst beim Überlesen des Briefes bemerkt, dass er gar zu ehrfürchtig zu sein schien. Endlich das Letzte: Ich bat, Katkow möge Ihnen 50 Rubel in die Hand geben, dies (verzeihen Sie mir, mein Teurer, diese Belästigung und erfüllen Sie es um Christi willen) dieses ist, damit Sie 25 Rubel Emilie Fjodorowna geben und 25 an Pascha. Sie haben beide volles Recht, über eine so bettelhafte Aushilfe entrüstet zu sein; aber mögen sie sogar beleidigt sein, sie sind im Rechte. Da aber 25 Rubel doch etwas sind und ihnen ein wenig Nutzen bringen werden, so geben Sie sie ihnen. Da sie durchaus nicht glauben werden, in welcher Lage ich bin und warum ich ihnen so armselig aushelfe, so sagen Sie ihnen auch kein Wort zu meiner Rechtfertigung.“ „P.S. Fast hätte ich das wichtigste vergessen. Als man mir damals von der „Zarjá“ 300 Rubel herausschickte, kugelte das Geld einen Monat herum. Ich kenne diese Stückchen. Die Hauptsache ist, dass mir N. Strachow später schrieb, dass Geld nicht anders geschickt wird. Folglich haben sie auch keine Vorstellung, wie man Geld fortschickt, sodass es ebenso schnell ankommt wie ein Brief, d. h. in drei Tagen.“
Nun setzt Dostojewsky auseinander, wie man es anfangen soll, Geld so abzusenden, dass der Empfänger es rechtzeitig erhalte. Diese Auseinandersetzung gewinnt durch den nächstfolgenden Brief vom 28. Oktober [also einen Monat nach Absendung des vorigen] eine traurige Berechtigung. In diesem Briefe schildert der Dichter mit Wut und Verzweiflung die Einzelheiten dieser Transaktion, die uns, würden wir nicht zugleich von Teilnahme für den Dulder bewegt, ungemein belustigen könnten. Es kommt thatsächlich ein Brief von Kaschpirew an, der ihm mitteilt, er habe durch den Bankier Chessin an Hirsch in Dresden das Geld senden lassen und schliesse hier den Wechsel ein. Dostojewsky eilt zu Hirsch, dieser liest den Wechsel und sagt: „Hier steht: laut Bericht, das heisst, dass ich erst dann das Geld auszahlen darf, wenn ich auf privatem Wege von Chessin Nachricht erhalte; folglich kann ich nicht zahlen.“ Nun läuft Dostojewsky jeden Tag in das Bankkontor, wo man über ihn zu lächeln beginnt — aber kein Avis erscheint. „Da ich die Geduld verliere und ohne Brot bin, schreibe ich an Kaschpirew, stelle ihm meine Lage vor, bitte ihn Chessin zu veranlassen, dass er den Avis an Hirsch sende. Mein Brief ist vom 9. Oktober datiert — keine Antwort! Bei Gott, ich dachte, es werde überhaupt keine mehr kommen. Dabei laufe ich täglich zu Hirsch. Dort lachen sie und meinen, Chessin habe wahrscheinlich den Avis „vergessen“. Nun ging ich in zwei, drei andere Bankgeschäfte mich zu erkundigen — überall sagte man, dass auf meinen Wechsel mit den Worten „laut Bericht“ niemand Geld giebt, ohne einen solchen zu haben. In einem Kontor sagte man, dass manchmal solche Wechsel zum Spass ausgegeben werden.
Endlich erscheint ein Brief von Kaschpirew — am zwölften Tage nach Absendung des meinen! und bemerken Sie, er schreibt am 3. Oktober unseres Stils, und der Petersburger Poststempel weist den 6. Oktober auf. Das heisst, der Brief hat auf seinem Tische nur so ohne Ursache drei Tage herumgelegen. Hätte er wenigstens aus Delikatesse einen 5. aus dem 3. gemacht! Begreift er denn nicht, dass mich das verletzt? Ich habe ihm ja über die Not meines Weibes und meines Kindes geschrieben — und darauf eine solche Fahrlässigkeit! Ist das keine Kränkung? Und nun schreibt er, er habe bei Chessin angefragt, dieser sage, der Avis sei abgegangen und er begreife nicht, warum ich nichts erhalten hätte; ferner habe er Chessin veranlasst, einen zweiten Avis zu schicken, dass er folglich jetzt überzeugt sei, dass ich das Geld von Hirsch erhalten (woher überzeugt, wieso überzeugt?). Sollte ich aber das Geld noch nicht haben, so möge ich den Wechsel zurückschicken; er werde mir am Tage nach dem Erhalt dieses Wechsels einen anderen, auf einen anderen Bankier lautenden absenden. Nachher fügt er in einer Nachschrift hinzu, ich möge ihm, wenn ich das Geld noch nicht habe, unverzüglich telegraphieren, „natürlich auf meine Kosten“, worauf er sofort, ohne die Ankunft des anderen Wechsels abzuwarten, mir den neuen schicken würde. Endlich fügt er hinzu, dass er in den nächsten Tagen auch die übrigen 75 Rubel senden werde (bemerken Sie, dass das alles am 3. Oktober geschrieben wurde).
Telegraphieren konnte ich am selben Tage, d. h. den 21. Oktober nicht, denn wo sollte ich zwei Thaler für ein Telegramm hernehmen? Konnte er sich nach meinen zwei Briefen nicht vorstellen, dass ich nicht eine Kopeke, buchstäblich nicht eine Kopeke hatte! Wenn er nur wüsste, wie ich am nächsten Tage zu diesen zwei Thalern kam, um ihm zu telegraphieren! Nun, ich habe sie bekommen und ihm telegraphiert: „Kein Avis, Hirsch giebt nicht Geld“; das war am Freitag. Sonnabend schicke ich den Wechsel zurück.“
Und nun erzählt Dostojewsky verzweifelt, wie am fünften Tage nach Rücksendung des Wechsels endlich der Avis einlangt, der nun zu nichts nützt. Endlich gesteht Chessin, er habe ihn darum nicht fortgeschickt, weil er gemeint habe, der Wechsel sei seiner Anweisung gemäss auf „ohne Bericht“ ausgestellt, während der Kommis aber irrtümlicher Weise anstatt „ohne“ — „laut“ geschrieben habe. — Man kann wohl begreifen, wie es dem Dichter inmitten dieser ständigen Kämpfe um die Existenz oft „gar nicht litteraturmässig zu Mute war“, wie er das in einem der nächsten Briefe gesteht. —
Nun folgt eine Reihe von Briefen, welche dasselbe Thema variieren, wozu die unlösbaren Verstrickungen seines Lebens den Anlass nie abreissen lassen. Wir übergehen sie und entnehmen ihrem oft äusserst grossen Umfange und den langen Erörterungen nur die rein persönlichen Äusserungen. Am Ende eines Schreibens vom 19. Dezember heisst es: „Wissen Sie, was ich jetzt mache? Nachdem ich in 2½ Monaten neun enggeschriebene Druckbogen fertig gemacht habe, schreibe ich jetzt mit aller Kraft Briefe an alle jene, denen ich so lange nicht schrieb, als ich mit der Erzählung beschäftigt war.“ [Es ist die Erzählung „Der Hahnrei“.] Dann aber, in drei Tagen, setzte ich mich zu dem für den „Russkij Wjestnik“ bestimmten Roman. Denken Sie aber nicht, dass ich Pfannkuchen backe: wie hässlich und abscheulich auch das herauskommen möge, was ich schreiben werde; die Idee des Romans und ihre Bearbeitung sind mir Armen, d. h. dem Autor doch teurer, als alles auf der Welt! Das ist kein Pfannkuchen, sondern die teuerste Idee, die älteste auch. Natürlich werde ich’s verpatzen; aber was ist zu thun!“
„Der Hahnrei“ nimmt unter den Erzählungen Dostojewskys eine eigentümliche Doppelstellung ein, je nach den Erwartungen, welche der europäische und der russische Leser in Dostojewskys Werke legen und darin erfüllt zu finden gewohnt sind. Künstlerisch gehört diese Erzählung zu dem Vortrefflichsten, was der Dichter geschaffen. Luft und Raum zwischen den Personen und Geschehnissen, Einheitlichkeit, Harmonie in allen Teilen. Dies söhnt aber den europäischen Leser nicht mit der Unerquicklichkeit des Gegenstandes, mit der komplizierten Hässlichkeit des Titelhelden aus, in dessen feines Seelenmysterium einzudringen er nicht genug Interesse empfindet, in dessen Erlebnissen er für sich keine Offenbarung holen kann, die ihn etwa für den Mangel an Schönheit entschädigte. Der russische Leser hinwiederum sieht und sucht tiefer. Er sieht die tiefe Lehre, die darin steckt, das unerschöpfliche Erbarmen für den widerlichsten der Sünder, sowie das kühle Laufenlassen des Weltmanns in den letzten sechs Worten des Buches — allein das ist ihm ja nichts Neues, das kennt er alles, das begegnet ihm täglich, das trägt er selbst in sich. Er sucht im russischen Roman Worte, Andeutungen, die sich auf Russland und seine fernere Entwickelung, auf die Jugend, sein künftiges Russland beziehen. Wo er das nicht findet, lässt ihn das vollendetste Kunstwerk nur kalt.