„So flog es mir durch den Kopf, als ich an jenem Abend zu Hause sass, halbtot von seelischen Schmerzen. Noch niemals hatte ich soviel Leid und Reue empfunden. Und dennoch — konnte denn irgend ein Zweifel darüber bestehen, dass ich vom halben Wege zurückkehren würde? Ich habe Lisa nie wieder getroffen, nie wieder etwas von ihr gehört. Ich füge noch hinzu, dass ich mich lange Zeit mit der Phrase vom Nutzen der Demütigung und des Hasses beruhigte, ungeachtet dessen, dass ich damals aus Kummer fast krank wurde.“
Das Schlusswort des unterirdischen Philosophen spricht im Sinne des Ganzen die Erkenntnis von der ewigen Fehlbarkeit der Menschennatur, von ihrer Freiheit, zu fehlen, aus. Er fragt sich, ob er diese Memoiren fortsetzen solle. Aber — „zum Beispiel lange Geschichten davon zu erzählen, wie ich mein Leben in einem finstern Winkel durch sittliche Zersetzung, durch den Mangel eines Milieu, Entwöhnung vom Lebendigen, durch die im Kellerloch immer genährte Bosheit verfehlt habe — das ist bei Gott nicht interessant. In einem Roman braucht man einen Helden, hier aber sind absichtlich alle Züge für einen Anti-Helden zusammengetragen. Die Hauptsache aber ist, dass dies alles einen sehr unangenehmen Eindruck hervorrufen wird, weil wir alle vom Leben entwöhnt sind, alle hinken, der eine mehr, der andere weniger. So sehr sind wir vom Leben abgewöhnt, dass wir das wirkliche ‚lebendige Leben‘ fast als eine Arbeit ansehen, fast wie einen Dienst; und wir stimmen alle darin überein, dass es nach dem Buch zu leben besser ist. Und warum treiben wir’s manchmal so, warum beunruhigen wir uns, was verlangen wir? Wir wissen es selbst nicht. Es wird uns aber schlechter gehen, wenn man unsere heftigen Wünsche erfüllt. Versucht es einmal, nun, gebt uns zum Beispiel etwas mehr Selbständigkeit, macht irgend einem von uns die Hände frei, erweitert unseren Wirkungskreis, verringert die Obhut und wir — ich versichere Euch — wir werden uns sofort wieder die Obhut ausbitten. Ich weiss, dass Ihr wahrscheinlich auf mich böse sein, mich anschreien, mit den Füssen treten werdet: Redet von Euch allein und von Euren Miseren in der Kellerwohnung, wagt es aber nicht, von ‚uns allen‘ zu sprechen. Erlaubt meine Herren, ich reinige mich ja nicht durch dieses ‚wir alle‘. Was aber mich im besonderen betrifft, so habe ich in meinem Leben das bis aufs Äusserste getrieben, was Ihr nicht wagtet bis zur Hälfte zu bringen. Ja, Ihr habt noch Eure Feigheit für Einsicht gehalten und habt Euch damit, Euch selbst betrügend, etwas zu gut gehalten, sodass ich jetzt förmlich lebendiger herauskomme, als Ihr. Ja, seht nur genauer zu. Wir wissen ja gar nicht, wo das Lebendige jetzt lebt, was es denn ist und wie es heisst. Lasst uns allein, ohne Buch — sofort verwirren und verlieren wir uns; wir wissen nicht, an was uns halten, wo uns anlehnen, was wir lieben, was wir hassen, was wir achten, was wir verachten sollen. Sogar das ‚Mensch sein‘ wird uns beschwerlich fallen, Mensch mit wirklichem, eigenem Fleisch und Blut. Wir schämen uns das zu sein und bestreben uns, irgend eine Art von nie dagewesenen Allgemein-Menschen zu sein. Wir sind Totgeborene, ja wir werden schon lange nicht von lebendigen Vätern geboren, und das gefällt uns immer mehr und mehr. Wir kommen auf den Geschmack. Wir werden bald darauf kommen, aus irgend einer Idee geboren zu werden. Aber genug“ usw.
Des Dichters Meinung liegt hier klar zu Tage. Das Buch, die Idee, die Logik, das Gesetz — das alles macht keine Menschen. Blut, Leidenschaften, der inkommensurable und irreguläre Reichtum des Lebens in seinen erstaunlichsten harmonischen, aber noch mehr unharmonischen Mischungen und Möglichkeiten — das ist für Dostojewsky der Mensch. Aber nicht jenseits, vielmehr diesseits von Gut und Böse, mit aller Freiheit, eines oder das andere zu thun oder zu lassen; erlöst aber durch die Liebe derer, die auch nicht besser sein wollen, dessen, der sich auch da hinein begab. Aus dem ‚Labyrinth der Brust‘, aus den eigenen tausendfältigen Möglichkeiten der ‚Sünde‘ wie der höchsten Entzückung heraus ist sie ihm ja geworden, diese Fähigkeit: verstehend in jede Seele einzudringen und die Kraft, mit welcher er unablässig nach Reinigung rang, mächtig, gewaltsam auch auf andere wirken zu lassen.
„Nun sind das keine Memoiren aus einem Keller,“ fährt Dostojewsky in dem Briefe fort; „es ist etwas der Form nach ganz anderes, obwohl dessen Wesen mein immer gleiches Wesen ist, wenn nur Sie, Nikolai Nikolajewitsch, auch mir als einem Schriftsteller einige mir gehörige, besondere Eigenart zugestehen. Diese Erzählung kann ich sehr schnell niederschreiben, da auch nicht ein Zeichen, nicht ein Wort darin mir unklar ist. Dabei ist schon vieles notiert, wenn auch nicht aufgeschrieben. Ich kann diese Erzählung vollenden und in die Redaktion schicken, lange vor dem ersten September. Kurz, ich kann sie sogar in zwei Monaten abschicken. Das ist aber alles, womit ich mich gegenwärtig an der „Zarjá“ beteiligen kann, trotz allen Wunsches, für ein Blatt zu schreiben, an dem Sie, Danilewsky, Gradowsky und Maikow arbeiten.“ Nun folgen die bekannten, immer wieder variierten Honorar- und Elends-Berichte, denen wir in jedem Briefe begegnen müssen.
Im nächsten Briefe an Strachow vom 18. April 1869 sind einige Stellen litterarischer Kritik bemerkenswert. Da heisst es: „Ein für allemal — schweigen Sie doch und reden Sie nicht von Ihrem „Unvermögen“ und den „zusammengefegten Entwurf-Abschnitzeln“. Es wird einem übel, das zu hören. Man kommt auf den Gedanken, dass Sie sich verstellen. Noch niemals haben Sie so viel Klarheit, Logik, so viel Scharfblick und überzeugte Beweisführung gehabt. Allerdings, Ihre „Armut der russischen Litteratur“ hat mir besser gefallen als der Artikel über „Tolstoj“. Jene wird breiter sein; dafür aber ist die erste Hälfte des Artikels über Tolstoj mit gar nichts zu vergleichen: das ist das Ideal einer kritischen Ausführung. Nach meiner Ansicht befindet sich auch ein Fehler in dem Aufsatze, doch ist das nur meine Ansicht, und dann sind solche Fehler auch gut. Dieser Fehler heisst: allzu grosser Idealismus; dieses aber schadet einer Arbeit nicht, sondern fördert sie. Alles in allem habe ich in der russischen Kritik noch nie etwas ähnliches gelesen.
Ich weiss nicht, was aus Awerkiew noch werden wird, aber nach der „Kapitänstochter“ (Puschkins) habe ich nichts ähnliches gelesen. [Dies bezieht sich auf eine im neuen Blatt „Zarjá“ publizierte Komödie Awerkiews: „Frol Skobjejew“, die Dramatisierung des altrussischen Romans gleichen Namens.] Ostrowsky ist ein Stutzer und blickt auf seine Krämer sehr von oben herab. Wenn er schon einen Kaufmann in Menschengestalt darstellt, so ist es gerade, als sagte er dabei zum Leser oder Zuschauer: Nun, siehst du, auch der ist ein Mensch. Wissen Sie, ich glaube, Dobroljubows Urteil über Ostrowsky ist richtiger, als das Grigorjews. Es kann sein, dass Ostrowsky thatsächlich die ganze Idee seines „Dunkeln Königreichs“ nicht in den Sinn gekommen ist, aber Dobroljubow hat sie gut ausgedeutet und ist damit auf den rechten Weg verfallen. Ich weiss nicht, ob sich so viel Glanz der Phantasie und des Talents in Awerkiew zeigen wird, wie bei Ostrowsky; allein seine Darstellung und der Geist dieser Darstellung ist ohne Widerrede höher. Keinerlei vorgefasste Absicht. Annuschka ist unbedingt prächtig, der Vater ebenfalls. Frol aber würde ich ein wenig begabter hingestellt haben. Wissen Sie, der Grossbojar, Naschtschokin, Lycikow — das sind ja unsere ehemaligen Gentlemen (von anderen gar nicht zu sprechen), das ist ja bojarische Grandezza ohne jede Karikatur. Über diese kann man nicht nur keine Karikatur-Lächerlichkeit werfen à la Ostrowsky, sondern im Gegenteil, man muss sich über ihre Vornehmheit, ihr russisches Bojarentum verwundern. Das ist grand-monde jener Zeit, auf der höchsten Stufe der Wahrheit; sodass, wenn irgend wer lächeln wollte, er es höchstens darüber kann, dass der Kaftan einen anderen Schnitt hat. Vor allem und hauptsächlich fühlt man, dass das eine Darstellung der Wirklichkeit ist, dessen, was auch thatsächlich vorhanden war. Das ist ein grosses neues Talent, vielleicht höher als vieles Gegenwärtige. Es wäre ein Elend, wenn es nur für eine Komödie ausreichte.“
Am 11. Mai schreibt Dostojewsky in grosser Aufregung einige Zeilen. Er will Florenz verlassen, da die Hitze sehr gross ist, und möchte einem neuen Familienereignis lieber in Deutschland entgegensehen, wo man sich mit Arzt und Wärterin besser verständigen kann. Nur erwartet er Geld und kann nicht fort, fragt, ob Strachow krank oder etwas in der Redaktion vorgefallen sei. Bezeichnend für Strachow ist die Notiz, die er diesem Briefe anfügt: „Die Sache ist die, dass ich am 27. März jene 125 Rubel (Dostojewskys Verlangen gemäss) an Marja Grigorjewna [D.s Schwägerin] abgeliefert hatte. Obwohl ich nun am selben Tage an Theodor Michailowitsch geschrieben hatte, dass man ihm Mitte April 175 Rubel schicken werde, ihm auch später am 12. April dieses Versprechen erneuerte, wurde das Geld zu meinem grossen Verdruss doch nicht abgeschickt. So verschob sich der Empfang von einem Tag auf den andern, ich wusste nicht was thun und schämte mich so sehr vor Theodor, dass ich dann auch meinen Briefwechsel mit ihm abbrach.“
Ein Brief, den Strachow erst am 17. August desselben Jahres aus Dresden erhielt, beginnt: „Klagen Sie sich um Ihres Schweigens willen vor mir nicht an, Nikolai Nikolajewitsch. Es geht nun einmal so im Leben und dann: Wie kommt ein Redakteur zu einem Briefwechsel mit Freunden, geschweige denn mit Mitarbeitern! Aber, aus Ihrem Zusatz an den Brief unseres teuern Apollon Nikolajewitsch sehe und schliesse ich, dass Sie mir wie früher gut sind. Das ist sehr erfreulich für mich, weil der Leute, die mir zugethan sind, mit der Zeit immer weniger werden. Ich bin selbst schuld daran, habe mich im Auslande allzu festgerannt und bringe mich nicht genug in Erinnerung; folglich habe ich kein Recht, Ansprüche zu machen. In Dresden befinde ich mich thatsächlich erst seit zehn Tagen — ja ich bin im ganzen erst drei Wochen von Florenz fort! Ich habe den ganzen Juli dort zugebracht und bin auch noch in den August hineingekommen. Sie können mit Sicherheit sagen, dass niemals jemand eine solche Hitze erlitten hat. Ein russisches Schwitzbad — nur damit kann man das vergleichen, noch dazu Tag und Nacht. Die Luft ist rein, das ist wahr, der Himmel klar, furchtbar viel Sonne; aber dennoch ist’s unerträglich. Ich habe gesehen, dass es im Schatten (in grossem, gedeckten Schatten) 35° Reaumur waren. Und stellen Sie sich vor, obwohl alle Ausländer entweder in deutsche Bäder oder ans Meer gefahren sind, so sind doch eine Masse Menschen in Florenz geblieben, sogar wirkliche, sozusagen Mylords. Sie haben ihre Kostüme zur Schau getragen, sind herumstolziert usw. Mit einem Wort, wenn Sie wüssten, bis zu welchem Grade ich mich hier als ein ganz überflüssiger und fremder Mensch fühle! — Und so sind wir in Dresden. In drei Wochen werde ich ein Kind haben, ich erwarte es mit Aufregung und Furcht, hoffnungsvoll und zaghaft. Überhaupt habe ich eine sehr sorgenvolle Zeit“ usw.
Am 29. September schreibt Dostojewsky an Maikow wieder einmal einen von der Not diktierten Brief, der jeden Leser durch seine rührende und stolze Kindesschlauheit ergreifen muss. Wir bringen die Hauptstellen hier:
„Sogleich werde ich Ihnen meine Lage schildern und sagen, welcher Art die Hilfe ist, die ich als ein Ertrinkender von Ihnen erwarte: Erstens ist mir vor drei Tagen, am 14. Septbr. (a. St.) eine Tochter, Ljubow, geboren worden. Alles ist vortrefflich von statten gegangen, das Kind ist gross, gesund und eine Schönheit. Wir sind glücklich. (Denken Sie daran, dass wir Sie zum Taufpathen berufen werden. Anja bittet Sie mit gefalteten Händen, unbedingt Sie, also antworten Sie.) Aber Geld haben wir keine ganzen 10 Thaler. Beschuldigen Sie mich nicht der Sorglosigkeit und Unbedachtheit; hier ist niemand schuldig. Wir haben in Florenz berechnet, dass das vom „Russkij Wjestnik“ gesandte Geld für alles reichen werde. Allein, wie es bei allen Berechnungen geht — wir haben uns verrechnet. Es hat keinen Sinn, sich hier in Einzelheiten einzulassen; aber die Sache ist die, dass, wenn ich auch an den höchst zartfühlenden, gütigen und edlen Michail Nikiforowitsch [es ist der Redakteur des „Russkij Wjestnik“, M. Katkow, gemeint] schreiben will, dass er aushelfe — gleich zu schreiben, nachdem ich vor so kurzer Zeit Geld von ihm bekommen habe, schäme ich mich allzu sehr, ist mir geradezu unmöglich. Die Hände wollen sich dazu nicht erheben. Indessen ist weder die Hebamme noch der Arzt bezahlt, und obwohl wir jeden Heller um und umdrehen — ohne Geld geht es in dieser Lage nicht. Es geht nicht!