Weiter heisst es: „Aber was Sie da, und das mit solcher Trauer und solchem offenbaren Kummer sagen: dass Ihr Aufsatz keinen Erfolg hat, dass man ihn nicht verstehe, nicht interessant finde! Ja, waren Sie denn wirklich überzeugt, dass ihn alle sofort verstehen würden? Das wäre nach meiner Meinung eine schlechte Empfehlung der Arbeit. Was man allzu schnell und leicht versteht, das hat nicht viel Zukunft. Belinsky hat erst am Ende seiner Laufbahn die gewünschte Berühmtheit erlangt, und Grigorjew ist gestorben, fast ohne im Leben irgend etwas zu erreichen. Ich bin gewohnt, Sie so zu schätzen, dass ich Sie auch einem solchen Vorkommnis gegenüber für weise hielt. Die Wesenheit einer Sache ist so fein, dass sie immer der Mehrheit entgeht. Sie verstehen erst, wenn man ihnen den Brei schon ganz auseinander rührt; und noch dazu erscheint ihnen jeder neue Gedanke nicht besonders interessant. Und je einfacher, je klarer, d. h. je talentvoller er dargelegt ist, umsomehr erscheint er ihnen allzu einfach und ordinär. Das ist ja die Regel! Verzeihen Sie, aber ich habe sogar lächeln müssen bei Ihrem sehr naiven Ausspruch, dass ‚sogar sehr spitzfindige Leute Sie nicht verstehen‘. Ja, diese noch mehr als andere, verstehen niemals, hindern sogar die anderen zu verstehen, und das hat seine nur allzuklaren Ursachen und ist natürlich auch ein Gesetz. Aber Sie sagen ja selbst, dass sowohl Gradowsky als Danilewsky begeistert zu Ihnen stehen, dass Aksakow zu Ihnen gekommen ist usw. Ist Ihnen das zu wenig? Aber ich bin trotzdem fest überzeugt, dass so viel Selbsterkenntnis in Ihnen ist, so viel innere Nötigung nach vorwärts zu streben, dass Sie die Schätzung Ihrer Thätigkeit nicht verlieren und die Sache nicht im Stiche lassen werden! Also schrecken Sie uns nicht, bitte. Gehen Sie — so ist’s mit der Zarjá aus. Und nun von Geschäften.“

Dostojewsky schlägt nun der Redaktion der neuen Zeitschrift, als Antwort auf ihr Anerbieten der Mitarbeiterschaft, eine kleine Erzählung von etwa 3 Druckbogen vor. „Diese Erzählung“, sagt er, „habe ich schon vor vier Jahren, im Todesjahre meines Bruders, als Antwort auf die Worte Apollon Grigorjews schreiben wollen, der mein „Zapiski iz Podpolja“ sehr gelobt und gesagt hatte: ‚In diesem Genre sollst du weiter schreiben‘.“

Die „Memoiren aus einem Keller“, wie wir jene Erzählung nennen möchten, welche unter dem Titel „Aus dem dunkelsten Winkel einer Grossstadt“ in deutscher Übersetzung erschienen ist, drücken das als Axiom aus, was wir im Lebenswerk Dostojewskys als stärkste Triebkraft an der Arbeit finden: die Einsicht von der durch kein Wissen und keine Kultur auszugleichenden Irrationalität der Menschenseele und als Folge davon die Einsetzung dieses Mensch-Komplexes als eine absolute Werteinheit in das Weltganze. Daher als letzte Konsequenz die Liebe zum Bruder, die wir irrtümlicher Weise Erbarmen nennen. Was Dostojewsky in allen seinen Werken mehr oder weniger künstlerisch, immer aber subjektiv darstellt, das ist der Mensch mit allen seinen Brüchen, mit allen seinen Möglichkeiten, welche das Sitten-, ja das Naturgesetz durchbrechen. Hier, in diesem galligen Monolog eines Misslungenen, formuliert er diese Einsichten philosophisch, analytisch.

W. Rósanow, einer der tiefsten Kenner Dostojewskys, hat in einem bemerkenswerten „kritischen Kommentar“ zur „Legende vom Grossinquisitor“ auch über diese Memoiren als über das philosophische Credo des Dichters das Vortrefflichste gesagt. Nur wollen uns Ursache und Wirkung hier in umgekehrtem Verhältnis erscheinen, als Rósanow sie darstellt. Uns kann nicht scheinen, dass Dostojewsky durch die Analyse zur Mystik gelangt; wir meinen, dass man weder auf analytischen noch auf anderen Erfahrungswegen zur Mystik kommt, sondern dass man sie in sich trägt und die Analyse als Werkzeug zur Hand nimmt, um andere zu diesem, seinem innersten Lebenskern zu führen. Dostojewsky, so hat sich sein Menschheitsbild uns gewiesen, hat immer aus der Synthese heraus zur Analyse gegriffen, um sich verständlich zu machen.

Die Erzählung zerfällt in zwei, der Form nach vollständig getrennte Teile, was die Absichtlichkeit, die in dieselbe gelegt ist, in’s rechte Licht setzt. Der erste Teil, jener philosophierende Monolog des unterirdischen Weltbürgers, führt den Gedanken durch, dass nur Menschen ohne Erkenntnis zum Handeln kommen und handeln, die Erkenntnis aber unbedingt zur Unthätigkeit (inertia) führe. Es werde dahin kommen, dass der immer „logischer“ entwickelte Erkenntnismensch sich endlich als den Stift einer grossen Musikwalze fühlen werde. Nun sei es aber merkwürdig, dass man bei der Aufzählung der Naturgesetze, welche dieses vollkommene Funktionieren des Menschen herbeizuführen berufen sind, auf seinen Willen wirken und sein Handeln vorausbestimmend anordnen, dass man da immer ein Gesetz aus dem Spiel lasse, nämlich jenes, wonach der Mensch gerade immer das Gesetzmässige umwerfe und bewusst gegen seinen Vorteil, seine Vervollkommnung und sein Glück handle. Die Auslegung, dass dies eben sein persönliches Glück ausmache, verweist er mit Recht unter die Sophismen, welche aufgewendet werden, um zu beweisen, dass 2×2=4 sind. „Die Gesetze der Logik,“ sagt er, „sind eines, die des Menschseins ein anderes.“ Das grösste und einzige Gesetz, das jeder Mensch geltend mache, sei nicht sein Recht auf Vorteil, Tugend, Vernunft, Harmonie, sondern das Recht auf persönliche Unabhängigkeit und Freiheit — womit er immer wieder alle jene schönen Dinge umwirft. Der Mensch — so lautet das Resumé — wird also nicht besser, nicht glücklicher, nicht wertvoller werden durch den „Ameisenhaufen“ des Wissens und der Erkenntnisse, sondern — ein Musikstift; doch er wird dies eben nie werden, sondern ein Irrationales und als solches etwas Absolutes innerhalb der Schöpfung bleiben, ein Absolutes, das man so wie es ist annehmen muss, das so wie es ist den Gattungsnamen ‚Mensch‘ trägt.

Der zweite Teil der Erzählung führt uns die Geschichte des Menschen vor, dessen unterirdische Philosophie uns der erste Teil in vortrefflicher Einhaltung des galligen Sonderlingshumors gebracht hat. Dies ist ein Mensch, der gerade immer, wenn er sich am klarsten die Herrlichkeit alles „Hohen und Schönen“ vorgestellt hat, am tiefsten in den Schlamm von „allerlei grossen und kleinen Lastern“ versinkt, der durch seine Gewohnheit alles bis auf die „letzte und allerletzte Ursache“ durchzudenken, nie mehr eine unbefangene Handlung zu begehen imstande ist, dessen Reflexion immer sein Thun zerstört oder im entscheidenden Augenblick von diesem umgeworfen wird. So ärgert er sich geraume Zeit über einen Offizier, der ihm oft auf dem Bürgersteig des Newsky Prospekt begegnet und dem er, da er sehr ärmlich gekleidet ist, ganz selbstverständlich ausweicht. Nun will er das nicht; er will einmal zeigen, dass er so unbefangen wie jener vor sich hingehen, meinetwegen an ihn anstossen könne. So oft es aber zur That kommt, drückt er sich doch auf die Seite; ja er weiss es endlich, dass es wieder so kommen werde.

In einem anderen Handel mit alten Schulgenossen, die er trifft und die zur Abschiedsfeier eines unter ihnen ein Mittagessen veranstalten, geht es ihm nicht besser. Er drängt sich ihnen, die ihn nicht mögen und verachten, auf, trinkt sich Mut an, insultiert sie, bittet sie um Verzeihung, fühlt dabei, dass alles dies unglaublich niedrig ist, empfindet ein Rasen von Zorn und Scham und treibt dies, durch allerlei überkluge Erwägungen gestossen, gegen seine Einsicht, ja gegen seine Natur immer weiter. Diesem Treiben setzt er die Krone auf, da er, noch betrunken, nach jenem Gelage den anderen in ein verrufenes Haus nachfährt, dort als der Letzte ankommt und nimmt was übrig bleibt: ein noch sehr junges Mädchen, das noch ein Neuling im Gewerbe ist. Wie nun der Morgen graut und er von seiner Trunkenheit erwacht, ergreift ihn die Lust Moral zu predigen. Er steigert sich in immer grössere Hitze, schildert das Glück eines tugendhaften Lebenswandels, bespricht ihren eigenen Wandel und seine letzten Folgen, kurz er jagt dieses Wesen in einen Anfall von Schmerz und Verzweiflung hinein — „nicht ohne selbst bewegt zu sein“, wie er sagt, aber doch „buchmässig, litteraturmässig“; er endet damit, dass er ihr seine Adresse giebt, damit sie ihn aufsuchen könne, wenn sie sich retten wolle.

Nun erwartet er mit Angst und Unbehagen ihr Kommen, denn er weiss, er fühlt es, dass er sie wieder fortschicken werde. Täglich atmet er auf, da sie nicht kommt. Ja, es wird ihm nach 9 Uhr abends so wohl zumute, dass er „ziemlich süss“ zu träumen beginnt: ... „ich bilde sie, trage zu ihrer Entwickelung bei. Endlich bemerke ich, dass sie mich leidenschaftlich liebt. Ich stelle mich an, als verstünde ich es nicht (ich weiss nicht warum; wahrscheinlich der Ausschmückung wegen). Endlich wirft sie sich schluchzend, errötend, bebend mir zu Füssen und sagt, dass ich ihr Retter sei, dass sie mich mehr, als alles in der Welt liebe. Ich erstaune, aber ... „— Lisa, sage ich, glaubst du denn, ich hätte deine Liebe nicht bemerkt? Ich habe alles gesehen, alles erraten; allein ich wagte es nicht, der Erste zu sein, wagte nicht, Anspruch auf dein Herz zu erheben, weil ich ja Einfluss auf dich hatte und fürchtete, du würdest aus Dankbarkeit dich zwingen, meine Liebe zu erwidern, du würdest selbst ein Gefühl in dir erzwingen, das vielleicht gar nicht vorhanden ist; ich aber wollte das nicht, weil das Despotismus, weil das undelikat ist ... (kurz, ich vergaloppierte mich da in so eine europäische, George-Sand’sche, unerklärbar edle Feinheit hinein). Jetzt aber bist du mein, mein Geschöpf, bist rein, herrlich, bist — mein herrliches Weib!“

Eines Abends aber erscheint Lisa wirklich, da er gerade mit seinem Diener, den er hasst und fürchtet, eine sehr unangenehme Scene gehabt hat. Er schämt sich auch seines schlechten Schlafrocks, seines zerrissenen Wachstuchdivans und lässt sie hart an. Er fragt sie, warum sie zu ihm gekommen sei, schreit und poltert. Das eingeschüchterte Mädchen sieht in diesem ganzen Gebahren nur das eine: dass er leidet, und — bleibt. Ihre Güte erweicht ihn, und aus seinem Wutanfall wird Selbstanklage und endlich hysterisches Schluchzen. Auch dieses versetzt er mit Selbstbespiegelung, bis zur Übertreibung, schämt sich darauf dessen sehr und rächt diese Beschämung wieder an ihr, die Zeugin derselben gewesen ist. Er fühlt seine Gewalt über sie und nutzt sie aus. — — —

Am frühen Morgen mahnt er sie ans Fortgehen. Als sie eilig ihre Siebensachen zusammennimmt und sich zur Thüre wendend ihm einfach ‚Lebt wohl‘ sagt, läuft er auf sie zu und drückt ihr einen Fünfrubelschein in die Hand — „aus Zorn“, wie er sagt, „hineingehetzt“, „buchmässig“ that er das. Nun eilt er zur Treppe, lauscht, ruft, sie ist fort. Als er in seine Stube zurückkehrt, erblickt er den zerknitterten Schein auf dem Tische vor sich liegen. Wie toll läuft er nun Lisa auf die Strasse nach. Er sieht sie nicht mehr; sie muss in eine Seitengasse verschwunden sein — — Er bleibt stehen und fragt sich: „Wohin ist sie denn gegangen? und — warum laufe ich ihr denn nach?“ „Wird es nicht besser für sie sein“, phantasiert er weiter, „wenn sie diese Demütigung für ewige Zeiten mit sich nimmt? Demütigung — das ist ja Reinigung!“ Weiter sagt er: „Was ist besser, ein billiges Glück oder ein erhabener Schmerz?“