Allein dieser Gedanke ist eine schwierige und heikle Sache, Sie wissen das selbst. Um dieses Gedankens willen, besonders, wenn man anfangen wird, ihn zu begreifen, d. h. wenn Ihr ihn noch breiter auseinander setzen werdet, wird man Euch Reaktionäre, Kamtschadalen, wohl gar Korrumpierte nennen, während er für uns der einzige, fortschrittliche und liberale Gedanke in unserer Zeit ist. Wenn Ihr das aber endgiltig werdet auseinandergesetzt haben, dann werden alle mit Euch gehen. Indessen aber sieht die Routine den Liberalismus und den neuen Gedanken immer im Veralteten und Abgestandenen. Die „Vaterländischen Annalen“, das „Djelo“ rechnen sich sicherlich zu den Vorgeschrittensten.

Alles dieses wissen Sie selbst vollkommen gut, vor allem das, dass Euch die Zukunft gehört. Nun aber wissen Sie, was ich fürchte? Dass Sie (und viele der Eurigen) vor der ungeheuren Mühe erschrecken und die grosse Arbeit aufgeben werden. Diese Mühen sind so gross und erfordern so viel Vertrauen und Zähigkeit, dass Sie das erst nach langer Zeit voll erkennen werden. So scheint es mir. Ich selbst kenne sie nur von einem Zipfelchen aus, seit der Zeit, als ich dem Bruder bei der Redaktion half. Aber die „Wremja“ und die „Epocha“ haben sich, wie Sie selbst wissen, zu einer solchen Offenheit und Nacktheit im Aussprechen ihres Gedankens niemals verstiegen und haben sich meist an die Mittelstrasse gehalten, namentlich anfangs. Ihr aber habt direkt mit der Hauptsache begonnen; für Euch ist es schwerer; folglich heisst es: feststehen.“

Uns Europäern ist es wohl nicht leicht, dieser Verschränkung der Begriffe „liberal“ und „abgestanden“ zu folgen oder ihr gerecht zu werden. Es ist das eine der Grundursachen der Missverständnisse, die zwischen den Anhängern abendländischer Kultur und jenen einer langsamen und organischen Entwickelung des Ostens auf eigener Grundlage obwalten. Nur ein langer Aufenthalt in Russland und ein vorurteilsloses Eindringen in die Bedingungen dieser Entwickelung, sowie in den Nutzen oder Schaden hinzutretender „europäischer“ Elemente vermöchte uns darüber zu belehren, in welchem der beiden Axiome mehr Menschenvernunft liegt.

In demselben Briefe heisst es an anderer Stelle: „Sie haben eine unendliche, unmittelbare Sympathie für Leo Tolstoj, schon seit der ganzen Zeit, da ich Sie kenne. Allerdings, als ich Ihren Aufsatz in der „Zarja“ [dem neuen Journal] durchgelesen hatte, empfand ich als ersten Eindruck sofort, dass er unvermeidlich sei und dass Sie, wollten Sie sich nach Möglichkeit aussprechen, nicht anders anfangen konnten, als mit L. Tolstoj, d. h. seinem letzten Werke [„Krieg und Frieden“]. Im „Golos“ hat ein Feuilletonist gesagt, dass Sie L. Tolstojs historischen Fatalismus teilen. Natürlich kann man auf das alberne Wort speien, aber daran liegt es nicht; es handelt sich darum: Woher nehmen die Leute, sagen Sie mir, so wunderliche Einfälle und Ausdrücke? Was heisst „historischer Fatalismus“? Warum verdunkeln und vertiefen gerade jene Routinierten und albernen Leute, die nichts bemerken, was weiter reicht, als ihre Nase, ihre eigenen Gedanken, dass man daraus nicht klug werden kann? Er will ja offenbar etwas sagen; dass er Ihren Aufsatz gelesen, daran ist kein Zweifel. Gerade das, was Sie an jener Stelle sagen, wo Sie von der Schlacht bei Borodino sprechen, drückt das Wesentliche von Tolstojs Gedanken sowohl als auch Ihrer Gedanken über Tolstoj aus. Man könnte sich nicht klarer ausdrücken, der nationale russische Gedanke ist da nahezu ganz nackt dargelegt. Und das gerade haben sie nicht verstanden und haben es in Fatalismus umgedeutet. Was die übrigen Einzelheiten Ihres Artikels anlangt, erwarte ich die Fortsetzung. Der Gedanke ist klar, logisch, fest entworfen, im höchsten Grade vollendet niedergeschrieben. Aber mit einem und dem anderen Detail bin ich nicht einverstanden. Natürlich würden wir persönlich anders miteinander sprechen können, als es schriftlich geschieht.

Schliesslich und endlich halte ich Sie für den einzigen Repräsentanten unserer heutigen Kritik, dem die Zukunft gehört. Aber wissen Sie was? Ihren Brief habe ich mit Unruhe durchgelesen. Ich sehe an seinem Tone, dass Sie aufgeregt und beunruhigt sind, dass Sie sich in grosser Gemütsbewegung befinden. Ich fürchte für Sie auch Ihre Ungewohnheit, zu bestimmter Frist und ausdauernd zu arbeiten. Sie müssen unbedingt drei grosse Artikel im Jahre schreiben. Sie haben noch vieles zu sagen, glauben Sie mir. Indessen aber sinkt Ihr Mut, ganz ohne Mass; eine geringe Sache bringt Sie ins Schwanken wie eine grosse. Dabei sind Sie offenbar die unentbehrlichste Person der Redaktion in Bezug auf die klare Darlegung des Grundgedankens der Zeitschrift. Ohne Sie wird sie nicht in Gang kommen. Also heisst es, sich fest zur That entschliessen, Nikolai Nikolajewitsch, zu einer schweren und andauernden Wirksamkeit, und auf keinerlei Unannehmlichkeiten achten. Jede Unannehmlichkeit steht unvergleichlich tiefer als Ihr Ziel, und darum heisst es ertragen lernen und überhaupt sich festigen. Aber die Sache fallen zu lassen, dazu haben Sie nicht einmal das Recht; ich würde dann der Erste sein, Sie zu verfluchen.“

In demselben Briefe heisst es an anderer Stelle: „Ich danke Ihnen sehr, dass Sie Anteil an mir nehmen. Ich befinde mich immer gleich, das heisst meine Anfälle sind sogar schwächer, als in Petersburg. In der letzten Zeit, vor 1½ Monaten, war ich mit der Beendigung des „Idioten“ sehr beschäftigt. Schreiben Sie mir, wie Sie es versprachen, Ihre Meinung darüber; ich erwarte sie mit Begierde. Ich habe meine eigene Anschauung über das Schöpferische in der Kunst; und das, was die Mehrheit fast phantastisch und excentrisch nennt, das bildet für mich manchmal das eigentlichste Wesen der Wirklichkeit. Die Alltäglichkeit der Erscheinungen und eine offizielle Art sie zu betrachten, das ist meiner Meinung nach noch kein Realismus, im Gegenteil! In jedem Zeitungsblatte begegnen Sie Berichten über die wirklichsten und die absonderlichsten Geschehnisse. Für unsere Schriftsteller sind sie phantastisch: ja sie befassen sich gar nicht mit ihnen; indessen sind sie doch Wirklichkeit, weil sie Fakten sind. Wer wird sie denn bemerken, beleuchten und beschreiben? sie sind alltäglich, allstündlich, aber gar nicht Ausnahmen — — ‚ein pseudo-russischer Zug, dass der Mensch alles anfange, sich mit Grossem zu schaffen mache und das Kleine nicht einmal fertig bringe.‘ Was für abgestandenes Zeug! Was für ein armseliger, leerer Gedanke, noch dazu ein ganz unrichtiger! Ein Klatsch über den russischen Charakter, noch aus Belinskys Zeiten. Und was für eine Enge und Kleinlichkeit im Betrachten und Durchdringen der Wirklichkeit! Und immer dasselbe und dasselbe! Auf diese Weise lassen wir die ganze Wirklichkeit uns vor der Nase vorüber gehen. Wer wird denn die Begebenheiten beachten und sich in sie vertiefen? Von Turgenjews Erzählung will ich gar nicht reden — der Teufel weiss, was die sein soll! Ist dann nicht mein phantastischer „Idiot“ Wirklichkeit, ja die alltäglichste Wirklichkeit? Ja, eben jetzt muss es solche Charaktere in unseren, vom heimatlichen Boden losgerissenen Gesellschaftsschichten geben, den Schichten, die in der That phantastisch erscheinen. Allein da ist nichts zu sagen! Vieles im Roman ist eilig hingeschrieben, vieles zu breit und misslungen. Manches aber ist auch gelungen: Ich stehe nicht für den Roman, sondern für meine Idee ein.“

Zum Schluss abermals ein Anfall von Misstrauen, das, wie immer, auf ein Gefühl von Schuld zurückzuführen ist: „Jetzt will ich Ihnen, als einem alten Freund und Mitarbeiter, im Vertrauen noch eines verraten, was mich ausserordentlich beunruhigt. Jene 200 Rubel, welche ich seit mehr als Jahresfrist Apollon Nikolajewitsch schulde, scheinen Ursache seines jetzigen Schweigens zu sein; er hat plötzlich den Briefwechsel mit mir abgebrochen. Ich habe im Dezember Katkow gebeten, 100 Rubel an Emilie Fjodorowna [des Bruders Witwe] und Pascha auf den Namen Apollon Nikolajewitsch zu schicken (wie das immer in diesen Fällen geschah), und ihn habe ich in meinem letzten Briefe gebeten, diese 100 Rubel Emilie zu übergeben. Er hat wahrscheinlich gedacht, dass ich eine bedeutende Summe bekommen hätte, dass ich in Gold bade, ihm aber sein Geld nicht abgebe. „Anderen zu helfen, dazu hat er Geld, aber eine Schuld abzutragen, dazu hat er keines“ — das hat er sicherlich gedacht. Wenn er nur wüsste, in welche Lage ich mich selbst gebracht habe! Nachdem ich Erhebliches aus dem „Russkij Wjestnik“ entnommen hatte, sind wir das letzte Halbjahr so schlecht daran gewesen, dass jetzt unsere letzte Wäsche im Leihhaus ist. (Sagen Sie das niemand.) In der Redaktion des „Russkij Wjestnik“ aber wollte ich vor Beendigung des Romans nichts mehr verlangen. Nun aber stellen sie dort die Rechnungen zusammen und haben mir bis heute nicht geantwortet. Gewiss, ich habe gefehlt, dass ich ein ganzes Jahr nicht zahlte, und ich habe schon allzu viel bei dem Gedanken gelitten; allein ich habe während der zwei in der Fremde zugebrachten Jahre im ganzen 3500 Rubel verbraucht, wobei die Umsiedelungen, einige Sendungen nach Petersburg und meine Sonja mitgerechnet sind; da war nichts da, wovon ich hätte noch schicken sollen. Er aber hat mich indessen niemals gemahnt; so habe ich auch gedacht, er könne noch warten, und jeden Monat gehofft, ihm etwas schicken zu können. Diese 100 R. an Emilie F. müssen ihn beleidigt haben. Aber Emilie F. stirbt ja fast vor Hunger, wie sollte man da nicht helfen! Bei meiner traurigen Lage ist mir der Gedanke, dass da wieder ein mir treu ergebener Mensch mich verlässt, höchst peinvoll. Hat er Ihnen nicht irgend was gesagt, oder wissen Sie etwas darüber? Wenn Sie etwas wissen, teilen Sie mir’s mit, mein Täubchen! Andererseits ist es mir seltsam, dass sich eine sonst freundschaftliche Verbindung, welche seit dem Jahre 1846 zwischen uns besteht, um 200 R. willen auflösen sollte, zudem bin ich ohnedies von allen vergessen.“

Schon am 30. März (desselben Jahres) ist der Dichter über das „Missverständnis“ ganz beruhigt; er schreibt an Strachow: „Ich danke Ihnen ... drittens für die gute Nachricht über Apollon Nikolajewitsch. Ich werde seinen Brief in den nächsten Tagen selbst beantworten .... Ich habe in dieser letzten Zeit des „Missverständnisses“, welches durch meine Zweifelsucht entstanden war, auch nicht einen Tropfen meiner herzlichen Beziehung zu ihm eingebüsst. Darüber aber, dass er ein guter und reiner Mensch ist, hege ich schon allzulange nicht den geringsten Zweifel und bin selbst sehr froh, dass Sie sich mit einander so gut verständigt haben.“

Über die neue Zeitschrift, welcher Dostojewsky so viele Hoffnungen entgegen bringt, finden wir folgende, für des Dichters Ernst und seine fast kindliche Herzensgüte bezeichnende Stelle: „Die zweite Nummer hat mir einen ausserordentlich günstigen Eindruck gemacht. Über Ihren Artikel rede ich nicht einmal, ausser dass dies wirkliche Kritik ist, gerade das Wort, welches jetzt unentbehrlicher ist, als alles andere, und am besten die Sache beleuchtet. Der Artikel Danilewskys aber stellt sich in meinen Augen immer wichtiger und durchschlagender dar. Das ist ja — das künftige Nachschlagebuch aller Russen auf lange Zeit hinaus. Und wie viel trägt seine Sprache und Klarheit, seine populäre Form, ungeachtet seines streng wissenschaftlichen Stils, dazu bei. Diese Arbeit stimmt so sehr mit meinen eigenen Schlüssen und Überzeugungen überein, dass ich an mancher Stelle geradezu verblüfft bin über die Ähnlichkeit der Schlussfolgerungen mit den meinigen. Viele meiner Gedanken notiere ich mir schon seit langem, schon seit zwei Jahren, eben darum, weil ich einen Aufsatz, ja fast unter dem gleichen Titel, vorbereite, in ganz demselben Gedankengange und mit denselben Folgerungen. Wie freudig ist also meine Überraschung, da ich jetzt den Gedanken, die ich künftig einmal zu gestalten so sehr gedürstet habe, schon in lebender Form begegne, und zwar mit Wohllaut, harmonisch, mit einer ungewöhnlichen Kraft der Logik und auf einer solchen Stufe wissenschaftlicher Behandlung, welche ich natürlich, ungeachtet aller meiner Anstrengungen, niemals erreichen könnte.

Ich lechze so sehr nach der Fortsetzung dieses Artikels, dass ich täglich auf die Post laufe und mir alle Möglichkeiten eines schnelleren Eintreffens ausrechne. Auch darum lechze ich, diesen Artikel auszulesen, weil ich ein wenig, und das mit Schrecken, über die endgiltige Beweisführung im Zweifel bin. Ich glaube noch immer nicht, dass Danilewsky mit voller Kraft das letzte Wesen der russischen Sendung darlegen wird, welches darin besteht, den russischen Christus vor der Welt zu entschleiern, den der Welt unbekannten Christus, dessen Grund-Elemente in unserem volkstümlichen Rechtglauben enthalten sind. [Dostojewsky gebraucht das Wort „Christus“ nicht als Personennamen, sondern stets als Personifikation, wie das für einen aufmerksamen Leser in seinen Werken mehr oder weniger deutlich hervortritt.] Nach meiner Meinung liegt hier die ganze wesentliche Kraft unseres mächtigen, künftigen Zivilisations- und Erweckungswerkes, sogar in ganz Europa, und die ganze Wesenheit unseres kraftvollen, zukünftigen Seins. Aber mit einem Worte spricht man das nicht aus, und ich habe auch vergeblich zu reden angefangen.“