In demselben Briefe finden wir weiter unten die Darlegung neuer Roman-Entwürfe, zu deren Ausarbeitung in der gedachten Form es nie gekommen ist. Da heisst es: „Die verfluchten Gläubiger werden mich endgiltig umbringen — dumm hab ich’s gemacht, dass ich ins Ausland ging; wahrlich, besser wäre es gewesen, im Schuldenarrest eine Weile zu sitzen. Könnte ich mich nur mit ihnen einigen! Aber auch das kann ich nicht, weil ich persönlich nicht dort bin. Ich sage das hauptsächlich darum, weil ich zwei, sogar drei Werke im Kopfe habe, welche weiter nichts als einer ochsenhaften, mechanischen Arbeit bedürften und dabei unbestreitbar Geld einbringen würden. Es ist mir solches ja schon manchmal gelungen.
Ich habe also jetzt im Kopf: Erstlich einen grossen Roman; sein Name ist „Atheismus“. Ehe ich mich aber an ihn machen kann, muss ich fast die ganze Bibliothek der Atheïsten, der Katholiken und der Orthodoxen durchlesen. Er wird auch bei voller Arbeitsruhe nicht vor zwei Jahren fertig werden. Die Hauptperson habe ich: ein Russe unserer Gesellschaft, schon bei Jahren, nicht sonderlich gebildet, aber auch nicht ungebildet, und nicht ohne Ehren und Würden. Plötzlich, da er schon bei Jahren ist, verliert er den Glauben an Gott. Sein ganzes Leben hat er nur mit seinem Dienst zu thun gehabt, ist niemals aus dem Geleise getreten und hat sich bis zu seinem 45. Lebensjahre durch nichts ausgezeichnet. (Psychologisches Problem: tiefes Gefühl, Mensch und Russe.) Der Verlust des Glaubens wirkt auf ihn kolossal (besonders sind im Roman Wirkung und Umstände — sehr bedeutend). Er huscht herum bei den Jungen, bei den Atheisten, bei Slavophilen und Europäern, bei Fanatikern, Einsiedlern und Priestern. Unter anderem fällt er sehr stark einem agitatorischen Jesuiten ins Garn, einem Polen; er sinkt von da in die Tiefe der Flagellanten und — am Ende findet er Christum und die russische Erde, den russischen Christus und den russischen Gott (um Himmelswillen, sagen Sie es niemand, aber bei mir ist es so: diesen letzten Roman schreibe ich — ja sterben will ich meinetwegen daran, aber — ich spreche mich ganz aus).
Ach! mein Freund! Ich habe ganz andere Begriffe von der Wirklichkeit und dem Realismus als unsere Realisten und Kritiker. Mein Realismus ist realer als der ihrige. Herrgott! Wenn man nur erzählte, was wir, wir Russen in den zehn letzten Jahren unserer geistigen Entwickelung durchlebt haben — würden da die Realisten nicht schreien, dass dies Phantasie ist? Indessen aber ist es wirklicher Ur-Realismus! Das ist ja eigentlich Realismus, nur tiefer, während er bei ihnen seicht einherfliesst. Mit ihrem Realismus wirst du nicht den hundertsten Teil der thatsächlichen Geschehnisse erklären. Wir aber mit unserem Idealismus haben sogar Fakten vorhergesagt. Es ist vorgekommen. Mein Täubchen, lachen Sie nicht über mein Selbstgefühl, aber ich bin wie — —: „lobt man mich nicht, so werde ich selbst mich loben“.
Indessen aber muss man leben. Den „Atheismus“ schleppe ich nicht zum Verkauf (über den Katholicismus und die Jesuiten im Verhältnis zur Orthodoxie habe ich aber manches zu sagen). Dann habe ich die Idee zu einer ziemlich grossen Erzählung, etwa zwölf Druckbogen, die mich sehr anzieht. Noch eine Idee hab’ ich. Zu was soll ich mich entschliessen und wem die Arbeiten anbieten?“
Wer erkennt nicht in diesen Andeutungen jene Urelemente Dostojewskyscher Aussprache, die wir zerstreut und anders verteilt in den Brüdern Karamasow wiederfinden, dem Roman, der thatsächlich das letzte Wort zu sagen anhebt, dabei der Dichter „meinetwegen sterben“ will. Eine sehr bemerkenswerte, hierauf bezügliche Stelle finden wir in des Dichters Tagebuch-Notizen aus dem Jahre 1880. Da heisst es: „Die Nichtswürdigen haben mich höhnend eines ungebildeten und rückschrittlichen Gottesglaubens geziehen. Diesen Tölpeln hat eine solche Kraft der Gottesleugnung gar nicht geträumt, wie sie in dem „Inquisitor“ und dem vorangehenden Kapitel niedergelegt ist und welchen der ganze Roman als Antwort dient. Nicht wie ein Dummkopf (ein Fanatiker) also glaube ich an Gott. Und diese Leute wollen mich belehren und lachen über meine mangelhafte Entwickelung! Ja, ihrer dummen Art hat auch nicht eine solche Kraft der Verneinung geträumt, wie ich sie durchgemacht habe. An ihnen ist’s, mich zu lehren!“
Zum Schluss des Briefes die kurze Stelle über Florenz. „Florenz ist schön, aber schon gar zu nass. Die Rosen im Garten „Boboli“ blühen bis heute im Freien. Und was für Schätze in den Galerien! Mein Gott, ich habe im Jahre 1863 die „Madonna della Sedia“ übersehen! Nun besehe ich mir alles seit einer Woche und habe sie erst jetzt erblickt. Aber ausser ihr, wie viel Göttliches! Allein ich habe alles bis zur Vollendung des Romans stehen gelassen.“
Wenn irgend etwas, so sind diese Briefe aus Italien Belege dafür, dass Dostojewsky, der grosse Dichter und Schöpfer ein Apostel war, aber kein „Kunstliebhaber“ und noch viel weniger ein Dilettant. Den europäischen Leser, den Wanderer durch Italiens Natur und seine Kunstschätze muss es merkwürdig berühren, in diesen Briefen nur kurze Andeutungen all des Herrlichen zu finden, das Dichter, Künstler und Liebhaber aller Länder der Erde begeistert, zu neuen Werken anspornt, ja ihnen neue Lebenswenden und Lebensrichtungen aufnötigt. Nichts von alledem bei Dostojewsky; ja, die ewige Klage: „fern von Russland keine Anregung, keine Arbeit möglich, entsetzliche Vereinsamung, Langweile, Heimweh“, sein Urthema findet hier keinen Resonanzboden, es sind nicht russische Menschen da, an welchen er es im Geiste zu variieren vermöchte. So sehen wir ihn kämpfen, leiden, schimpfen, inmitten einer Welt, die tausenden Geistern europäischer Kultur und Kunsttendenz Anregung zur Bethätigung in Ernst und Spiel verleiht. Ja, wer den Werken des Dichters kritisch nachspürt, wird darin neben dem Nichtlitteraturmässigen, das darin zu Tage tritt und dem Überreichtum an ethischen Inhalt entspringt, geradezu ein Ablehnen des Künstlerischen finden. Die Ursache beruht wohl vornehmlich in der Konzentration seines Wesens, das ihn wohl schöpferisch, aber nicht künstlerisch zu seinen Werken veranlasst; so ist denn auch seine Wirkung auf uns viel mehr eine menschliche Erschütterung, als eine ästhetische Anregung.
Ja, es ist, als schlösse die ganz eigenartige Entwickelung russischen Schriftwesens — heute wenigstens, da diese noch im Kampfe steht — das künstlerische Moment geradezu aus, so dass von den zwei grössten Künstlern der russischen Litteratur, Turgenjew und Tolstoj, der erste von seinen Landsleuten nicht eigentlich zu Russland gerechnet wird, der letztere sich selbst erst seit jener Epoche dazu rechnet, da er der künstlerischen Auffassung des Lebens den Rücken gekehrt hat. Wenn uns aber Dostojewsky oft und oft wiederholt, wie ganz anders er seine Werke ausarbeiten würde, wenn ihm des Lebens schwere Not Zeit und Ruhe dazu liesse, so müssen wir dies so verstehen, dass alle innere Realität noch feiner herausgearbeitet wäre, alle tiefen, geheimnisvollen Beziehungen der Menschenseele zu sich selbst und ihrer Wahrheit noch urgründlicher uns aufgeschlossen würden. Allein die Gegenständlichkeit der äusseren Welt und ihre Anordnung um die inneren Geschehnisse, das Bildliche der Umgebung, die physische Zeit, kurz alles Sinnliche, das zur Kunst gehört, würde sicher nicht anders uns entgegentreten, als es heute in den Gestaltungen des Dichters der Fall ist, wo die Scenerie, in welcher die Handlung vorgeht, nicht sowohl diese beleuchtet und erklärt, als vielmehr im engsten Umkreis vom seelischen Vorgang und dessen Träger aus, wie von einer Blendlaterne in dunkler Nacht, erhellt wird; ein dem modernen französischen Impressionismus diametral entgegengesetzter Vorgang.
Wir glauben diese Beobachtung an keiner anderen Stelle so deutlich, so schlagend mit Thatsachen belegen zu können, als dies während des Aufenthalts in Italien durch des Dichters Briefe an seine Freunde sich uns darbietet. Der nächste Brief, dem wir einige Stellen entlehnen, ist ein an Strachow gerichtetes Schreiben aus Florenz vom 12. Dezember 1868. Nach einigen Erinnerungen an ihren gemeinsamen Aufenthalt in Florenz und nach Vergleichen mit dem gegenwärtigen Leben der Stadt fährt der Dichter mit Bezug auf eine Stelle aus Strachows letztem Briefe fort: „Dass die Litteratur bald schon ganz aufgehört hätte, das ist vollkommen richtig. Ja, eigentlich hat sie schon aufgehört, wenn man’s so nehmen will. Und das schon lange. Sehen Sie, mein Lieber, von diesem Gesichtspunkt aus muss man es ja ansehen: meiner Meinung nach, wenn das eigene, echt russische und originale Wort versiegt ist, so hat sie auch aufgehört; ist kein Genius in Sicht — so hat sie aufgehört. Seit Gogols Tode hat sie aufgehört. Ich wünschte so schnell als möglich etwas vom Unserigen. Sie schätzen Leo Tolstoj sehr hoch, wie ich sehe. Ich gebe zu, dass hier auch vom Unserigen vorhanden ist, aber wenig. Übrigens aber ist es ihm nach meiner Meinung gelungen, mehr als wir alle Eigenes auszusprechen, und darum ist er wert, dass man von ihm spreche. Aber lassen wir das. — Was sagen Sie aber da über sich? „Nein, hoffen Sie nicht auf mich!“ Diese Worte können doch keine ernste Grundlage haben, Nikolai Nikolajewitsch? Wenn es Ihnen endlich widerwärtig geworden ist, immerfort für bestimmte Fristen bestellte Artikel zu schreiben, so geht es uns allen ja genau ebenso. Diese Fristen und Bestellungen erdrücken zuletzt jede Stimmung, jedes Feuer, besonders mit den Jahren. Allein beruhigen Sie sich: das innerste Mark Ihrer Begeisterung werden Sie niemals verlieren. Was weiter? Schreiben Sie nicht zwölf Artikel im Jahre, schreiben Sie drei. Diese werden Sie mit Befriedigung schreiben, namentlich wenn Sie in die Wärme kommen. Aber es ist ja genug nicht nur an dreien, sondern an zweien, ja an einem vortrefflichen Artikel, um einer Zeitschrift einen Ton zu verleihen und die Aufmerksamkeit auf sie zu lenken. Aber die Hauptsache ist — die Redaktion. Die Redaktion ist die allerwichtigste Sache: unser Auge, unsere Hand und unsere immerwährende Richtung. Jetzt aber, besonders jetzt ist das die Hauptsache.“
Im nächsten, vom 10. März 1869 aus Florenz datierten Briefe an Strachow feuert der Dichter den Freund wieder an, bei der Gründung des neuen Blattes auszuharren, gegen die Opposition der Mehrheit, die jedes neue Blatt angreift, Stand zu halten. „Sie wissen ja die Antwort: Sie sollen nur schmähen, d. h. nicht schweigen, sondern reden. Sie aber sind ohne Zweifel (so wie auch ich) davon überzeugt, dass der Erfolg eines Blattes von der Minderheit abhängt. Diese Minorität wird unausbleiblich für Euch sein (sogar ungeachtet aller „Plutzer“ und Irrtümer des Blattes, welche es, wie es scheint, machen wird). Diese Minderheit wird gegen Ende des Jahres sicherlich erstarken und sich festigen. Warum ich so überzeugend spreche? Weil in diesem Blatte ein Gedanke steckt, derselbe, der jetzt unvermeidlich, unentrinnbar ist und dem allein es beschieden ist, zu wachsen, während alle anderen „klein werden“ müssen.