Schreiben Sie also, schreiben Sie in beiden Fällen: sind Sie böse, so erklären Sie die Ursachen, und sind Sie es nicht, so schreiben Sie, dass Sie mich lieben.“
Diese Stelle bedarf wohl keines Kommentars, sie ist Kommentar für vieles im Leben und in den Werken des Dichters.
„Mit dem Roman“, fährt er fort, „bin ich unzufrieden bis zum Ekel. Ich habe mich furchtbar zur Arbeit angespannt, konnte aber nichts machen: Die Seele ist krank. Jetzt will ich die letzten Anstrengungen für den dritten Teil machen. Verbessere ich den Roman — erhole ich mich selbst; wenn nicht, bin ich verloren. Ich bin diese ganze Zeit unglücklich gewesen. Sonjas Tod hat mich sowohl als meine Frau heruntergebracht. Meine Gesundheit ist nicht gut: Anfälle, das Klima von Vevey verstimmt die Nerven“, hiess es an anderer Stelle. —
Der nächste Brief, ebenfalls an Maikow gerichtet, ist schon vom 7. Oktober aus Mailand datiert. Nach einigen Entschuldigungen über sein längeres Schweigen kommt Theodor Michailowitsch auf seine Furcht eines Missverständnisses zu sprechen, die übrigens auch Maikow seinerseits zu teilen scheint. Dies redet er jenem aus: „Nein, mein Herz ist anders geartet, und sehen Sie, wir haben einander vor 22 Jahren kennen gelernt (zuerst bei Belinsky, erinnern Sie sich?). Seit jener Zeit hat mich das Leben viele Male hierhin und dorthin geschleudert und mich mit seinen Variationen manchmal verblüfft, zuletzt aber, jetzt in diesem Augenblick — sind ja nur Sie da, d. h. der einzige Mensch, an dessen Herz und Seele ich glaube, den ich liebe und mit dessen Ideen und Überzeugungen die meinigen in eins verschmolzen sind. Kann es denn anders sein, als dass Sie mir fast so teuer sind, als mein verstorbener Bruder? Ihre Briefe haben mich erfreut und ermutigt; denn mein Seelenzustand ist ein sehr trauriger. Auch hat mich vor allem die Arbeit gequält und erschöpft. Es ist schon fast ein Jahr, dass ich 3½ Druckbogen im Monat schreibe. Das ist schwer. Dabei nichts von russischem Leben, nichts von russischen Eindrücken ringsherum; für meine Arbeit war das aber von jeher unentbehrlich. Endlich, wenn Sie auch die Idee meines Romans loben, seine Ausführung war bis jetzt nicht eine glänzende. Es quält mich der Gedanke sehr, dass, könnte ich einen Roman voraus, etwa ein Jahr voraus schreiben, und hätte dann zwei bis drei Monate zu Reinschrift und Korrekturen vor mir, ganz etwas anderes herauskäme — dafür stehe ich gut. Jetzt, da mir das alles klar geworden ist, sehe ich es deutlich.“
Weiter heisst es dann: „Mein hiesiges Leben wird mir schon allzu schwer. Gar nichts Russisches, nicht ein Buch, nicht eine Zeitung habe ich nun schon volle sechs Monate zu Gesicht bekommen; dazu völlige Vereinsamung. Im Frühling, als wir Sonja verloren hatten, übersiedelten wir nach Vevey, dorthin kam auch Anna Grigorjewnas Mutter zu uns. Allein Vevey reizt die Nerven. Gegen das Ende unseres dortigen Aufenthalts erkrankte sowohl meine Frau als auch ich selbst. Und nun sind wir vor zwei Monaten über den Simplon nach Mailand gekommen. Hier ist das Klima besser, aber das Leben ist teurer, es regnet viel und ausserdem — tötliche Langweile. Anna Grigorjewna ist geduldig, doch sehnt sie sich nach Russland, und wir beide weinen um Sonja. Wir leben trübselig und klösterlich. Anna Grigorjewnas Charakter ist empfänglich, thätig; hier kann sie sich mit nichts beschäftigen. Ich sehe, dass sie sich grämt, und obwohl wir einander fast noch mehr lieben, als vor 1½ Jahren, so drückt es mich doch, dass sie mit mir in einer so traurigen Abgeschiedenheit lebt. Das ist sehr schwer zu tragen. In der Perspektive steht weiss Gott was. Wenn wenigstens der Roman vollendet wäre, so wäre ich freier. Nach Russland zurückkehren, daran ist schwer zu denken — keinerlei Mittel. Das heisst soviel als: hinkommen und in den Schuldenarrest hineinfallen. Aber dort bin ich ja nicht mehr ein Arbeitsmensch. Gefängnis ertrage ich infolge meiner Epilepsie nicht, folglich werde ich im Gefängnis auch nicht arbeiten. Womit werde ich dann anfangen die Schulden zu tilgen, und wovon werde ich leben? Wenn mir die Gläubiger ein Jahr Ruhe liessen — sie haben mir aber durch drei Jahre keinen ruhigen Moment gelassen —, so würde ich dazu kommen, ihnen nach einem Jahre durch meine Arbeit die Schuld abzutragen. Wie bedeutend auch meine Schulden sind, so sind sie doch nur ein Fünftel dessen, was ich schon mit meiner Arbeit abgezahlt habe. Ich bin ja auch fortgefahren, um zu arbeiten. Und nun hat die Idee des „Idioten“ Sprünge bekommen. Wenn er auch einen gewissen Wert hat oder haben wird, so ist wenig Effekt darin; Effekt aber ist für die zweite Auflage unumgänglich notwendig, auf die ich noch vor wenigen Monaten blind rechnete und die etwas Geld eintragen könnte. Jetzt, da der Roman noch nicht einmal vollendet ist, ist an eine zweite Auflage gar nicht zu denken. Käme ich nach Russland, wüsste ich, woran ich arbeiten und Geld verdienen sollte; hab’ ich doch seinerzeit genug verdient! Hier aber werde ich stumpf, begrenzt, entferne mich im Geiste von Russland; keine russische Luft, keine Menschen! Die russischen Emigranten endlich, die kann ich schon gar nicht begreifen, das sind — Wahnsinnige.
Das ist also die Lage, in der wir uns befinden. In Mailand aber zu bleiben ist auch unmöglich. Wir wollen in einem Monat nach Florenz übersiedeln, dort werde ich auch den Roman beendigen. Geld bekomme ich immer noch von Katkow. Es ist schrecklich, was wir en tout verbrauchen, obwohl wir uns furchtbar einschränken. Bald, mit der Vollendung des Romans, endet auch, das versteht sich, die Geldeinnahme von Katkow. Dann: abermals Plackerei und Sorge. Indessen ist doch meine Schuld an Katkow, wenn man sie mit dem zusammenrechnet, was ich zuerst vorausgenommen, jetzt bedeutend verringert.
Ihrem Leben bin ich ganz entfremdet, obwohl mein ganzes Herz bei Ihnen weilt und Ihre Briefe mir wahre Himmelsmanna sind. Ich habe mich über die Nachricht von einem neuen Journal überaus gefreut. Ich habe niemals etwas von Kaschpirew gehört, bin aber sehr froh, dass Nikolai Nikolajewitsch (Strachow) endlich eine seiner würdige Beschäftigung findet. Gerade er muss Redakteur sein und darf sich nicht auf irgend ein Ressort in der neuen Zeitschrift beschränken, sondern soll die Seele des Ganzen sein. In diesem Falle wird die Sache Zukunft haben. Jetzt also, was kann es jetzt besseres für Nikolai Nikolajewitsch geben? Die Hauptsache ist, dass er an seinem Ort frei schalten kann.
Es wäre sehr wünschenswert, dass die Zeitschrift unbedingt im russischen Geiste gehalten sei — so wie Sie und ich das verstehen —, wenn auch, sagen wir, nicht im rein slavophilen Geiste. Nach meiner Meinung, lieber Freund, brauchen wir den Slaven nicht allzuviel nachzulaufen, eben nicht allzu sehr. Sie müssen zu uns kommen. Nach dem Panslavisten-Kongress in Moskau haben nämlich viele von ihnen, als sie nach Hause kamen, über die Russen von oben herab darüber gewitzelt, dass sie sich daran gemacht haben, andere zu führen und gleichsam den Slaven zu imponieren; dabei sei bei ihnen selbst wenig zu finden und welch ein Mangel an Selbsterkenntnis usw. Und glauben Sie mir, dass viele von den Slaven, in Prag z. B., uns vollständig vom westlichen, vom deutschen, vom französischen Standpunkt aus beurteilen und sich vielleicht sogar darüber verwundern, dass sich bei uns die Slavophilen wenig um die allgemein angenommenen Formen der abendländischen Civilisation bekümmern. Was sollen wir also hinter den Slaven her sein? Sie studieren — das ist eine andere Sache; auch ihnen helfen. Aber sich zur Verbrüderung hinzwängen, ist nicht nötig; ich meine nur: sich hinzwängen; denn: sie als Brüder betrachten und an ihnen brüderlich handeln, das sollen wir unbedingt.
Auch hoffe ich sehr, dass Nikolai Nikolajewitsch der Zeitschrift auch eine politische Schattierung verleihen wird — von Selbsterkenntnis gar nicht zu reden. Selbsterkenntnis — das ist unsere lahme Stelle, die brauchen wir. In jedem Falle wird es Nikolai Nikolajewitsch glänzend machen, und ich bereite mich mit unersättlicher Lust darauf vor, seine Artikel zu lesen, die ich so lange, seit der „Epocha“ nicht gelesen habe. Es wäre gut, wenn sich das Blatt von vorn herein so unabhängig als möglich machte, besonders in der Litteratur, so dass es z. B. 2000 Rubel für Sachen im Genre „Minin“ oder anderer historischer Dramen von Ostrowskij zahlte; wenn er nun gar Kaufmanns-Komödien hergiebt, so kann man sie auch bezahlen. Mit einem Wort: die Litteratur müsste man, nach meiner Meinung endlich in die Hand nehmen und nicht nur den Namen bezahlen, sondern lediglich das Werk — was bis heute noch keine Zeitschrift zu thun gewagt hat, „Wremja“ und „Epocha“ nicht ausgenommen. Ohne vortreffliche Arbeit aber in den ersten zwei Nummern einer Zeitschrift darf man sie gar nicht herausgeben; das heisst gleich anfangs tausend Abonnenten fallen lassen.“
Der nächste Brief ist aus Florenz vom 11. Dezember 1868 datiert und sehr eilig und geschäftsmässig geschrieben. Über den „Idiot“ finden sich folgende Stellen darin: „Ich habe mich entschlossen, für das Dezemberheft alles fertig zu machen, sowohl den vierten Teil als den Schluss; mit dem Vorbehalt jedoch, dass das Heft etwas später erscheine. Aber ich werde von heute an sieben Druckbogen in vier Wochen schreiben müssen. Ich habe plötzlich erkannt, dass ich imstande bin, das zu thun, ohne den Roman sehr zu verderben. Dazu kommt, dass alles, alles übrige schon mehr oder weniger aufgezeichnet ist und ich jedes Wort auswendig weiss. Wenn der „Idiot“ Leser hat, so werden diese vielleicht durch das Unerwartete des Schlusses ein wenig betroffen sein. Allein nach einigem Nachdenken werden sie zugeben, dass ich es so ausgehen lassen musste. Überhaupt ist dieser Schluss einer der gelungenen, d. h. als Schluss betrachtet. Ich spreche nicht über den Wert des Romans im besonderen; aber wenn ich damit fertig sein werde, schreibe ich Ihnen als Freund eines oder das andere darüber, was ich selbst davon denke.“