Apollon Nikolaewitsch, mein Täubchen, ich fühle, dass ich Sie als meinen Richter ansehen kann. Sie sind ein Mann von Herz, wovon ich mich schon lange überzeugt habe; und endlich habe ich Ihr Urteil immer hochgeschätzt. Es ist mir nicht schmerzlich, mich vor Ihnen schuldig zu bekennen. Aber ich schreibe dies nur an Sie allein. Geben Sie mich dem Urteil der Menschen nicht preis! An Baden-Baden vorüberkommend fiel es mir ein, mich dahin zu wenden. Es verfolgte mich der lockende Gedanke, 10 Louisd’ors zu wagen, um vielleicht 2000 Frcs. als Zugabe zu gewinnen, das wäre ja dann genug auf vier Monate, um mit allem und allen Petersburgern zu leben; das schlimmste war, dass ich auch früher schon manchmal gewonnen hatte, und das allerschlimmste, dass meine Natur niedrig und allzu leidenschaftlich ist. Überall und in allem gehe ich bis an die äusserste Grenze, mein ganzes Leben habe ich das Mass überschritten. Der Teufel hat dann auch sofort ein Stückchen mit mir aufgeführt: In drei Tagen gewann ich mit ungewöhnlicher Leichtigkeit 4000 Frcs. Jetzt will ich Ihnen erklären, wie sich mir nun alles darstellte. Von der einen Seite dieser leichte Gewinnst — von 100 Frcs, in drei Tagen 4000 —, von der anderen Seite — Schulden, Klageschriften, seelische Unruhe, die Unmöglichkeit nach Russland zurückzukehren. Endlich drittens, die Hauptsache — das Spiel selbst. Wissen Sie, wie Einen das hineinzieht? Nein, ich schwöre es Ihnen, da ist nicht Habgier im Spiele, obwohl mir vor allem Geld um Geldeswillen nötig war. Anna Grigorjewna beschwor mich, ich solle mich mit den 4000 Frcs. zufrieden geben und sofort abreisen. Aber eine so leichte und mögliche Möglichkeit, alles zu reparieren! Und welche Beispiele! Ausser dem eigenen Gewinnst siehst Du täglich, wie andere zu 20 und 30000 Frcs, einziehen. (Die Verlierenden siehst Du ja nicht.) Wodurch haben sie’s verdient? Mir ist das Geld nötiger als ihnen. Ich riskierte also weiter und verlor. Ich fing an mein Letztes zu verlieren, wurde aufgeregt bis zum Fieber — und verlor. Ich fing an die Kleider zu versetzen: Anna Grigorjewna versetzte all ihre Habe, die letzten Sächelchen (welch ein Engel! wie tröstete sie mich, wie quälte sie sich in dem verfluchten Baden in den zwei Stübchen über der Schmiede, wohin wir übersiedelt waren!). Endlich war’s genug — alles war verloren. Endlich musste man sich retten und von Baden fortkommen. Ich schrieb abermals an Katkow, bat abermals um 500 Rubel (ohne der Umstände zu erwähnen; allein der Brief war aus Baden datiert, und so ahnte er wohl etwas). Nun, und er hat’s ja geschickt! Hat’s geschickt! So sind also jetzt 4000 vom „Russkij Wjestnik“ vorausgenommen!“
Im weiteren Verlauf des Briefes rechnet Dostojewsky dem Freunde die Auslagen vor und kommt zur Schlussmitteilung, dass sie in Genf angekommen seien, bei zwei alten Frauen Quartier genommen haben und nun am vierten Tage ihres Aufenthalts 18 Francs in der Tasche und weitere 50 Rubel für die zwei nächsten Monate in Aussicht haben. Nun folgt einer jener bekannten kindlich schlauen Feldzugspläne, die wir in seinen ausführlichen Briefen immer schon kommen sehen, die uns Rührung und Lächeln zugleich abgewinnen über des Dichters Menschliches und Allzumenschliches! In einem Briefe vom 15. September an denselben Freund erwähnt er, dass dessen 125 Rubel sie gerettet haben.
Doch beklagt sich Theodor Michailowitsch sehr über seine Gesundheit, welcher das Klima schade, da er jeden zehnten Tag ungefähr einen Anfall habe, nach welchem er sich fünf Tage nicht erholen könne. Schliesslich folgende Stelle: „Habe ich Ihnen schon über den hiesigen Friedenskongress geschrieben? Ich habe in meinem Leben nicht nur keinen solchen Unsinn gesehen oder gehört, sondern nicht einmal angenommen, dass die Menschen solcher Dummheit fähig wären. Alles war dumm: wie sie sich vereinigten, wie sie die Sache durchführten und wie sie die Entscheidung trafen. Natürlich hatte ich schon früher keinen Zweifel darüber, dass ihr erstes Wort Zank sein werde. So geschah es auch. Sie fingen mit dem Antrag an, man möge votieren, dass grosse Monarchieen überflüssig seien und dass man lauter kleine daraus machen solle; dann: dass es keinen Glauben zu geben brauche usw. Es gab vier Tage Geschrei und Geschimpfe: Wir aber, bei uns zu Hause, wenn wir die Erzählungen davon lesen und hören, sehen wahrlich alles verkehrt. Nein mit eigenen Augen solltet Ihr schauen, mit eigenen Ohren hören.“ Über Genf, seine ungünstigen klimatischen Verhältnisse und deren Rückschlag auf seine Gesundheit drückt sich Theodor Michailowitsch in einem Briefe vom 21. Oktober geradezu verzweifelt aus. Im Zornausbruch sagt er: „Und was sind das für selbstzufriedene Prahlhänse! Das ist ja ein Zeichen besonderer Dummheit, mit allem so zufrieden zu sein! Alles ist hier hässlich, faul, teuer, Alles ist hier betrunken! So viele Renommisten und so viele betrunkene Schreiliesen giebt es sogar in London nicht. Und alles bei ihnen, jeder Pfosten — ist herrlich und grossartig. „Wo ist die Rue N. N.?“ — „Voyez monsieur, vous irez tout droit, et quand vous passerez près de cette majestueuse et élégante fontaine en bronze, vous prendrez etc.“ — Diese majestueuse élégante fontaine — ist der allerhinfälligste, geschmackloseste Rococo-Quark; aber man kann nicht anders, als sich brüsten, wenn Einer nur um die Strasse fragt usw.“
Nun finden wir eine grosse Lücke in der Korrespondenz. Der nächste Brief an Maikow ist nach einem Zeitraum von sechs Monaten geschrieben. In diese Zeit fällt die Geburt Sonjas, des Kindes, welches das Ehepaar so sehr beglückt haben muss, wie wir aus dem tiefen Schmerz über ihren drei Monate später erfolgten Tod ersehen. Eine Reihe intimer Briefe aus jener Zeit ist teilweise in Verlust geraten, zum Teil nicht aus der Hand gegeben worden. In dem rein geschäftlichen Briefe vom 21. April 1868 wird nur an einer Stelle des Kindes erwähnt: „Einzig und allein das Kind zerstreut uns beide, — aber es ist eine quälende Freude — wenn Du in die Zukunft blickst — ach!“
Am 18. Mai aber beherrscht der eben erlittene Verlust des Kindes schon den ganzen Brief. „Meine Sonja ist gestorben, vor drei Tagen haben wir sie begraben. Zwei Stunden vor ihrem Tode habe ich es nicht gewusst, dass sie sterben wird; der Arzt hatte drei Stunden vor der Katastrophe gesagt, dass ihr besser sei und dass sie leben werde. Sie war im ganzen eine Woche krank — eine Lungenentzündung war’s. Ach, Apollon Nikolaewitsch! mag doch meine Liebe zu meinem ersten Kindchen lächerlich gewesen sein, mag ich mich doch lächerlich in meinen vielen Antwortschreiben auf die Glückwünsche darüber ausgedrückt haben! Es war ja nur ich, der für sie lächerlich war, aber Ihnen, Ihnen zu schreiben fürchte ich mich nicht. Dieses winzige, drei Monate alte Wesen, so armselig, so klein — für mich war es schon eine Persönlichkeit und ein Charakter. Sie fing schon an, mich zu erkennen, lieb zu haben, sie lächelte, wenn ich auf sie zukam. Wenn ich ihr mit meiner komischen Stimme Lieder sang, so liebte sie ihnen zu lauschen. Sie hat nie geweint oder das Gesichtchen verzogen, wenn ich sie küsste; sie hat zu weinen aufgehört, wenn ich zu ihr trat. Und nun sagen sie mir zum Troste, ich würde noch andere Kinder haben. Wo aber ist Sonja? Wo ist diese winzige Persönlichkeit, um derentwillen ich, offen spreche ich’s aus, die Kreuzmarter auf mich nähme, wenn sie nur leben würde? Nun — lassen wir das, meine Frau weint. Übermorgen werden wir uns endlich von unserem kleinen Grabhügel trennen und irgend wohin fortfahren. Anna Nikolajewna (Anna Grigorjewnas Mutter) ist mit uns. Sie ist eine Woche vor des Kindes Tode gekommen.“
„Die letzten vierzehn Tage, seit dem Beginn von Sonjas Krankheit, habe ich gar nicht arbeiten können. Abermals habe ich eine Entschuldigung an Katkow geschrieben, und im Maiheft des „Russkij Wjestnik“ werden abermals nur drei Kapitel erscheinen. Allein, ich hoffe jetzt Tag und Nacht ununterbrochen arbeiten zu können, und vom Juniheft angefangen wird der Roman wenigstens anständig erscheinen.“ (Es handelt sich um den „Idiot“.)
Im nächsten Brief, der vom 22. Juni aus Vevey an Maikow gerichtet ist, entschuldigt sich der Dichter über sein langes Schweigen damit, dass er trotz vieler Anfälle und grosser Erschöpfung thatsächlich Tag und Nacht gearbeitet habe. Wieder auf seinen Verlust zurückkommend sagt er noch einmal: „Niemals bin ich unglücklicher gewesen, als in dieser ganzen letzten Zeit. Ich will Ihnen nichts beschreiben, aber je mehr die Zeit vorschreitet, umso brennender ist die Erinnerung, und desto lebendiger stellt sich mir das Bild der verstorbenen Sonja vor die Augen. Es giebt Minuten, die ich nicht ertragen kann. Sie hat mich schon gekannt, sie hat mich an ihrem Todestage — als ich aus dem Hause ging, um die Zeitungen zu lesen, ohne zu ahnen, dass sie in zwei Stunden sterben würde — da hat sie mir so mit ihren Äuglein nachgeschaut, dass ich es bis jetzt, und immer deutlicher und deutlicher sehe. Nie werde ich das vergessen und niemals werde ich aufhören, mich darüber zu quälen! Wenn auch ein anderes Kind da sein wird, so begreife ich nicht, wie ich es lieben werde, wo ich Liebe dafür aufbringe, ich brauche Sonja! Ich kann nicht begreifen, dass sie nicht da ist und ich sie niemals mehr sehen werde.“
In einem Anfalle seines alten Zweifels, ob man auf ihn „nicht böse sei“, schreibt er am 19. August nach einer Klage darüber, dass er keine Antwort erhalten habe: „Dafür giebt es wohl zwei Gründe: 1. Sie sind auf mich über etwas böse geworden, 2. es ist entweder mein Brief oder der Ihre in Verlust geraten.“
„Ich glaube um keinen Preis an die erste Ursache: Ihr Brief (der letzte, vom Mai) war so, dass ich nicht begreifen kann, dass es möglich wäre, nach so herzlichen Gefühlen gegen mich, plötzlich wieder böse auf mich zu werden, und darum glaube ich blind, dass mein Brief in Verlust geraten ist. Die Petersburger Polizei öffnet und liest alle meine Briefe, und da der Genfer .... allen gegebenen Daten nach (bemerken Sie wohl, nicht Annahme, sondern Daten) bei der geheimen Polizei Dienste leistet, so sind auch im hiesigen (Genfer) Postamte, mit welchem er in geheimer Verbindung steht — wie ich sicher weiss — einige meiner Briefe zurückgehalten worden. Schliesslich habe ich ein anonymes Schreiben erhalten, das mir mitteilt, ich werde verdächtigt (weiss der Teufel wessen verdächtigt), und dass befohlen worden sei, meine Briefe zu eröffnen und mich an der Grenze zu erwarten, wenn ich sie passiere, um mich unvermutet und strengstens zu visitieren. Darum glaube ich fest, dass Ihnen entweder mein Brief nicht zukam oder der Ihrige verloren ist. (NB. Aber wie soll ein reiner Mensch, ein Patriot, der sich ihnen bis zur Abwendung von seinen früheren Überzeugungen hingegeben hat, der den Kaiser vergöttert — wie soll er Verdächtigungen etwa einer Beziehung zu irgend welchen Polaken oder dem Kolokol[27] ertragen ...! Unwillkürlich sinken einem da die Hände, die ihnen dienen wollten. Wen haben sie nicht alles von den Schuldigen bei uns übersehen, und den Dostojewsky verdächtigen sie!)“
An einer anderen Stelle dringt es doch hervor, dass Dostojewsky dieses „Nichtglauben an das böse sein“ mehr als Festigung für sich gesagt habe, denn als einen Ausfluss wirklichen Vertrauens. Er sagt: „Apollon Nikolajewitsch, mein Freund (Sie selbst haben mich Ihren Freund genannt), wie schwer war es mir manchmal in jener Zeit, bei dem Gedanken, dass Sie böse auf mich sind!