„Durchaus nicht. Die Zivilisation muss alles ausgleichen, und wir werden erst dann glücklich sein, wenn wir vergessen werden, dass wir Russen sind und jeder allen ähnlich sein wird. Man darf nicht auf Katkow hören!“
„Sie also lieben Katkow nicht?“
„Er ist ein Nichtswürdiger!“
„Warum?“
„Weil er die Polen nicht liebt.“
„Lesen Sie sein Journal?“
„Nein, ich lese es niemals.“
Dieses Gespräch gebe ich buchstäblich wieder, dieser Mensch gehört zu den jungen Progressisten, hält sich aber übrigens, wie es scheint, abseits von allen anderen. In was für knurrigen und verachtenden Spitzigkeiten bewegen sie sich doch im Auslande!
Er teilte mir mit, dass er ein endgiltiger Atheist sei. Aber du mein Gott: der Deismus hat uns Christum geschenkt, d. h. eine so erhabene Vorstellung des Menschen, dass man ihn nicht ohne Andacht begreifen kann, und dass man nicht anders kann, als glauben, dies sei das Ideal der Menschheit für alle Ewigkeit. Sie aber — —[26] haben sie uns hingestellt? Anstatt der höchsten göttlichen Schönheit, auf welche sie spucken, sind sie alle so niedrig, selbstsüchtig, so schamlos aufreizend, so leichtfertig, hochmütig, dass es unverständlich ist, was sie erhoffen und was ihnen nachfolgen wird. Russland und die Russen hat er abscheulich, unanständig geschmäht. Was ich aber beobachtet habe ist dies: alle diese Liberälchen und Progressisten, namentlich jene, die noch aus der Schule Belinskys sind, halten es für ihr vornehmstes Vergnügen und ihre grösste Befriedigung, über Russland loszuziehen. Der Unterschied liegt darin, dass die Nachfolger ......s einfach Russland schmähen und ihm offen den Zusammenbruch wünschen (vor allem den Zusammenbruch!) Diese Ableger aber fügen hinzu, dass sie Russland lieben. Dabei aber ist ihnen nicht nur alles, was nur in Russland halbwegs selbständig ist, verhasst, so dass sie es ablehnen und mit Lust in Karikatur verwandeln, vielmehr, wenn man ihnen thatsächlich ein Faktum vorlegte, das man auf keine Weise leugnen oder in eine Karikatur verstümmeln könnte, sondern mit dem man unbedingt einverstanden sein müsste, so würden sie, meine ich, bis zum Schmerz, zur Qual, bis zur Verzweiflung unglücklich sein. Zweitens habe ich bemerkt, dass sie (wie alle, welche lange Zeit nicht in Russland gewesen sind) entschieden die Thatsachen nicht kennen (obwohl sie Zeitungen lesen) und so gröblich jedes Empfinden Russlands verloren haben, dass sie ganz gewöhnliche Fakten nicht begreifen, die unser russischer Nihilist nicht einmal leugnet, sondern nur in seinem Sinne karikiert. Unter anderem hat er gesagt, dass wir vor den Deutschen kriechen sollten, dass es nur einen allen gemeinsamen und unausweichbaren Weg gebe: die Zivilisation, und dass alle Anläufe zum Russismus und zur Selbständigkeit — Schweinerei und Dummheit sind ....
Endlich plagte sowohl mich als Anna Grigorjewna die Unruhe und Beklemmung in Dresden allzusehr. Dazu kamen hauptsächlich zwei Fakten: 1. Nach Briefen, welche mir Pascha einsandte (er hatte mir nur einmal geschrieben), zeigte es sich, dass die Gläubiger die Klage eingereicht hatten; folglich war an eine Rückkehr vor der Tilgung nicht zu denken. 2. Fühlte meine Gattin sich in gesegneten Umständen (dies bitte ich, unter uns, die neun Monate werden im Februar voll, folglich kann man umsoweniger zurückkehren). 3. Was geschieht aber mit meinen Petersburgern, mit Emilie Fjodorowna (der Schwägerin), mit Pascha und einigen anderen? Geld. Geld! und es ist keines da. 4. Sollen wir irgendwo überwintern, so sei es im Süden. Dabei möchte man Anna Grigorjewna doch irgend was zeigen, sie zerstreuen, mit ihr ein wenig reisen. Wir haben beschlossen, irgendwo in der Schweiz oder in Italien den Winter zuzubringen. Dabei kein Geld! Das Vorausgenommene ist schon sehr stark geschmolzen. Ich habe an Katkow geschrieben, ihm die ganze Lage auseinandergesetzt und ihn abermals um 500 Rubel Vorschuss gebeten. Wie denken Sie? er hat’s geschickt! Was ist das für ein vortrefflicher Mensch! Ein Mann von Herz! Wir sind in die Schweiz aufgebrochen. Aber hier muss ich meine Niedrigkeiten und Laster erzählen.