Der erste Brief, in den wir nach seiner Abreise Einblick haben, ist vom 28. August 1867 aus Genf datiert, an Maikow gerichtet. Nach einer einleitenden Entschuldigung, dass er so lange geschwiegen habe, und einem jener Vertrauensanfalle, die uns bei Dostojewsky immer wie die Reversseite des Misstrauens erscheinen, bei dem wir ihn den besten Freunden gegenüber manchmal ertappen, beginnt er die zusammenfassende Erzählung seines Reiselebens wie folgt:

„Sie wissen, wie ich abgereist bin und aus welchen Gründen. Der Hauptgründe waren zwei: 1. Nicht nur die Gesundheit, nein, das Leben zu retten. Die Anfälle wiederholten sich schon in jeder Woche; diese Nerven- und Gehirnzerrüttung aber zu empfinden und klar zu erkennen, das war unerträglich. Der Geist begann thatsächlich sich zu zerrütten. Das ist thatsächlich wahr. Die Nervenstörungen aber brachten mich manchmal zu Wutausbrüchen. Die zweite Ursache, oder Situation, war diese: die Gläubiger konnten nicht mehr länger warten, und zur Zeit meiner Abreise war schon durch Latkin und später durch Petschatkin die Klage gegen mich eingereicht. Noch ein Kleines und sie nahmen mich fest. Nehmen wir an — ich will keine schönen Worte machen und mich aufschmücken — nehmen wir an, das Schuldgefängnis wäre mir in einer Hinsicht auch sehr nützlich: Aktualität, Material, ein zweites „Totenhaus“; mit einem Wort, es gäbe Material mindestens für 4-5000 Rubel, aber ich habe eben erst geheiratet und, ausserdem, würde ich den heissen Sommer im Tarassowschen Hause aushalten? Das war eine unlösbare Frage. Wäre es mir aber unmöglich geworden im Tarassowschen Hause, bei zunehmenden Anfällen, litterarisch thätig zu sein — wie hätte ich dann die Schulden bezahlt? Und die Verpflichtungen waren schrecklich angewachsen.

Ich ging also fort, allein den Tod in der Seele. Ans Ausland habe ich nicht geglaubt, d. h. ich war überzeugt, der geistige Einfluss des Auslandes werde ein sehr schädlicher sein. Allein, ohne Material, mit einem jungen Geschöpf, das sich mit naiver Freude anschickte, mein Wanderleben zu teilen — ich aber sah in dieser naiven Freude viel Unerfahrenheit und erste Glut, und das bedrückte und quälte mich sehr. Ich fürchtete, Anna Grigorjewna werde sich in dieser Zweisamkeit mit mir langweilen; auch sind wir ja bis heute mitsammen ganz allein. In mich aber setzte ich keine Hoffnungen: mein Wesen ist krankhaft, und ich sah voraus, dass sie sich mit mir abquälen werde. (NB. Allerdings hat sich Anna Grigorjewna als stärker und tiefer erwiesen, als ich sie gekannt und vermutet hatte, und in vielen Fällen war sie mir geradezu ein Schutzengel; dabei war aber auch viel Kindliches, Zwanzigjähriges, das wunderschön und natürlich unvermeidlich ist, dem zu entsprechen ich aber kaum die Kraft und Fähigkeit habe. Alles dieses hat mir bei der Abreise vorgeschwebt, und obwohl, ich wiederhole es, Anna Grigorjewna sich kräftiger und trefflicher erwies, als ich gedacht hatte, so bin ich dennoch, auch heute, nicht beruhigt.) Endlich bedrückte mich die Kargheit unserer Mittel. Wir reisten mit einer durchaus nicht grossen Barschaft und mit einer Vorschuss-Schuld von 3000 Rubel an Katkow ab. Ich rechnete allerdings damit, dass ich im Auslande sofort zu arbeiten beginnen würde. Was aber kam heraus? Ich habe bis jetzt nichts oder nahezu nichts geleistet und mache mich erst jetzt ernstlich und endgiltig an die Arbeit. Freilich, darüber, ob ich gar nichts gethan habe, bin ich noch im Zweifel; dafür hat man viel durchempfunden und manches ersonnen; aber Niedergeschriebenes, Schwarz auf Weiss ist noch wenig da, dieses Schwarz auf Weiss aber ist ja das Endgiltige, das allein wird bezahlt. Nachdem wir das langweilige Berlin so schnell als möglich hinter uns gelassen — wo ich mich einen Tag aufhielt, wo die langweiligen Deutschen es zuwege brachten, meine Nerven bis zur Bosheit zu reizen, und wo ich das russische Bad besuchte — gingen wir nach Dresden, mieteten eine Wohnung und setzten uns auf einige Zeit fest.

Die Wirkung davon war für mich eine sehr seltsame: sofort warf sich mir die Frage auf: wozu bin ich in Dresden, gerade in Dresden und nicht anderswo, und was zwang mich gerade dazu, alles an einem Orte zu verlassen und nach einem anderen zu fahren? Die Antwort war ja klar (Gesundheit, Schulden usw.); allein das Erbärmliche war auch das, dass ich es zu deutlich empfand, dass es für mich jetzt, wo immer ich auch leben mochte, ganz gleich sei — ob in Dresden oder anderswo. Überall war ich in der Fremde, überall ein abgerissenes Bruchstück. Ich wollte mich sofort an die Arbeit machen und fühlte, dass es damit durchaus nicht gehe, dass der Eindruck durchaus nicht der richtige sei. Ich las, ich schrieb einiges, war von Sehnsucht, dann von Hitze gequält — die Tage vergingen einförmig. Wir gingen regelmässig nach Tische im Grossen Garten spazieren, hörten billige Musik, dann lasen wir, dann gingen wir schlafen. In Anna Grigorjewna’s Charakter kam ein entschieden antiquarischer Zug zum Vorschein (das freut mich und unterhält mich sehr). Es ist z. B. ihre Hauptbeschäftigung, irgend welche dumme Rathäuser zu besichtigen, sie zu verzeichnen, zu beschreiben, was sie mit ihren stenographischen Zeichen ausführt und womit sie schon sieben Büchlein vollgeschrieben hat. Aber mehr als alles hat sie die Galerie eingenommen und aufgeregt, und ich war sehr erfreut darüber, weil dadurch in ihrer Seele zu viele Eindrücke entstanden sind, um Langweile aufkommen zu lassen. Sie hat die Galerie täglich besucht.

Soviel wir aber auch über alle die Unseren, über die Petersburger und die Moskauer gesprochen und debattiert haben, über Sie und Anna Iwanowna — es war teilweise doch recht trübselig. Meine Gedanken will ich Ihnen nicht beschreiben. Viele Eindrücke haben sich aufgespeichert. Ich habe russische Zeitungen gelesen und mir damit das Herz erleichtert. Da habe ich’s endlich empfunden, dass sich in mir genug Material angesammelt hatte für einen ganzen Artikel über das Verhalten Russlands Europa gegenüber und über die oberste Schichte der russischen Gesellschaft. Aber, was soll man davon reden! Die Deutschen haben mich nervös gemacht, unser russisches Leben der höheren Kreise aber mit ihrem Glauben an Europa und die Zivilisation — ebenfalls. Die Vorgänge in Paris waren ein Schlag für mich. Auch die guten Pariser Advokaten schrieen: Vive la Pologne! Puh! wie abscheulich, namentlich wie dumm und wie wohldienerisch! Ich habe mich in meiner früheren Idee nur noch bestärkt, dass es für uns teilweise sogar vorteilhaft ist, dass uns Europa nicht kennt und so schlecht kennt. Die Details aber des Prozesses Berezowski! Wie viel fauler Schleppträgerei! Aber die Hauptsache, die Hauptsache ist — wie wenig sind sie mit ihren Reden noch weiter gekommen, wie ist alles noch auf demselben Fleck, alles auf demselben Fleck!

Auch Russland erscheint unsereinem von hier aus plastischer, das ungewöhnliche Faktum der Mündigkeit und unerwarteten Reife des russischen Volkes angesichts all unserer Reformen (sei es auch nur die der Gerichtsbarkeit), und gleichzeitig die Kunde von dem durch den Kreisrichter des Orenburger Gouvernements durchgeprügelten Kaufmann erster Gilde! Eines fühlt man: dass das russische Volk dank seinem Wohlthäter und dessen Reformen nach und nach in eine solche Lage gekommen ist, dass es unwillkürlich Thatkraft, selbständiges Sehen erlernt, und darin liegt die ganze Kunst. Bei Gott, die heutige Zeit ist, was den Durchbruch und die Reformen anlangt, fast wichtiger als die Zeiten Peters. Und die Eisenbahnen? So schnell als möglich nach dem Süden, so schnell als möglich[25]; darauf kommt alles an. Bis dahin überall die rechte Gerichtsbarkeit, und dann, was für eine grosse Wiedergeburt! (Über all dieses denkt man hier nach, träumt man, über all dieses schlägt einem das Herz.) Obwohl ich hier fast mit niemand verkehre, kann man doch nicht umhin, manchmal unversehens auf jemand zu stossen.

In Deutschland begegnete mir ein Russe, der ständig im Auslande lebt, alljährlich auf drei Wochen nach Russland reist, seine Einkünfte einstreicht und wieder nach Deutschland zurückkehrt, wo er Frau und Kinder hat, die alle germanisiert sind. Ich fragte ihn unter anderem: warum er sich eigentlich expatriiert habe? Er antwortete wörtlich (mit gereizter Heftigkeit): „hier ist Zivilisation, bei uns aber Barbarei. Ausserdem giebt es hier keine Nationalitäten. Ich sass gestern im Coupé und konnte den Franzosen nicht vom Engländer oder vom Deutschen unterscheiden.“

„Das ist also, nach Ihrer Meinung, Fortschritt?“

„Wie denn nicht, natürlich!“

„Ja wissen Sie, dass das vollkommen unrichtig ist? Der Franzose ist vor allem Franzose, der Engländer — Engländer, nur sie selbst zu sein ist ihr höchstes Ziel, ja noch mehr, es ist das eben ihre Kraft.“