Glauben Sie an die volle Aufrichtigkeit, mit der ich Ihnen die mir dargereichte Hand drücke; erheben Sie sich aber im Geiste und formulieren Sie Ihr Ideal. Sie haben es ja bis zum heutigen Tage gesucht, oder nicht?

Mit aufrichtiger Hochachtung

Ihr
Th. Dostojewsky.“

Mehr als langatmige Abhandlungen es vermöchten, kündet uns dieser Brief die ganze Eigenart Dostojewskys. Gleichsam im Vorübergehen, wie unbewusst, streift er einige der bedeutendsten Probleme der Gegenwart und löst sie in seinem ihm eigenen Sinn. In seiner Freude über jene, welche den „Idioten“ als sein bestes Werk ansehen, steckt eine ganze Ethik der unbefleckten Wahrheit, so wie in jener Parallele zwischen Christ und Kommunard sein soziales Glaubensbekenntnis enthalten ist. Die Andeutung über die Lüge, die „in gegebenem Falle eine sehr ernste und komplizierte Sache“ ist, deckt sich mit dem Ausspruch, den er Rasumichin in den Mund legt: „Lügen wir uns zur Wahrheit durch“, und reisst gleichsam vor unseren Augen das Dornengestrüpp der Lüge auseinander, das oft unseren Weg zur Wahrheit umwirrt; und wie gewandt endlich kehrt er, in der Berührung der Judenfrage, seines Korrespondenten eigene Waffe gegen diesen, um damit zum hundertsten Male sein Credo an die „nationale Grundlage“ des Volks zu erhärten. —

Das Leben in Florenz war ebenso einförmig wie das in Genf gewesen, doch gab es hier viele Kunstsammlungen, welche nicht nur von Anna Grigorjewna, sondern auch von Theodor Michailowitsch oft besucht wurden. Des Dichters Lieblinge waren hier Rafaels „Madonna della Sedia“ und „Johannes der Täufer“. Ganz besonders entzückte den Dichter der Campanile und Ghibertis Thor des Battisterio. Auch ein Lesesaal war hier, wo man russische Zeitschriften finden konnte. Ausserdem beschäftigte sich Dostojewsky hier mit den Dichtern der 40er und 50er Jahre, namentlich Balzac und George Sand. Bekannte Russen gab es hier gar keine, so dass das Ehepaar zehn Monate in Florenz zubrachte, ohne mit irgend jemand ein russisches Wort zu wechseln. Übrigens empfand Theodor Michailowitsch eine ausserordentliche Sympathie für das italienische Volk und fand es immer dem russischen sehr ähnlich. In Theater-Aufführungen kamen sie sehr selten, weil sie allzuwenig Geld hatten, um sich ein solches Vergnügen zu gestatten.

Im Juli 1869 ging das Ehepaar über Venedig, Triest, Wien und Prag nach Dresden. Venedig machte auf den Dichter einen besonders bezaubernden Eindruck und es blieb immer das Ziel seiner Träume. Er hatte es anfangs vorgehabt, sich in Prag niederzulassen, um mit Rieger und Palacky näher bekannt zu werden, welche ihn sehr interessierten. Der Umstand jedoch, dass in Prag keine möblierten Wohnungen zu finden waren, nötigte ihn, Dresden zu seinem Wohnort zu erwählen. Hier wurde ihm am 14. September (1869) die zweite Tochter geboren und das brachte neue Freuden und neue Sorgen in das Leben der Wandernden. Den Dichter erfüllte die Geburt einer Tochter mit Glück und er widmete diesem Kinde jede freie Minute, wie sie auch sein erster Gedanke beim Erwachen war. Zu Ende des Jahres schrieb Dostojewsky den „Hahnrei“ und das ganze Jahr 1870 hindurch die „Dämonen“ (in einer Übersetzung „Die Besessenen“ genannt), welche anfangs 1871 im „Russkij Wjestnik“ zu erscheinen begannen.

Auch hier fand Theodor Michailowitsch keine näheren Bekannten; übrigens liebte er es nicht besonders, im Auslande Verkehr mit Russen zu pflegen, die er nur oberflächlich kannte. Seine Lektüre schöpfte er hier aus russischen Zeitschriften und einigen Werken, die er mit sich genommen oder sich verschrieben hatte, so die Werke Belinskys, „Krieg und Frieden“ von Tolstoj und einige andere. Das Buch jedoch, zu welchem er immer wieder zurückkehrte und das ihn, seit er es von den Frauen der Dezembristen in Sibirien auf dem Wege dahin erhalten, nie verlassen hatte, war das Evangelium.

In Dresden musste die Familie zwei Jahre verbleiben und, wie Anna Grigorjewna selbst berichtet hat, es gehörten gerade diese zwei Jahre zu den schwersten Zeiten der freiwilligen Verbannung. „Er litt immer mehr darunter,“ sagte sie, „dass er sich von Russland entfernt habe, es nicht mehr kenne.“ In seinen Briefen drückt er oft diese Sehnsucht nach Russland aus. Allein die Rückkehr war schwer zu bewerkstelligen, weil man dazu von vornherein grosse Geldsummen brauchte. Dazu gehörte, dass man nicht nur hier ganz loskam, dass man nach Petersburg übersiedelte, sondern die Wechsel und Schulden einlöste, welche von der Leitung der „Epocha“ her noch unbeglichen waren. Lange warteten sie auf günstige Umstände, aber so viel Geld brachten sie doch nie auf. Ungeachtet ihres höchst bescheidenen Lebens wurde doch alles eingesandte Geld zu diesem verbraucht. Ein bedeutender Teil ging für die Erhaltung der Witwe des dahingeschiedenen Bruders, ein anderer für die des (offenbar nicht wohlgeratenen) Stiefsohnes Theodor Michailowitschs auf, ebenso für die Interessen der bei der Abreise versetzten Effekten (die zuletzt doch verfielen). Da sie keinen Ausgang aus allen diesen Schwierigkeiten vor sich sahen, dabei aber fühlten, dass es ihnen unerträglich wurde, unter diesen Verhältnissen in der Fremde weiter zu leben, entschlossen sie sich, alle Folgen einer solchen Rückkehr auf sich zu nehmen, und kehrten am 8. Juli 1871 nach Petersburg zurück, wo am 16. desselben Monats ihr erster Sohn Theodor geboren wurde.

IX.
Briefwechsel aus der Fremde.
(1867-1871.)

Blättern wir nun in den Briefen des Dichters aus dieser Zeit der Selbstverbannung, so finden wir darin die Bestätigung alles dessen, was Strachow darüber berichtet und Anna Grigorjewna selbst erzählt, alles was wir durch sie über äussere Ereignisse, Verhältnisse und Stimmungen erfuhren. Diese Briefe in extenso zu bringen, müssen wir aus zwei Gründen verzichten. Einmal weil die Zahl der uns vorliegenden, 42, einen Umfang von etwa zehn Druckbogen grossen Formats einnimmt, die Länge einzelner oft sehr beträchtlich ist, ohne dass uns daraus neues Material für die Erkenntnis des Dichters erwüchse. Dann aber, und dies ist wichtiger, weil seine Richtung durch alles Vorangegangene und namentlich durch das Tagebuch besser gekennzeichnet ist als durch diese Briefe, deren Wiederholungen mit ihrem Nachdruck auf gewisse rein persönliche geschäftliche Beziehungen und Kontroversen von einem deutschen Publikum gleichgiltig, ja wohl missverständlich müsste aufgenommen werden. Auch jenen Briefen, welche hier angefügt werden, müssen wir eine Bemerkung voransetzen, welche der Leser dieser Aufzeichnungen wohl selbst gemacht hat, die aber als Merkmal von Dostojewskys Wesen hervorgehoben zu werden verdient. Des Dichters Briefe sind alles andere eher als „geistreiche Briefe“; sie sind in noch viel höherem Grade als seine künstlerischen und publizistischen Schriften nicht litteraturmässig. In seiner Grossartigkeit und Unmittelbarkeit (bei allem Raffinement des Künstlers) hier wie überall um die Form unbekümmert, sorglos um die tausend Sachen und Sächelchen, die er da oder dorthin in das rechte Licht stellen könnte, ist Dostojewsky in seinen Briefen einfach wie die Alltäglichkeit, ja durchaus Alltagsmensch, und wir glauben ihm aufs Wort, was er noch im Jahre 1856 aus Sibirien an Apollon Maikow schrieb: „— — Verzeihen Sie die Zerfahrenheit meines Briefes. In einem Briefe kann man niemals etwas Ordentliches schreiben. Darum eben kann ich die Mme. de Sévigné nicht leiden. Sie hat allzu gute Briefe geschrieben.“ Dostojewskys Stil ist sowohl in seinen Werken, als in seinen Briefen so, wie ihn Nietzsche fordert (ohne ihn selbst zu haben): „nicht der kunterbunt superlativistische, sondern der einer zu vornehmer Einfachheit geadelten Alltäglichkeit“.