Geehrter Herr Kowner!
„Ich habe Ihnen lange nicht geantwortet, weil ich ein kranker Mensch bin und sehr schwer an meiner Monatsschrift arbeite. Auch muss ich jeden Monat einige Dutzende von Briefen beantworten. Endlich habe ich eine Familie und noch andere Geschäfte und Verpflichtungen. Ich habe thatsächlich keine Musse zum Leben, und mich in eine längere Korrespondenz einzulassen, ist mir unmöglich. Besonders mit Ihnen.
Ich habe selten etwas gelesen, das geistvoller geschrieben wäre, als Ihr erster Brief an mich (Ihr zweiter Brief ist etwas für sich).
Ich glaube Ihnen vollkommen alles, was Sie mir darin über sich selbst sagen. — Über Ihr einstmals begangenes Verbrechen haben Sie sich so klar und (wenigstens was mich anbelangt) so verständlich ausgedrückt, dass ich, ohne Ihre That in deren Einzelheiten zu kennen, diese jetzt mindestens ebenso ansehe, wie Sie selbst.
Sie beurteilen meine Romane. Darüber kann ich natürlich nicht mit Ihnen reden; doch hat es mir gefallen, dass Sie den „Idiot“ als den besten darunter hervorheben. Stellen Sie sich vor, dass ich dieses Urteil schon fünfzig Mal, wenn nicht öfter, gehört habe. Das Buch wird auch alljährlich verkauft und jedes Jahr in einer grösseren Anzahl von Exemplaren. Ich habe den „Idioten“ darum jetzt genannt, weil alle, die mit mir darüber als von meinem besten Werke sprechen, etwas besonderes in der Zusammensetzung ihrer Geistesfähigkeiten haben, das mich sehr berührt und mir sehr gefällt. Wenn sich diese Geistesrichtung nun auch bei Ihnen findet, so ist das für mich nur um so besser, natürlich wenn Sie aufrichtig sind. Aber wenn es auch nicht so wäre ....
NB. Die zwei Zeilen Ihres Briefes, worin Sie sagen, dass Sie keinerlei Reue über das von Ihnen begangene Verbrechen in der Bank empfinden, sind nicht recht nach meinem Sinne. Es giebt etwas, das höher ist, als die Beweisführung der Vernunft und aller erdenklichen hinzugetretenen Umstände, etwas, dem sich zu unterwerfen ein jeder sich verpflichtet fühlen muss (das heisst, wieder als einem Symbol). Sie sind vielleicht so gescheit, dass Sie sich über diese unerbetene Offenheit meiner Bemerkung nicht beleidigt fühlen; denn, erstens bin ich nicht besser, als Sie oder irgend Einer (und dies ist durchaus keine falsche Demut, wozu auch?); und zweitens, wenn ich Sie auch in meinem Herzen freispreche (so wie ich auch Sie auffordere, mich freizusprechen), so ist es immer besser, wenn ich es thue, als wenn Sie selbst es thun. Scheint Ihnen das unklar? (Hier nebenbei zur Erläuterung eine kleine Parallele. Der Christ, das heisst der volle, der höhere, ideale Christ sagt: „Ich habe meinen Besitz mit den armen und niederen Brüdern zu teilen, ich habe ihnen allen zu dienen.“ Der Kommunard aber sagt: „Du hast mit mir, dem Armen und Niedrigen zu teilen, du hast uns zu dienen.“ Der Christ wird recht, der Kommunard wird unrecht haben.) Übrigens ist Ihnen vielleicht jetzt noch unverständlicher, was ich Ihnen sagen wollte.
Nun zu den Juden. Über ein solches Thema kann man sich in einem Briefe nicht aussprechen, besonders mit Ihnen nicht .... Sie sind so gescheit, dass wir einen solchen strittigen Punkt auch in hundert Briefen nicht erledigen und uns dabei nur abquälen würden. Ich will Ihnen nur sagen, dass ich auch von anderen Israeliten Briefe mit ähnlichen Bemerkungen bekommen habe. So habe ich namentlich vor kurzem einen ideal vornehmen Brief von einer Jüdin erhalten, welcher ebenfalls mit bitteren Vorwürfen schloss. Ich denke, ich werde, veranlasst durch diese mir von Israeliten gemachten Vorwürfe, einige Zeilen im Februarheft meines Tagebuches schreiben (das ich übrigens noch nicht zu schreiben begonnen habe, da ich bis heute noch infolge meines letzten epileptischen Anfalles leidend bin). Jetzt sage ich Ihnen nur, dass ich durchaus kein Feind der Juden bin, niemals ein solcher war. Allein — schon ihr, vierzig Jahrhunderte währender Bestand beweist, wie Sie selbst mir sagen, dass dieses Geschlecht eine ausserordentliche Lebenskraft besitzt, welche im Laufe seiner ganzen Geschichte nicht anders konnte, als sich als verschiedene status in statu formulieren. Ein sehr kräftiger status in statu ist unbestreitbar auch bei unseren russischen Juden vorhanden. Wenn es aber so ist, wie ist es dann anders möglich, als dass sie, wenigstens teilweise, zur Wurzel der Nation, zur russischen Volksfamilie eine Dissonanz bilden? Sie weisen auf die Intelligenz der Juden hin — nun, Sie selbst sind ja auch eine Intelligenz und — sehen Sie nur ...
Aber lassen wir das, dies Thema ist ein zu langes. Ich habe viele Bekannte, die Juden sind, auch Jüdinnen, die mich auch jetzt oft um Rat angehen. Doch lesen sie das „Tagebuch eines Schriftstellers“; und obwohl sie, wie alle Israeliten, was das Judentum anbelangt, empfindlich sind, so sind sie mir doch nicht feind und kommen doch zu mir.
Was die Sache der Kornilowa[24] anlangt, bemerke ich nur, dass Sie nichts wissen, daher auch nicht kompetent sind. Aber was sind Sie doch für ein Lehrling. Mit einem solchen Blick auf das Herz des Menschen und seine Handlungen bleibt ja nichts übrig, als im Kot materieller Genüsse zu versinken ...
... Übrigens kenne ich Sie ja, ungeachtet Ihres Briefes, gar nicht. Ihr Brief (der erste) ist hinreissend schön und gut. Ich will mit voller Seele glauben, dass Sie vollkommen aufrichtig sind. Aber auch wenn Sie nicht aufrichtig wären ... es ist dies einerlei; denn Unaufrichtigkeit in einem gegebenen Falle ist eine in ihrer Art höchst komplizierte und sehr tiefe Sache. —