Überwältigt von dieses Menschen aufrichtiger Bemühung um ihn, ruft ihn Weltschaninow noch einmal an sein Lager und sagt halbmurmelnd: „Sie — Sie — Sie sind besser als ich! Ich begreife alles, alles ... ich danke Ihnen.“ — Trussotzky löscht das Licht aus und legt sich leise auf den zweiten Divan nieder. Es ist nach dem Gewitter tiefdunkel in der Stube, wo schwere Vorhänge das Licht ausschliessen. Nur vom Nebenraum her dringt ein schwacher Schein herein. Weltschaninow hat einen beängstigenden Traum. Er hat ihn schon einmal gehabt, als Trussotzky das erste Mal bei ihm übernachtet hatte und er ihn plötzlich mitten im Zimmer stehend mehr fühlte als sah. Ihm war auch diesmal, als kämen immer mehr Leute die Treppe herauf und zu ihm herein, sodass die Stube zu voll wird, um darin atmen zu können. Endlich hört er genau, ebenso wie damals, drei Glockenschläge an der Wohnungsthür und erwacht mit einem Schrei.

Eine Eingebung heisst ihn mit vorgestreckten Händen dorthin eilen, wo Paul Pawlowitsch schläft. Da berühren seine Hände zwei andere Hände, etwas Scharfes schneidet in seine Linke und fällt darauf zu Boden. Es ist sein Rasiermesser, das gerade heute zufällig auf dem Tischchen neben dem Divan liegen geblieben war. Nun folgt ein minutenlanger, lautloser Kampf, der damit endet, dass Weltschaninow trotz seiner Schwäche Trussotzky niederwirft und ihm die Hände mit der Vorhangschnur, die er mit Zorneskraft abgerissen, auf dem Rücken zusammenbindet.

Es ist nun fünf Uhr geworden. Weltschaninow lässt den vollen Tag herein, eilt zu einem Schrank um ein Handtuch, verbindet sich damit die blutende Hand, hebt das Rasiermesser vom Boden auf, verwahrt es an seinem Ort und wendet sich zuletzt Trussotzky zu, welchem es indessen gelungen war sich aufzurichten und in einen Stuhl zu setzen. Plötzlich blickt er halb stumpf empor und deutet nach der Wasserflasche: „Wasser möcht’ ich“, flüstert er. Weltschaninow giesst ein Glas voll ein und führt es zu seinen Lippen, bis der Durst schluckweise gestillt ist. Darauf nimmt Weltschaninow sein Kopfkissen und begiebt sich in das Nebenzimmer zur Ruhe, nachdem er vorher Trussotzky nach aussen eingeschlossen hat.

Wir lassen hier den Dichter erzählen: „Seine Schmerzen waren ganz vergangen, allein er empfand aufs neue eine ungeheure Mattigkeit, jetzt nach der aussergewöhnlichen Anspannung seiner ihm, weiss Gott woher, zugeströmten Kräfte. Er wollte versuchen sich den ganzen Vorgang vorzustellen, allein seine Gedanken vermochten sich noch nicht aneinander zu reihen; der Schlag war allzu stark gewesen. Bald fielen ihm die Augen zu und blieben etwa zehn Minuten geschlossen, bald zuckte er plötzlich zusammen, erwachte, erinnerte sich an alles, erinnerte sich seiner schmerzenden, in das blutnasse Handtuch gewickelten Hand und begann fieberhaft, wühlend, nachzudenken. Klar wurde ihm nur eines: dass Paul Pawlowitsch ihm thatsächlich hatte die Gurgel abschneiden wollen, dass er aber möglicherweise eine Viertelstunde vorher nicht wusste, dass er es thun werde. Das Rasierzeug (das übrigens sonst immer im Schreibtisch eingeschlossen lag) war von ihm vielleicht erst am Abend mit dem Blick gestreift worden, ohne jedoch dabei irgend einen Gedanken in ihm zu erwecken. „Wenn er sich schon seit langem vorgenommen hätte, mich umzubringen — fiel ihm unter anderem ein —, so hätte er sicherlich schon ein Messer oder eine Pistole vorbereitet und nicht auf mein Rasiermesser gerechnet, das er bis zum gestrigen Tage noch nie gesehen hat.“

Der Dichter kommt auf das Unbewusste im Handelnden zurück, und damit beim Leser auch kein Irrtum sei, wie er Trussotzky zu betrachten habe, lässt er diesen eben das noch nie gesehene Rasiermesser benutzen. Er geht noch weiter. Im Kapitel, das ‚Analyse‘ überschrieben ist, nimmt Weltschaninow den Faden seiner Folgerungen — nachdem er Trussotzky entlassen hat — folgendermassen wieder auf. „Diese Leute,“ dachte er, „eben diese Leute, welche vor einer Minute noch nicht wussten, werden sie den Hals abschneiden oder nicht, — wenn die schon einmal das Messer in ihre zitternde Hand nehmen und sie den ersten Spritzer heissen Bluts auf ihren Fingern fühlen, dann bleibt es nicht beim Schneiden allein — den ganzen Kopf schneiden sie dann herunter: ‚zum Wohlsein‘, wie die Arrestanten sagen. So ist es.“

Dieses tiefe Eindringen in den Blutrausch der unbewusst Mordenden zeigt er noch ausführlicher in der Besprechung des Prozesses der Kairowa, welche „noch am Vorabend sicher nicht wusste, ob und wie weit sie ihrer Rivalin in die Gurgel schneiden werde“. Auch in jener ergreifenden Gerichtsszene, wo Dmitri Karamasow erzählt, er habe daran gedacht, den Vater zu töten, aber den mörderischen Stössel von sich in den Garten geschleudert, er wisse nicht warum — „es muss wohl in diesem Augenblick meine Mutter für mich gebetet haben“, meint er — auch hier ist das Mysterium betont, die tiefen Zusammenhänge der Möglichkeiten in der Menschenseele, über die kein Gesetz je gerecht zu entscheiden vermag.

Im weiteren Verlauf der Analyse kommt Weltschaninow-Dostojewsky zu seltsamen Schlüssen: „Wenn es also entschieden ist, dass er mich ohne Vorbedacht umzubringen auf dem Wege war, grübelte Weltschaninow, ist ihm dieser Gedanke etwa schon einmal früher in den Sinn gekommen, wenn auch nur wie eine Vorstellung in einem zornigen Augenblick?“ „Er löste die Frage seltsam, — damit, dass Paul Pawlowitsch ihn wohl umbringen gewollt, dass aber der Gedanke des Mordes dem künftigen Mörder auch nicht einmal eingefallen war.“ Kürzer gesagt: „Paul Pawlowitsch wollte umbringen, allein er wusste es nicht, dass er umbringen wollte. Das ist unsinnig, aber es ist so,“ dachte Weltschaninow: „er ist wegen meiner hergefahren und mit Lisa hergekommen!“ „Und war denn das wahr, das alles wahr,“ rief er, plötzlich den Kopf vom Kissen erhebend und die Augen öffnend, „alles, was dieser ... Verrückte mir gestern über seine Liebe zu mir vorgeredet hat, als sein Kinn zu zittern begann und er sich mit der Faust an die Brust schlug?“ „Vollkommene Wahrheit,“ entschied er, sich immer mehr in die Analyse vertiefend, „dieser Quasimodo aus T. war genug dumm und edelmütig dazu, um sich in den Liebhaber seiner Frau zu verlieben. [Man merke hier die Anschauung des Weltmannes Weltschaninow, wie sie der Dichter markiert.] Einer Frau, der er zwanzig Jahre lang nichts anmerkte. Er achtete mich neun Jahre lang, ehrte mein Andenken und erinnerte sich an meine ‚Aussprüche‘ — Herrgott, und ich wusste von gar nichts! Er konnte gestern nicht lügen! Aber, liebte er mich gestern, als er mir seine Liebe erklärte und sagte: ‚werden wir quitt?‘ Ja, aus Bosheit liebte er mich; diese Liebe ist die allerstärkste.“

Nun lässt der Dichter Weltschaninow sich erinnern, welchen Eindruck er auf diesen „Schiller in der Form eines Quasimodo“ gemacht habe. [Bei den Russen ist der Name Schiller als ein Gattungsname für verschrobene, hohle Idealisten eingebürgert.] Den günstigsten, vor allem durch seine Handschuhe und die Art, sie zu tragen; „denn die Quasimodos lieben die Ästhetik, hu, wie sie sie lieben! Handschuhe sind ganz genügend für manche edle Seele, gar aus dem Geschlechte der ‚ewigen Gatten‘.“ Weltschaninow geht alle Phasen von Trussotzkys Zustand durch, natürlich in der Beleuchtung des leichtfertigen Weltmannes. „Wenn auch dieser, wem kann man danach noch trauen!“ — „Nach einem solchen Aufschrei wird man ein Tier!“ denkt er bei sich.

„Hm! er ist hergekommen, um mich zu umarmen und mit mir zu weinen“, wie er selbst es in der niedrigsten Weise ausgedrückt hat — das heisst, er kam, um mich umzubringen, und dachte dabei, es sei „um mich zu umarmen und mit mir zu weinen“ ... Auch Lisa hat er hergebracht ... Wie aber, wenn ich mit ihm geweint hätte, da hätte er mir vielleicht thatsächlich verziehen, weil er schrecklich das Bedürfnis hatte, zu verzeihen! .. Alles das hat sich aber bei der ersten Begegnung in betrunkene Gewaltstücke, in Karikatur verwandelt, in weibisches Geheul über die Beleidigung. (Hörner hat er sich vor mir auf die Stirne gemacht, Hörner!) Darum ist er auch in trunkenem Zustand gekommen, um sich wenigstens fratzenhaft auszusprechen usw. Und wie er in der Nacht herumgesprungen ist, die Teller zu wärmen, dachte eine Abwechselung zu machen — vom Messer zum innigen Mitgefühl! Sich und mich wollte er retten — mit gewärmten Tellern! ...“

Endlich kommt Weltschaninow zur Ruhe, schläft sich aus, erwacht mit einem unendlichen Gefühl der Erleichterung, dass „alles vorüber sei“, geht an diesem Tage viel aus und hat Mühe sich zurückzuhalten, um nicht dem ersten besten sein Erlebnis zu erzählen. Nach einer gut zugebrachten Nacht erwacht er mit einem ungeheueren Schrecken. Er fühlt, dass er: Trussotzky aufsuchen muss. „Warum? Wozu? Darüber wusste er nichts und empfand einen tiefen Widerwillen es zu wissen, wusste aber nur das, dass er gewiss aus irgend einem Grunde dahin kriechen werde.“