Also auch hier versäumt es der Dichter nicht, das echt russische Schuld- und Ausgleichsbedürfnis in die Gegenfigur des in zwei gespaltenen Menschen ohne Gott zu legen. Den Weltmenschen wie den Sünder treibt das unbewusste Verlangen geheimnisvoll nach dem „Quittwerden“ mit äusseren und inneren Geschicken. Ohne dass ein einziges Mal im ganzen Buche der christliche Gedanke mittelbar oder unmittelbar ausgesprochen würde, sehen wir, wie er sich allmählich aus den Zuständen und den endgiltigen Schicksalen dieser Beiden herausschält.
Weltschaninow macht sich also auf den Weg zu seinem Mörder, begegnet aber dem jungen Studenten, Nadjas „Bräutigam“, in angeheitertem Zustand, der ihn mit dem Namen Trussotzkys anspricht. Weltschaninow ergänzt halb unbewusst, seiner inneren Vermutung folgend: „— — hat sich erhenkt“. „Ei was erhenkt, wir haben ihn zur Bahn begleitet, im Waggon noch mit ihm getrunken, auch auf Ihr Wohl.“ — —
Im letzten Kapitel, einer Art Epilog, mit der Aufschrift „Der ewige Gatte“, finden wir Weltschaninow zwei Jahre später, verjüngt, voll frischer Lebenspläne, seine ehemaligen „hypochondrischen Schrullen“ belachend, auf der Reise. Er hat seine Erbschaft angetreten, verwaltet sein Vermögen vernünftig, hat sein tägliches gutes, kleines „Diner“, verkehrt wieder mit der „Gesellschaft“, wo ihn „alle“ wieder aufs freundlichste in ihrer Mitte aufnehmen, als sei er nur „verreist gewesen“. Er fährt nach Odessa, um einen Freund zu besuchen und eine interessante Dame zu treffen, deren Bekanntschaft er schon lange zu machen gewünscht hat. Da, auf einem Kreuzungspunkte der Bahnlinien, fällt ihm ein, dass eine andere interessante Dame, eine ehemalige Bekannte, nicht weit von der Station, jedoch auf der anderen Linie ihre Besitzung habe und dass er sehr wohl die Fahrt unterbrechen könne, um auch sie zu besuchen. Doch war er noch nicht ganz entschlossen und erwartete, da ein Aufenthalt von 40 Minuten vollauf Zeit liess, irgend einen „Anstoss von aussen“.
Da entsteht im Gedränge der Fahrgäste beider Züge auf dem Bahnsteig eine laute Szene. Eine hübsche und sehr auffallend gekleidete junge Dame aus der Provinz zerrt einen betrunkenen, sehr jungen Offizier hinter sich her, welcher Skandal macht und ihr nicht in den Saal folgen will. Man drängt sich um sie, macht schlechte Witze, verlacht, beschimpft sie endlich. Sie sieht sich ängstlich nach jemand um, der ihr helfen möchte. Weltschaninow eilt herzu, nimmt sie in Schutz, packt einen sie belästigenden Krämer am Kragen und schafft im Nu Ruhe, da alles vor dem eleganten Herrn zurücktritt. Die Dame fliesst vor Dankbarkeit über, der junge Ulan brüllt ein besoffenes „Dddanke!“ und streckt sich auf zwei Stühle aus, wo er einschläft.
Weltschaninow hat der Vorfall interessiert: die Frau ist hübsch, scheint reich zu sein, wenn auch von etwas komisch kleinstädtischen Manieren. Sie dankt ihm wiederholt, schmäht auf ihren Mann, der, weiss Gott wohin verschwunden sei. Da taucht plötzlich ein bekannter Kahlkopf aus der Menschenmenge hervor; er kommt gerade auf die Gruppe zu. Es ist der Gatte; Paul Pawlowitsch steht vor Weltschaninow. Die Frau überhäuft ihn mit Vorwürfen und stellt ihm den Retter vor. Weltschaninow durchbricht die Entsetzensstarre, die jenen erfasst hatte, legt seinen rechten Arm kameradschaftlich um des anderen Schulter und sagt lachend: „Wir sind ja Freunde, von Kindheit an, hat er Ihnen nicht von Weltschaninow gesprochen?“ Olympia Semjonowna ladet nun diesen dringend ein, sie auf ihrem Gute zu besuchen, was er auch bestimmt zusagt.
Paul Pawlowitsch beeilt sich, die Gattin samt dem „jungen Verwandten“ in den Waggon zu bringen, und kehrt vor Aufregung zitternd zu Weltschaninow zurück, um ihm das Versprechen abzunehmen, dass dieser sie nicht besuchen werde. Es wird zur Abfahrt geläutet. Olympia und der Ulan rufen: „Paul Pawlowitsch! Paul Pawlowitsch!“ Paul Pawlowitsch wurde abermals unruhig und fing an, sich hin und her zu drehen; da packt ihn der — nun durch Gesundheit von aller Sentimentalität befreite — Weltschaninow am Ellbogen, hält ihn fest und sagt: „Wollen Sie, ich gehe sofort zu Ihrer Gattin und erzähle ihr, wie Sie mich einmal umbringen wollten — ha?“ „Was wollt Ihr, Herr, was wollt Ihr — Gott bewahre Euch.“ „Paul Pawlowitsch, Paul Pawlowitsch!“ hört man wieder rufen. Endlich lässt Weltschaninow ihn los. „Nun, gehen Sie endlich“ sagt er, ihn gutmütig anlachend. [Wie charakteristisch hier die Leichtfertigkeit des Weltmenschen, der einen Scherz aus der Sache macht und den Mörder „gutmütig anlacht“; wie echt russisch auch!]
„Also Sie kommen nicht?“ flüsterte fast verzweifelt Paul Pawlowitsch zum letzten Male und legte sogar, wie ehemals, die Hände bittend vor ihm zusammen. „Ich schwöre es Ihnen ja, ich komme nicht! Laufen Sie, sonst giebts Verdruss.“ Und er streckte ihm behäbig breit die Hand entgegen — er streckte sie hin — und zuckte zusammen: Paul Pawlowitsch nahm die Hand nicht, zog sogar die seine zurück.
Da ertönte das dritte Glockenzeichen. In einem Augenblick ging nun etwas Seltsames mit den Beiden vor sich; es war, als wären Beide in ihr Gegenteil umgewandelt. Etwas zuckte und riss an Weltschaninow, der eben erst so gelacht hatte. Er packte Paul Pawlowitsch fest und wütend an der Schulter. „Wenn schon ich, ich Ihnen diese Hand reiche“ — und er wies ihm die linke Handfläche, in welcher die Schramme der Schnittwunde deutlich zu sehen war — „so können Sie sie wohl nehmen!“ stiess er leise mit zitternden, erbleichenden Lippen hervor. Auch Paul Pawlowitsch war bleich geworden und auch seine Lippen bebten. Wie Krämpfe lief es über sein Gesicht. „Und Lisa. Herr?“ lallte er im schnellen Flüstortone — und plötzlich begannen ihm Lippen, Kinn und Wangen heftig zu zittern und zu zucken, und Thränen stürzten aus seinen Augen. Weltschaninow stand vor ihm, zur Säule erstarrt. „Paul Pawlowitsch, Paul Pawlowitsch!“ brüllte man aus dem Waggon, als würde dort jemand umgebracht — und plötzlich ertönte ein Pfiff. Paul Pawlowitsch kam zu sich, schlug die Hände zusammen und begann über Hals und Kopf zu rennen. Der Zug hatte sich schon in Bewegung gesetzt, allein es gelang ihm irgendwie, sich anzuhängen, und er sprang im vollen Lauf noch zurecht gerade in seinen Waggon.
Weltschaninow blieb auf der Station und fuhr, nachdem er einen anderen Zug abgewartet, erst abends, doch in der früher eingeschlagenen Richtung weiter. Nach rechts, zur Bekannten auf dem Landgute fuhr er nicht — es war ihm so gar nicht danach zu Mute. Und wie hat er das später bereut!“
Wen erschütterte nicht dieser mächtige und doch so einfache Schluss? Die tiefe Unruhe des Weltmannes wie die des „ewigen Gatten“, jener Beiden, die mit sich und mit einander nicht „quitt“ werden können, weil sie das nicht in sich tragen, was allein den „irrationalen Rest“ zwischen Begierde und Erfüllung aufhebt: einen Gott — der Künstler hat sie in jedem von ihnen gestillt. Aber wenn er den Weltmann mit jenen letzten Worten „wie hat er das später bereut!“ entlässt, ihn also seine Ruhe endgiltig in den wiedergewonnenen Lebensgenüssen finden lässt, so schüttet sein Genius über das Haupt des von Schmerzen zuckenden, widerwärtigen Sünders etwas von jenem Liebesstrom aus, dem einst die Worte entstiegen: „Ihr wird viel vergeben, denn sie hat viel geliebt.“